Waiblingen Arbeiten in 75 Metern Höhe

Waiblingen. Eisig pfeift der Wind über die Korber Höhe. Wie Zwerge erscheinen vom Boden aus betrachtet die Männer, die ungeachtet der Kälte die Stahlträger der neuen, bis zu 75 Meter hohen Hochspannungsmasten verschrauben und die Kabel einziehen. Die TransnetBW verstärkt derzeit die Stromtrasse von Marbach nach Wendlingen.

Schon nach einer Minute ohne Handschuhe werden einem die Finger steif. Wie kalt muss es erst dort oben sein, wo Lukas Duregger und seine Kollegen ihren Arbeitsplatz haben. Der Tiroler hat privat ein Faible für den Bergsport – seine Fähigkeiten als Kletterer kann er im Job als Freiluftmonteur gut gebrauchen. Ohne Sicherung mit Seilen und Karabinerhaken dürfen die Männer nicht hinauf. Schwindelgefühle sollten ihnen einigermaßen fremd sein, ein gesunder Respekt vor der Höhe nicht. Von 50 Meter aufwärts sei’s schon ein Gefühl der besonderen Art, sagt der 25-Jährige. Man geht anders als auf dem Boden, achtet genau auf jeden Tritt. Drei Schichten von Kleidung und eine gute Windjacke schützen ihn vor der Kälte. „Zu viel darf man nicht anziehen, sonst überhitzt man.“ Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kann froh sein, wer die Schrauben festziehen muss. „Das Ratschen macht warm.“ Pech, wer beim Aufziehen der Seile stillstehen und aufpassen muss, dass sie sauber einlaufen. „Da kann’s frisch werden.“

Schwindelfreie Handwerker mit Kletterausbildung

Nach acht bis zehn Stunden draußen geht’s ins Quartier in Korb. Eine warme Mahlzeit und eine heiße Dusche helfen, die Kälte aus den Knochen zu vertreiben. Ziemlich schnell überkommt die Männer dann die Müdigkeit. Wochenends geht’s erst nach Hause. Sieben Jahre macht Lukas Duregger diesen Job schon – nicht unbedingt zur Begeisterung seiner Freundin, die sich wegen der Absturzgefahr sorgt. Ihm selbst jedoch gefällt die körperliche Arbeit an der frischen Luft: „Ein paar Jahre will ich das schon noch machen.“ Ein gewisser Abenteuerkitzel sei auch dabei, gibt er auf Nachfrage lächelnd zu.

Freiluftmonteur ist in Deutschland kein Lehrberuf. Die meisten Arbeiter der Firma C-Team aus Oberschwaben, die mit dem Ausbau der 380-kV-Trasse von Marbach nach Wendlingen beauftragt ist, kommen aus dem Metallbau, berichten Henry Ziegler und Projektleiter Markus Peterseil. An haushohen Masten bekommen sie eine Kletterausbildung. Trotzdem: Nach einem Monat Arbeit an den Hochspannungsmasten geben viele wieder auf. Höchste Konzentration ist gefragt, denn ein falscher Handgriff beim Sichern kann der letzte sein. Es passiert nicht oft, aber es kann passieren. „Perfekte Sicherheit gibt es nicht.“ Vor über zehn Jahren stürzte ein Kollege in den Tod. Ursache war damals ein Defekt an einem eigentlich geprüften Gerät.

Während bei Hohenacker und Neustadt lediglich neue Seile aufgezogen werden und die Trasse dadurch ohne Baumaßnahmen an den Masten aufgerüstet wird, galt's, im Bereich der B-14-Ausfahrt zwischen Waiblingen und Korb drei Masten auszutauschen. Die 75-Meter-Türme haben ein Gewicht von 95 Tonnen und wiegen pro Exemplar samt Traversen, jedoch ohne Kabel, so viel wie elf leere Waiblinger Citybusse. Die Fundamente bestehen aus 300 Kubikmeter Beton. Als Ablagefläche für die Seile neben der B 14 dienen Gerüste, die an Plakat-Stellwände erinnern.

Wenn’s ein paar Grad wärmer wäre, die Freiluftmonteure hätten nichts dagegen. Die Bauzeit kann sich Auftraggeber Transnet allerdings nur sehr bedingt aussuchen, sagt Projektmanager Hans Rottler. Schmal sind die Zeitfenster, in denen die Trasse abgeschaltet werden kann, ohne dass in der Region die Lichter ausgehen. Gleichzeitig ist der Naturschutz zu berücksichtigen. So müssen die Arbeiten zwingend außerhalb der Vogelbrutzeit stattfinden. Schließlich muss alles auf den Punkt vor Ort sein: Kranen, Monteure, Material. Logistisch eine hochkomplexe Angelegenheit mit langem Vorlauf an Planung und Abwägung der Einwände von Trägern öffentlicher Belange. Für die gesamte Aufrüstung der Trasse sind anderthalb Jahre veranschlagt.

Die Ost-Umfahrung um Stuttgart

Im Zuge des Netzentwicklungsplans verstärkt die Transnet BW die Hochspanungstrasse von Hoheneck nach Wendlingen östlich von Stuttgart (sogenannte „Ost-Umfahrung“) von 220 auf 380 kV. Die Transnet ist eine 100-prozentige Tochter der EnBW.

Gründe für den Netzausbau sind zum einen grenzüberschreitende Transportaufgaben. Bildlich gesprochen, wird in Zeiten hoher Stromproduktion und geringer Abnahme überschüssiger Strom Pumpspeicherkraftwerken in Österreich zugeführt, von wo er bei hoher Nachfrage wieder abgerufen werden kann. Zum anderen dient die Verstärkung laut Transnet-Pressesprecherin Regina König der Versorgungssicherheit im weiter wachsenden Wirtschaftsraum Stuttgart.

Der überwiegende Teil wird auf bestehenden Trassen umgesetzt, wobei stillgelegte Stromkreise genutzt werden, so dass leitungsbautechnisch in den meisten Fällen – anders als am „Punkt Korb“ - lediglich neue Anschlüsse nötig sind.

Auf dem Gebiet des Rems-Murr-Kreises verläuft die Trasse von Hohenacker über Waiblingen/Korb nach Endersbach und Beutelsbach und führt von dort weiter in den Kreis Esslingen.

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