Waiblingen An eigenen Töchtern vergangen

Symbolbild. Foto: pixabay.com, Lizenz: Public Domain CC0

Waiblingen. „Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen“ lautet juristisch die Anklage. Im Amtsgericht Waiblingen wird ein Familiendrama verhandelt. Tränen fließen nicht nur einmal. Ein heute 42-jähriger Vater hat sich an einer leiblichen Tochter, damals 16 Jahre alt, und zwei Adoptivtöchtern, seinerzeit neun und zwölf Jahre alt, vergangen. Ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, lautet das Urteil.

Der Mann hat in der Silvesternacht oder am Neujahrsmorgen vor rund einem Jahr, das ist heute nicht mehr klar zu unterscheiden, beim gemeinsamen Filmanschauen seine Tochter aus erster Ehe, die zu Besuch war, in alkoholisiertem, aber nicht volltrunkenen Zustand geküsst und zwar auf eine nicht väterliche Art und eindeutig gegen ihren Willen. Sie stieß ihn energisch zurück und brach in der Folgezeit den Kontakt zu ihm völlig ab. Er berührte bei anderen Gelegenheiten zwei Adoptivtöchter aus einer weiteren Ehe mehrfach unsittlich, knetete, massierte, rieb sich bei ihnen, auch an intimen Stellen, um sich sexuell zu erregen. In einem Fall hatte das seine derzeitige Frau, die Mutter der beiden Kinder, mitbekommen und sofort die Polizei gerufen, ihn angezeigt, woraufhin er von der Polizei einen Platzverweis erhielt und ausziehen musste.

Umfassendes Geständnis wirkt sich strafmindernd aus

Der Mann, der in seinem Beruf nicht üppig verdient, der hohe Unterhaltsschulden hat und sich in einem Privatinsolvenzverfahren befindet, lebt seither in einer Obdachlosenunterkunft, hat mit seiner Familie nur noch telefonisch Kontakt. Als der Mann die einzige Begegnung seither, die zufällig zustande kam, schildert, weint er. Es wird nicht das einzige Mal in der Verhandlung bleiben, dass er um Fassung ringt. Er räumt umgehend alle Vorwürfe ein, legt ein umfassendes Geständnis ab, erspart damit den Opfern die Aussage vor Gericht, was sich erheblich strafmindernd auswirkt.

Trotzdem, so der Richter, stelle sich die Frage, wie das alles habe passieren können, zumal bei einem Alter des Angeklagten, wo es keinerlei einschlägige Vorgeschichte gebe. Es habe nicht immer nur ein glückliches Familienleben gegeben, sondern schon mal auch Streit, versucht sich der Angeklagte mit einer Erklärung, bleibt aber dabei vage. Wenn es Probleme gegeben haben sollte, seien seine Taten aber auf jeden Fall die völlig falsche Reaktion gewesen und seien dadurch nicht zu entschuldigen, hält ihm der Richter entgegen: „Andere saufen sich da die Hucke voll.“ „Sexuelle Gelüste sind ja okay, aber doch nicht gegenüber den eigenen Töchtern. Sie haben es doch bis in dieses Alter geschafft, ohne dass da vorher irgendetwas war“, bekräftigt der Ankläger.

Kinder sind in therapeutischer Behandlung

In der Familie litten seit den Vorfällen alle, es werde viel geweint, berichtete die Ehefrau und Mutter als Zeugin. Ihre beiden Töchter könnten vom Alter her noch gar nicht verstehen, was da eigentlich vorgefallen sei, und machten sich deshalb Vorwürfe, sie seien schuld, dass der Papa, den sie sehr mögen, nicht mehr da ist. „Das zerreißt einen.“ Beide müssten deshalb auch in Therapie. Bei diesen Sätzen wird es in dem ohnehin schon ruhigen Saal noch leiser. Nur noch das Schluchzen des Vaters und der Mutter sind zu hören. Die Frau hat trotz des „massiven Vertrauensbruchs“, wie sie sagt, bislang die Scheidung nicht eingereicht. Sie sei nach wie vor voll damit beschäftigt, zu versuchen, mit ihren Kindern wieder zur Ruhe zu kommen, erklärt sie. Offenbar kann oder will sie ihren Gatten und die Ehe noch nicht ganz „abschreiben“.

Therapeut: "Es ist ihm bewusst, was er da für einen Scheiß gebaut hat"

Ein Therapeut aus einem Gewaltpräventionstraining, das der Angeklagte besucht, sagt aus, dass dieser eine nicht einfache Kindheit und Jugend durchgemacht habe: „Er hat es selbst einst nicht anders erfahren.“ In seinem kriminellen Verhalten habe er eine Mischung aus Aggressivität, Dominanz und Machstreben ausgelebt. Es sei also nicht zufällig passiert, der Mann leide aber selbst darunter. Er wisse, dass er therapeutische Hilfe brauche, sei auch bereit, diese in Anspruch zu nehmen, müsse lernen, „in Stresssituationen andere Entscheidungen zu treffen, anders damit umzugehen“. Haft wäre für den Angeklagten bei der Bewältigung seiner Probleme sicher nicht hilfreich, so der Therapeut weiter: „Es ist ihm bewusst, was er da für einen Scheiß gebaut hat. Er braucht aber Hilfe, damit es nicht zu einem Rückfall kommt.“

Der Angeklagte muss, als Bewährungsauflage des Gerichts, diese Therapie fortsetzen und noch eine weitere absolvieren, bei der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt. Der Richter sprach dem Mann eindringlich ins Gewissen: „Sie müssen diese Geschichte und die Ursachen aufarbeiten. Hier vor Gericht geht es nur um die strafrechtliche Würdigung dessen, was da passiert ist.“


Gerade noch Bewährung

Kritisch beim Strafmaß und bei der Frage, ob die Freiheitsstrafe zur Bewährung auszusetzen ist, ist für den Mann, dass seine Taten in einen Zeitraum fielen, als er wegen eines gänzlich anderen Delikts unter Bewährung stand. Er könne deshalb froh sein, dass er die Verhandlung überhaupt in Freiheit erlebe, so der Ankläger und Richter zum Angeklagten.

Beide bescheinigten diesem aber, dass seine in der Verhandlung gezeigte Reue ohne Zweifel glaubwürdig wirke und dass seine Sozialprognose gerade noch so positiv sei, dass Bewährung zu gewähren sei. Trotzdem sei das Ganze für ihn ein Rätsel, so der Richter: „Man fragt sich, was ist da passiert, wie konnte es dazu kommen? Sie haben quasi von heute auf morgen gravierende Straftaten begangen. Ihre Familie liegt in Trümmern.“

  • Bewertung
    6
 

6 Kommentare

Kommentieren

  1. (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)
    Kommentare werden vor der Veröffentlichung auf der Seite geprüft. Es gelten unsere Kommentarregeln. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden nicht veröffentlicht.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!