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Waiblingen Bekifft am Steuer: Hohe Dunkelziffer

Symbolbild. Foto: Habermann / ZVW

Waiblingen. Fast täglich stirbt ein Mensch auf deutschen Straßen, weil ein Autofahrer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stand. Vermutlich werden nur die wenigsten bekifften und betrunkenen Fahrer erwischt. Wer doch auffliegt, kämpft unter Umständen lange um seinen Führerschein.

„Sie glauben gar nicht, wie viele Leute unter der Woche mit Drogen unterwegs sind“, sagt Achim Schäfer von der Jugend- und Drogenhilfe Horizont und dem Kreisdiakonieverband in Schorndorf. Insbesondere unter Jugendlichen herrsche ausgeprägtes Unwissen darüber, wie Drogenkonsum sich aufs Fahrverhalten auswirkt. Wer gekifft hat, sollte fast eine Woche lang das Auto stehen lassen, rät Achim Schäfer: THC, also der Stoff im Joint, der den Rausch bewirkt, baut sich nur langsam ab und nicht bei jedem in derselben Geschwindigkeit.

Konsumenten fühlen sich fit als Fahrer

Tückisch ist, dass sich manche Konsumenten unter der Droge besonders fit als Fahrer fühlen. Der eine oder andere erzählt dann in der Medizinisch-Pschologischen Untersuchung, der MPU, die im Volksmund als Idiotentest bekannt ist, er sei nach dem Joint besonders vorsichtig gefahren und viel besser als jeder Betrunkener. Mit einer solchen Aussage ist die MPU gelaufen. Ist doch klar.

„Man kann nicht sicher fahren“

Drogenkonsum wirkt auf die Sinne – natürlich abhängig davon, um welche Droge und Dosis es sich handelt. Die Wahrnehmung verändert sich, das Reaktionsvermögen ist verlangsamt, die Konzentration eingeschränkt, unter Umständen sieht und hört der Konsument anders als in nüchternem Zustand. Allesamt sind das Wirkungen, die sich mit Autofahren schlicht nicht vereinbaren lassen. Unter Drogeneinfluss „ist man einfach nicht mehr Herr seiner Sinne. Man kann nicht sicher fahren“, bringt es Achim Schäfer auf den Punkt.

Die Polizei kann jederzeit eine richterliche Anordnung für einen Bluttest einholen

Gewinnt die Polizei bei Kontrollen den Eindruck, ein Autofahrer könnte Drogen konsumiert haben, folgen diverse Tests. Wie reagieren die Pupillen auf Licht, kann der Betreffende störungsfrei geradeaus laufen, trifft er mit dem Zeigefinger die Nase, wirkt er fahrig, zittert oder schwitzt er übermäßig? Niemand muss solche Tests durchlaufen. Doch kann die Polizei jederzeit eine richterliche Anordnung für einen Bluttest einholen. Bereitschaftsrichter sind rund um die Uhr erreichbar – und so findet sich ein bekiffter Autofahrer schnell im Krankenhaus wieder zwecks Blutentnahme.

Cannabis riecht man nicht

Trunkenheit am Steuer ist sehr viel leichter festzustellen als Drogenbeeinflussung. Alkohol riecht, Cannabis nicht. Entsprechend „ist das Dunkelfeld in Bezug auf Drogenfahrten weitaus höher einzuschätzen“, so Polizeipressesprecher Rudolf Biehlmaier.

Wird THC nachgewiesen, ist der Führerschein weg

Wird ein bestimmter THC-Gehalt oder eine andere Substanz im Blut nachgewiesen, ist der Führerschein weg. Die Führerscheinstelle prüft, ob der Betreffende regelmäßig oder gelegentlich etwa kifft. Zu diesem Zweck fordert die Behörde eventuell ein fachärztliches Gutachten an. Je nachdem, wie sich der Fall darstellt, muss der Betroffene Abstinenz nachweisen, bevor er seinen Führerschein wieder bekommt. Mittels Urin-Screens oder Haarproben lässt sich feststellen, ob jemand weiter gekifft oder sich anderweitig berauscht hat.

Haben die Teilnehmer aus der MPU gelernt?

Am Ende des Prozederes steht eventuell die MPU. Auf diese bereitet Achim Schäfer in mehrstündigen Kursen die Teilnehmer vor. Er empfiehlt, vor der MPU eine einjährige nachgewiesene Abstinenzzeit verstreichen zu lassen. In der Vorbereitung kommen die Teilnehmer nicht umhin, sich mit ein paar grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen. „Es geht um die Frage nach der Ursache für den Drogenkonsum“, sagt Achim Schäfer. So vieles kann dahinterstecken, Trauer, Wut, Hass, ungenügender Stressabbau, emotionale Belastungen wegen einer gescheiterten Beziehung, Ärger in der Schule. Die Teilnehmer erleben den Führerscheinentzug als „einschneidendes Erlebnis“, und der MPU-Gutachter forscht nach, „ob sie was daraus gelernt haben oder nicht“.

Bußgeld, Fahrverbot, Führerscheinsperre

Die Polizeidirektion Aalen hat in ihrem Gebiet (Rems-Murr-Kreis, Ostalbkreis und Schwäbisch Hall) in den Jahren 2015 und 2016 pro Jahr etwa 450 Fälle von Drogenbeeinflussungen im Straßenverkehr registriert. Die Zahl alkoholbedingter Zuwiderhandlungen im Straßenverkehr belief sich in den beiden Jahren auf rund 2400.

Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier: „Die Erkennbarkeit der Drogenverstöße im Straßenverkehr ist sehr schwierig. Es muss hier von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.“

Wer unter dem Einfluss von Drogen Auto fährt, begeht laut Straßenverkehrsgesetz eine Ordnungswidrigkeit. Bußgelder zwischen 500 und 3000 Euro sowie ein Fahrverbot für ein bis drei Monate sind die Folgen.

Eine Straftat liegt vor, wenn der Fahrer Ausfallerscheinungen zeigt oder einen Verkehrsunfall verursacht. Es folgt Entzug der Fahrerlaubnis und Führerscheinsperre für sechs Monate bis fünf Jahre. Bevor der Betreffende den Führerschein zurückbekommt, muss er Abstinenz nachweisen und eventuell eine medizinisch-psychologische Begutachtung durchlaufen.

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