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Waiblingen Astrid Fritz und die Ritter der Unschuld

Astrid Fritz vor der historischen, romantischen Kulisse des Waiblinger Mauergangs. Foto: Büttner / ZVW

Waiblingen. Nach ihrem Ausflug als Karin Rössle in die Gegenwart schwäbischer Hausfrauen kehrt Bestsellerautorin Astrid Fritz zurück in die Vergangenheit. Diesmal zieht es die Neustädterin sogar bis tief ins Hochmittelalter, wo sie einer 17-jährigen Schustertocher auf einem Kinderkreuzzug folgt. „Unter dem Banner des Kreuzes“ erscheint am Freitag.

Video: Astrid Fritz stellt ihren neuen Roman vor

Zu den größten Rätseln des Mittelalters zählen die Kinderkreuzzüge. Zu Fuß und unbewaffnet, allein auf ihren Glauben und die vermeintliche Macht jugendlicher Unschuld vertrauend, sollen sich um das Jahr 1212 herum Tausende auf den langen Weg nach Jerusalem gemacht haben, um durch ein Wunder zu vollbringen, was selbst hochgerüsteten Kreuzrittern zuvor nicht gelungen war: die Heilige Stadt zu befreien. Vollkommen unbedarft müssen sie zur lebensgefährlichen Reise über die Alpen angetreten sein. Angeführt von einem Hirtenjungen namens Nikolaus, der berichtete, wie ihm eines Nachts auf dem Feld der Herr erschienen sei. Das Meer, so versprach der charismatische Wanderprediger, würde sich vor ihnen teilen, wie im Alten Testament vor Moses und dem Volk Israel.

Dramatische Szenen in den Alpen und an der Mittelmeer-Küste

In Astrid Fritz’ neuem Roman hört die 17-jährige Anna auf den Straßen von Freiburg von den Visionen des geheimnisvollen Nikolaus und zieht mit anderen jungen Leuten zunächst nach Straßburg, um sich dort dem Pilgerzug anzuschließen. Spontan ist das Mädchen fasziniert von der Bewegung, doch vor allem steht ihr der Sinn nach Flucht vor ihrem cholerischen, prügelnden Vater. Ein Quentchen Abenteuerlust tut das Übrige. Kinder und junge Erwachsene wie den kleinen Halbwaisen Christian und den Draufgänger Jecki erweckt die Autorin zum Leben. Aber: „Außer dem Anführer Nikolaus sind alle Figuren erfunden.“

Wochenlang hat die studierte Germanistin und Romanistin für den Roman recherchiert. Und zum Beispiel herausgefunden, dass die Rede von „Kindern“ in die Irre führt: Das lateinische „pueri“ meint nicht nur Knaben und Kinder, sondern auch gewissermaßen den sozialen Status, also einfache, arme, junge Leute. Für die 56-Jährige barg der Stoff neue Herausforderungen: Ihre bisherigen Bücher, allen voran die „Hexe von Freiburg“ waren eher in der frühen Neuzeit angesiedelt, ins Alltagsleben des Hochmittelalters musste sie sich erst vertiefen. Und der Umstand, dass ihr die Breisgau-Metropole seit Studienzeiten bestens vertraut ist, barg dabei eine Gefahr: Denn zu Zeiten der Kinderkreuzzüge war die Stadt noch jung, viele markante Gebäude gab es damals noch nicht. Der Bau des heutigen Münsters begann etwa 1200.

Auf neues Terrain begibt sich Astrid Fritz auch wegen des „Roadmovie“-Charakters der Handlung, welche die Protagonisten auf ihrer für damalige Verhältnisse unvorstellbaren Reise durch schwere Unwetter über die Alpen bis nach Genua führt. Dort teilte sich das Meer übrigens, ohne zu viel verraten zu wollen, nicht. Was zur dramatischen Szene einer Beinahe-Steinigung führt.

Wer historische Romane als spannenden Schmöker in wenigen Tagen verschlingt, um dabei in zeitlich ferne Welten abzutauchen, liegt mit „Unter dem Banner des Kreuzes“ sicher nicht falsch. Und das ist auch im Sinne von Astrid Fritz, die ergänzt: „Außerdem kann man das Buch als Anregung nehmen, sich näher mit dem geschichtlichen Hintergrund zu befassen.“ Die Autorin spielt mit offenen Karten, schreibt auf ihrer Internetseite ausführlich über den Forschungsstand in Sachen Kinderkreuzzüge, gibt Einblicke in Frömmigkeit und Lebensverhältnisse jener Zeit.

Dass Denken und Handeln ihrer Figuren nur Annäherungen aus großer Ferne sein können, dessen ist sich die Vielschreiberin bewusst. „Die Sprache, selbst wenn sie mittelalterliche Anklänge hat, ist ein Kunstprodukt.“ Die Gedankenwelt des Hochmittelalters ist uns Heutigen schwer zugänglich, und die Sprache wäre, wenn überhaupt über Dialekte und Lautverschiebungen hinweg rekonstruierbar, höchstwahrscheinlich sperrig und wenig vergnüglich. Ein Beispiel, von Astrid Fritz ins Feld geführt: Im „Abenteuerlichen Simplicissimus“ von Grimmelshausen existiert immerhin ein originalsprachlicher Barockroman über den Dreißigjährigen Krieg. Ein großartiges Sittenbild, ein Schelmenroman von bitterer Tiefe, ein unerschöpfliches Studienobjekt – leichtes Lesevergnügen aber geht anders. Davon wiederum versteht die Neustädterin eine Menge. Und vermag damit einer breiten Leserschaft Lust auf Geschichte zu machen.

Mythos Kinderkreuzzüge - was ist dran?

Die Kinderkreuzzüge halten oft her als Metapher für den Missbrauch verblendeter Minderjähriger für kriegerische und ideologische Zwecke. Aber gab es sie überhaupt? Einige Historiker verwarfen die Idee als Legendenbildung. Nach heutigem Stand der Forschung jedoch hat es um 1212 tatsächlich zwei Züge junger Menschen gegeben, einer aus dem Raum Köln und einer aus dem Raum Paris.

Offenbar handelt es sich wie im Fritz-Buch weniger um Kinder als mehr um junge Leute aus ärmlichen Verhältnissen. Der lateinische Begriff „peregrinatio puerorum“ lässt beide Möglichkeiten offen.

Der Bochumer Professor für spätmittelalterliche Geschichte Nikolas Jaspert sieht eine Nähe zu Bettelorden: „Die Teilnehmer wollten mit ihrem Zug ein Beispiel geben und zur Läuterung aufrufen. Ihr Appell richtete sich an eine Christenheit, die in ihren Augen reich und überheblich geworden war und christliche Armut und Demut vergessen hatte. Diese Züge waren so gesehen weder Kreuzzüge noch Pilgerreisen, sondern eine Art Reformbewegung. Die Teilnehmer waren nicht nur arm: Sie predigten auch Armut.“

Mehr Hintergründe auf der Autorenseite www.astrid-fritz.de.

Ihren neuen Roman hat die Bestseller-Autorin bereits in der Mache. Er handelt von der Geliebten des legendären Räuberhauptmanns Schinderhannes. Und auch die „Karin Rössle“-Reihe („Deschperate Housewives“) geht weiter.

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