Waiblingen/Kernen Bierflasche übern Kopf gezogen

Symbolbild. Foto: Mogck / ZVW

Waiblingen/Kernen. Warum Amir, ein junger Algerier, seinem tunesischen Mitbewohner Halim auf dem Hof des Stettener Flüchtlingsheims überraschend die Bierflasche über den Schädel zog und ihn verletzte, konnte das Gericht nicht klären. Amir war betrunken. Vielleicht war am Vorabend oder kurz vor der Tat eine Provokation vorausgegangen. Den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung sah Richterin Bidell jedenfalls erfüllt.

Sechs Monate Freiheitsstrafe zur Bewährung auf zwei Jahre erschien dem Waiblinger Amtsgericht nach Abwägung des Für und Wider als angemessen. Zwei Monate Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart hat Amir bereits hinter sich. Dabei bleibt der Tathergang wegen der widersprüchlichen Darstellungen noch immer unklar. Von der Polizei mit Fotos belegt ist die Kopfverletzung Halims, aber bereits die aufgenommene Zeugenaussage seines Freundes, der wie das Opfer tunesischer Herkunft ist, wirft Fragen auf. Dem 22-jährigen Algerier Amir wird vorgeworfen, am 11. Januar gegen 18.30 Uhr auf dem Hof des Flüchtlingswohnheims Kirchstraße 30 seinem Mitbewohner ohne Vorankündigung zweimal eine Bierflasche über den Kopf gezogen und ihm eine Schnitt- und Platzwunde zugefügt zu haben. Amir, der Ende November in Deutschland einreiste und einen Asylantrag stellte, ist hierzulande nicht vorbestraft. Er hat in Algerien die mittlere Reife abgelegt und nennt als Beruf Fußballspieler. Der Mann stellte vor Gericht den Hergang komplett anders dar als sein Opfer. Er habe auf dem Hof mit seiner Familie telefoniert, als er plötzlich Halims Hände in seiner Umhängetasche bemerkt haben will. „Dieser Mann wollte mich beklauen“, übersetzte sein arabischer Dolmetscher. „Meine Reaktion war heftig. Wir wurden dann auseinandergebracht. Als seine tunesischen Freunde kamen, bin ich abgehauen.“

Zeuge aus Tunesien ist untergetaucht

Er kenne das deutsche Gesetz nicht, so Amir. Aber mittlerweile hat er wohl von seinem Anwalt erfahren, dass „ich hätte Anzeige erstatten sollen, denn er hat versucht, mich zu beklauen“. 200 Euro seien verschwunden. Daran, dass er auf dem Schädel des Gegenübers die Bierflasche zertrümmert haben soll, konnte er sich nicht erinnern. Halim habe versucht, sie ihm aus der Hand zu reißen. „Ich habe versucht, ihn festzuhalten. Er hat mich geschlagen. Ich habe ihn dann auch geschlagen, aber nicht mit der Bierflasche.“ Denn er sei nicht hier, um Probleme zu machen.

So richtig erinnere er sich deshalb nicht mehr, weil er besoffen war, sagte der junge Algerier. An besagtem Tag habe er zehn bis zwölf Heinecken gezecht. „Wodka und Bier trank ich normalerweise. Seit ich angekommen bin in Deutschland jeden zweiten Tag zehn bis zwölf Stück. Aber seit diesem Vorfall habe ich keinen Alkohol mehr getrunken.“ Die Aussage des Kernener Polizeibeamten Rainer Hauser bestätigte, dass es zumindest am Vorabend mit Halim Ärger in der Küche gegeben haben muss. Von „Beleidigung, Provokation“ ist die Rede. Offenbar beschuldigte Amir seinen tunesischen Mitbewohner damals, dass der ihn beklauen wolle. „Ich bin 21 Jahre alt“, sagt der Tunesier gestern vor Gericht, „ich schwöre bei Gott, dass ich niemanden beklaut habe.“

Die Rolle eines zweiten Tunesiers, der den Schlag mit der Bierflasche tags darauf im Hof beobachtet haben will, ist widersprüchlich. War er mit Halim nach dem Spiel am Kicker im Gemeinschaftsraum ins Freie gegangen oder kam er gerade vom Einkaufen im Rewe? Der Geschädigte Halim, 21 Jahre alt, jedenfalls erzählt, wie er vor dem Haus telefoniert habe, als ihn Amir von hinten ohne Vorwarnung mit der Bierflasche angriff. „Warum“ fragte die Richterin. „Ich weiß es nicht.“ Dann fällt ihm ein: Amir habe ihm noch zugerufen: Du willst mich beklauen. „Wie oft hat er geschlagen?“, fragt Richterin Bidell. „Ich weiß es nicht. Vielleicht dreimal.“

Obiger tunesischer Zeuge erschien gestern im Amtsgericht nicht. Wie sich herausstellte, ist sein Asylantrag abgelehnt worden. Der Mann habe sein Taschengeld abgeholt und sei untergetaucht. Staatsanwalt wie Verteidiger stimmen zwar darin überein, dass sich Amir der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht habe, aber angesichts strafmildernder Umstände wie starker Alkoholisierung, fehlender Vorstrafen, seinem Verdacht, dass ihn Halim bestehlen wollte, und der schon verbüßten zweimonatigen U-Haft eine sechsmonatige Haftstrafe auf Bewährung angemessen sei. Amirs Rechtsanwalt hofft, dass die sechs Monate „ein Warnschuss“ sind.

Plausible Angaben

Der Geschädigte habe plausible Angaben zum Geschehen gemacht, plädierte der Staatsanwalt zugunsten des Opfers. So habe der Angeklagte keine nachvollziehbare Erklärung für die Kopfverletzung gegeben. Allerdings gehe die Anklage zugunsten des jungen Algeriers davon aus, dass er im Glauben war, er würde bestohlen.

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