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Waiblingen Aygül Aras reist nach Ostanatolien

„Man sagt, Dersim-Frauen sind stark“: Aygül Aras, im Dezember 2015 bei einer Reise in die Region Dersim. Das Foto entstand vor ihrem Geburtshaus in einem mittlerweile verfallenen Bergdorf. Foto: Thomas Milz

Waiblingen. Manchmal will sie schreien, so ausweglos mutet die Lage an. Aber noch, sagt Aygül Aras, Jahrgang 1958, fühle sie genug „Hoffnung“ in sich und genug „Mut“: Ende Mai will die Waiblingerin wieder nach Ostanatolien reisen, um kurdischen Kindern zu helfen in einem zerschossenen Landstrich.

Sie geht wieder dorthin, in die kurdische Region Dersim, aus der sie stammt, sie will den Kindern Kleider bringen, den Verfolgten nahe sein – aber was, wenn die Grenzposten diesmal ihren Pass nicht nur stundenlang einbehalten, sondern ganz in eine Schublade packen und wegschließen?

Terroristen unterstützen?

Sicher, sie ist nicht Deniz Yücel, weder so bekannt noch so verletzlich, sie hat im Gegensatz zu ihm keine türkische Staatsbürgerschaft, nur die deutsche, bislang hat sich das immer als Schutz bewährt. Aber kurdischen Kindern zu helfen, ist das nach der Logik des Erdogan-Regimes nicht ein Synonym für „Terroristen unterstützen“? Dass diese Reise gefährlich werden kann, das muss ihr doch bewusst sein?

„Ja“, sagt Aygül Aras. „Natürlich.“ Aber Angst? „Um mich nicht, ehrlich gesagt.“ Sie habe das schon lange mit sich ausgemacht, geklärt und abgewogen, hat das Risiko in die eine Waagschale gelegt und ihren Drang in die andere. Das Ergebnis: Sie will, sie muss dorthin.

Dersim, oder: Die Not der „Kindheitsheimat“

Dersim erstreckt sich, wo das anatolische Hochland, Obermesopotamien und die Berge des Schwarzen Meeres einander treffen. Karg ist das Land und reich. Die Gipfel recken sich bis über 3000 Meter in den blausatten Himmel. In den Tälern wachsen Wildbirne, Walnuss und Zeder, die Luft schmeckt nach wilden Kräutern, Kamille, Gänsefuß und Tragant.

Dersim aber soll nicht Dersim heißen, denn Dersim ist ein kurdisches Wort; für die Türken ist dies die Region Tunceli. Kein Kurdisch durfte Aygül Aras reden damals in der Schule. Hier auf dem Gelände, sagten die Lehrer, gibt es nur Türkisch, auch in der Pause.

Eigenen Traditionen, eigenen Träumen?

Eine eigenständige ethnische Volksgruppe mit einer eigenen Kultur, eigenen Traditionen, eigenen Träumen? Unerwünscht. Aber wie hätte das Kind sich daran halten sollen? Kurdisch war doch ihre „Muttermilch“, eine „schöne Sprache“ und die einzige: Türkisch ging ihr schwer von der Zunge. Also tuschelten sie. Irgendwer muss sie verpetzt haben, schon unter den Kindern gab es einen „Geheimdienst“, sagt Aygül Aras und lacht. Jedenfalls, es setzte Straf-Prügel.

Seit Erdogan in der Türkei immer brachialer durchregiert, hat sich Dersim in ein Trümmerland verwandelt. Militärs haben Städte wie Cizre zerschossen, ganze Viertel sind verwüstet und gleichen syrischen Kriegszonen, manche Fassaden sind eine einzige Detonationsnarbe, viele Häuser haben „nur noch Wände“ und „kein Dach“.

Ermordet. Auf der Flucht. Untergetaucht. Im Gefängnis

Mehr als 100 000 Menschen leben derzeit in Cizre, sagt Aras, aber es seien „fast nur Frauen und Kinder“. Die Männer? „Ermordet. Auf der Flucht. Untergetaucht. Im Gefängnis.“ Ruft sie Vertraute dort an, erhält sie nichtssagende Antworten, die Menschen am anderen Ende der Leitung deuten an, dass sie „nicht sprechen können“, sie sorgen sich, abgehört zu werden. „Kein Journalist“ sei dort, „kein Fernsehen, keine Zeitung“. Cizre ist zur Blackbox geworden.

Waiblingen ist ihre „Heimat“, sagt Aygül Aras einmal wie nebenbei; sie „liebe“ es. 1978 ist sie nach Deutschland gekommen, 1980 im Remstal heimisch geworden. Ihre Kinder sagen: Die Kurden in Ostanatolien, das „ist unser Stamm“, das sind unsere Vorfahren, „aber wir sind Deutsche“. Die Muter findet, dass es damit seine Richtigkeit hat.

Meine Wurzeln. Meine Erde. Meine Geschwister

Deutschland: Hier gibt es „Demokratie“, hier müssen die Menschen nicht „in einem Kriegsgebiet“ hausen, und wenn einem etwas nicht passt, „kann man auf die Straße gehen und protestieren“. In der Türkei „kannst du nicht einmal mehr mit deinem Nachbarn offen reden“.

Aber wenn Deutschland Heimat ist, dann ist Dersim „meine Kindheitsheimat. Meine Wurzeln. Meine Erde. Meine Geschwister.“ Hier hat sie bis zu ihrem zwanzigsten Jahr gelebt. Die Kargheit der Existenz dort hat sie geprägt, sie ist dankbar dafür, „vielleicht wäre ich sonst nicht diese Aygül heute. Man sagt, Dersim-Frauen sind stark.“

„Ich hoffe, dass ich zurückkomme“

Vielleicht gelingt es, in Dersim einen Bus zu mieten, eine Handvoll Kinder hineinzupacken und hinauszufahren aus den Ruinen in die Natur: In der Ferne faltet sich ein Gebirgsmassiv auf, der Gipfelschnee schimmert in der Sonne, ein Fluss glitzert, der wilde Thymian duftet.

Wenn alle wegschauen, wird es nur noch schlimmer, sagt Aygül Aras. Manchmal denke sie an Hungerstreik. „Ich will“ – sie sagt es leise – „schreien“. Also geht sie wieder dorthin. „Ich hoffe, dass ich zurückkomme.“

Der Verein

  • Am Samstag, 20. Mai, von 9 bis 14 Uhr präsentiert Aygül Aras an einem Info-Stand auf dem Waiblinger Postplatzforum ihren Verein „Freunde helfen Freunden“, der um Spenden für die Kinder von Cizre wirbt.
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