Waiblingen Bilder: Waiblinger Helferin in Kobane

Waiblingen. Monatelang lieferten sich kurdische Kämpfer und IS-Extremisten erbitterte Gefechte um Kobane. Nur wenige Wochen nach der Befreiung war die Waiblingerin Aygül Aras, die zuvor schon zwei Hilfstransporte für Syrien-Flüchtlinge organisiert hatte, in der völlig zerstörten Stadt.

Mit einer Delegation aus einer Stadt in der nordwestlichen Türkei gelang es der Waiblingerin Aygül Aras vom Verein „Freunde helfen Freunden“, in Kobane eingelassen zu werden, das Anfang Februar durch kurdische Truppen befreit worden war. Den Besuchern bot sich ein Bild wie aus einem Endzeit-Film: überall Trümmerhaufen, skelettartige Häuserruinen, zerfetzte Autos. Leichengeruch liegt über den Schutthalden, längst sind nicht alle Toten geborgen.

Gefahr durch Minen und Blindgänger

Nur noch wenige Menschen leben in der monatelang umkämpften Stadt. In den Vierteln nahe der Grenze zur Türkei stehen noch einige Häuser, offenbar wollten die Kriegsparteien Fehlschüsse in Richtung des starken Nachbarn vermeiden. In den anderen Vierteln ist die Verwüstung total: „Da steht kein Stein auf dem anderen.“ Nur die einstige Hauptstraße ist freigeräumt vom Schutt, der Zutritt in Seitenstraßen war der Delegation ohnehin verboten. Zu groß die Gefahr, die durch Blindgänger und Minen droht. Neulich wurden zwei Gemeinderatsmitglieder aus der Stadt Van, für die Aygül Aras vor drei Jahren Erdebenhilfe organisiert hatte, in Kobane durch eine Mine getötet. Ähnlich erging es einem ehemaligen Bewohner, der aus dem Flüchtlingslager in seine Wohnung zurückgekehrt war. Als er einen Topf bewegte, ging die darin versteckte Bombe hoch. Offenbar hatten die IS-Extremisten vor ihrem Rückzug noch gezielt Sprengkörper versteckt. „Kein Laie kann mit diesen Minen umgehen, Experten müssen sie finden und entschärfen“, sagt Aygül Aras.

Vor ihrer Fahrt nach Kobane hatte sie erneut von Waiblinger Spendengeldern Lebensmittel für Flüchtlinge gekauft und verteilt. 11 500 Euro standen diesmal zur Verfügung. Gebraucht werden vor allem Windeln, Babynahrung und bestimmte Lebensmittel wie Marmelade: „Man hat mir gesagt, die Kinder in den Lagern hatten schon so lange nichts Süßes mehr – also habe ich einige große Töpfe gekauft.“ Je ein Drittel der Waren ging in ein Camp für jesidische Flüchtlinge und in eins für Kobane-Flüchtlinge, beide am Rand der Großstadt Diyarbakir gelegen. Das letzte Drittel ging in ein Flüchtlingslager in Suruc in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze bei Kobane.

Groß war dort die Wiedersehensfreude mit den Bekannten von ihren bisherigen Reisen. Die hygienischen Zustände indes hatten sich teils noch verschlechtert. Immer wieder brennen Zelte, werden Menschen dabei verletzt oder getötet. In einem Zelt, das als Kindergarten und Schule dient, traf sie auf eine todtraurige Betreuerin. Sie erzählte der Waiblingerin, dass in der Woche bereits drei der Kinder an Krankheit und Hunger gestorben waren.

Fast 40 000 Euro hat der Verein „Freunde helfen Freunden“ insgesamt schon für die Syrien-Hilfe gesammelt. „Großartig, was wir alles schon geschafft haben“, sagt Aygül Aras und dankt allen Spendern und Helfern. Tatkräftige Unterstützung kam von der internationalen Frauengruppe und vom Waiblinger Weltladen. Im November 2014 und zum Jahreswechsel 2015 war sie mit Hilfstransporten in den Flüchtlingslagern an der syrischen Grenze rund um die Stadt Suruc. Mittlerweile ist die Arbeit von Aygül Aras stadtbekannt, so spenden auch Schulklassen wie diese Woche eine Klasse der Stauferschule.

In den Trümmern von Kobane kam der Unermüdlichen die Idee fürs nächste Hilfsprojekt. Noch ist sie nicht sicher, ob es klappen könnte, der eine oder andere Großspender wäre wohl nötig dafür: In der zertrümmerten Stadt wieder einige Steine aufeinanderzusetzen und einen Kindergarten oder eine Schule aufzubauen, damit das Leben zurückkehrt – das ist ihr Traum. Die großen Hilfsorganisationen engagieren sich ihrer Beobachtung kaum dort, denn die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit hat sich schon abgekehrt vom Kriegsschauplatz Kobane.

Was passiert mit den Flüchtlingen?

Ein Abend über „Die Kurden – das verlassene Volk“ steht am Dienstag, 24. März, im Kulturhaus Schwanen auf dem Programm. Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, wird über die Interessen der unterschiedlichen Akteure berichten sowie die Lage der Zivilbevölkerung und der Flüchtlinge darstellen. Was will die EU? Was geschieht mit den Menschen, die aus Syrien und Irak zu Hunderttausenden in die kurdischen Gebiete der Türkei fliehen müssen? Über Aygül Aras’ Hilfstransporte wurden Filme gedreht, die an diesem Abend gezeigt werden. Veranstalter sind Amnesty International, „Freunde helfen Freunden“, „Fremde unter uns“ und der AK Asyl.

Der Verein Freunde helfen Freunden ist mobil unter 01 73/5 44 24 01 erreichbar. Spenden sind willkommen aufs Konto 155 881 000 bei der Voba Stuttgart, Stichwort Flüchtlingshilfe Syrien.

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