Waiblingen 30 Jahre Mauerfall: Verhaftet, verurteilt, freigekauft

Mike Michelus berichtet aus der Zeit der DDR. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen. Er war provokant, unangepasst und unbequem: Mike Michelus passte definitiv nicht ins sozialistische Raster der DDR. Mit 19 Jahren wurde er verhaftet, kam in Isolationshaft und wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Ein Jahr später wurde er von der BRD freigekauft. Die Geschichte von Mike Michelus ist die eines unglücklichen Jungen. Und die Geschichte eines angepassten DDR-Vorzeigeschülers, der zum Außenseiter und Stasi-Häftling wurde.

Als guter Schüler, Sportler, Agitator der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und Abiturient schien das Leben von Mike Michelus als Bilderbuch-Sozialist in festen Bahnen. Weil seine alleinerziehende Mutter den ganzen Tag berufstätig war, wurde er vor allem von seinen Lehrern erzogen: überzeugten Kommunisten, die ihn zu einem linientreuen Bürger machen wollten. Schon als 16-Jähriger verpflichtete er sich auf sanften Druck von oben zum dreijährigen Wehrdienst: Der junge Mike hätte in der DDR leicht Karriere machen können.

"Ich wollte mit dem System nichts mehr zu tun haben"

„Ich habe mich selbst als kleinen Kommunisten bezeichnet“, erzählte Michelus, der heute Bühnentechniker beim Theater Lindenhof in Melchingen ist, vor Oberstufenschülern der Kaufmännischen Schule. Seine Zweifel am System kamen leise und allmählich. Ein verpöntes Konzert, ein verbotenes Schultheaterstück; Lehrer, die die eigenen Wahrheiten nach politischen Vorgaben änderten; Diskussionen über die Umweltverschmutzung in der DDR, die von Staats wegen unterdrückt wurden: „So wollte ich nicht werden“, sagt Mike Michelus. Das Gymnasium sei für ihn die Zeit der Ernüchterung gewesen. „Ich wollte mit dem System nichts mehr zu tun haben.“

Während die anderen Schüler im Unterricht saßen, verteilte er in seiner Schule heimlich Flugblätter über die Abholzung des Regenwaldes. Prompt kam die Stasi an die Schule, um die Umweltschutzgruppe zu ermitteln. Kurz vor dem Abitur schmiss der frühere Vorzeigeschüler die Schule und zog zu Hause aus. Dass er nicht arbeitete, war nicht ungefährlich: Die Pflicht auf Arbeit war von Staats wegen verordnet. Er lernte Leute aus der Punkszene kennen, wollte anders sein und anders aussehen als die Normalbürger in der DDR: Deshalb lief er mit Stroh auf dem Kopf rum („Das hat funktioniert“), setzte sich in eine Mülltonne und brüllte die Leute an („aber ohne sie zu beleidigen“). Später las er in einer Beurteilung über ihn, dass ihn eine Lehrerin als sehr bösartigen Menschen bezeichnet hatte. Dabei, sagt er, sei er vor allem verzweifelt gewesen und auf der Suche nach einer Zukunft. Heute sagt er: „Wir haben provoziert, um die Zeit zu vertreiben. Wir wollten nicht werden wie die Alten.“

Die Situation eskaliert

Am 13. August 1985 eskalierte die Situation. Mike Michelus wurde zusammen mit seiner Freundin Janny auf dem Alexanderplatz festgenommen, als sie dort mit weiß bemalten Gesichtern auf dem Boden hockten, rausgerissene Titel der Zeitung „Neues Deutschland“ in den Händen. Später hieß es in der Urteilsbegründung, die Angeklagten hätten die öffentliche Ordnung gefährdet und ihre Missachtung der Gesetze bekundet, um „dadurch die Tätigkeit staatlicher Organe zu beeinträchtigen“. Und: „Das Verhalten der Angeklagten ist erheblich gesellschaftswidrig.“

Während der Junge isoliert von der Außenwelt in Untersuchungshaft saß, tauchte Gregor Gysi als sein Pflichtverteidiger auf. Mit ihm gesprochen habe er nie, sagt Michelus. Erst bei der Verhandlung sah er ihn wieder. Das harte Urteil, das folgte, kann der 53-Jährige auch so viele Jahre später kaum fassen: ein Jahr und drei Monate ohne Bewährung. Dabei sei er nur ein kleiner, dummer Punk gewesen, damals 19 Jahre alt ... „Ich hätte was anderes gebraucht, betreutes Wohnen ... aber keinen Knast.“

An seinem 20. Geburtstag wurde Mike Michelus von der Bundesrepublik freigekauft. Er konnte die DDR verlassen, durfte aber nicht mehr einreisen. Für viele DDR-Bürger wäre das ein großes Geschenk gewesen. Für den 20-Jährigen, der seine Freunde und Familie verlassen musste, war es trotzdem bitter. Später wurde er in der Bundesrepublik als politischer Häftling anerkannt und rehabilitiert. Aus der Zeitung erfuhr er: Seine Freundin Janny hat sich mit 30 Jahren umgebracht.

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