Waiblingen Bizarr: Diskussion mit Altpeter und Hermann

Schier erdrückt von S21-Live-Shitstorm: Winfried Hermann (Grüne) und Katrin Altpeter (SPD) im Waiblinger Kulturhaus Schwanen. Foto: Bernhardt / ZVW

Waiblingen. Es hätte so viel Interessantes zu besprechen gegeben, aber am Ende ging es doch wieder nur um das eine – die Protestbewegung gegen Stuttgart 21 hat am Mittwochabend die Podiumsdiskussion mit Sozialministerin Katrin Altpeter und Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) gekapert.

Du bist jetzt auch schon fast 20 Jahre bei der Zeitung, und eigentlich hast du gedacht, du hättest mit der Zeit ein Gespür entwickelt, welche Themen grade wichtig sind. Aber da hast du dich geschnitten. „Grün-rote Halbzeitbilanz“, das ist das Thema des Abends, aktuell könnte es um die Präsidentenbesetzungspanne bei der Polizeireform gehen oder den Streit um den Bildungsplan oder überhaupt um Schulpolitik oder Windkraft oder weiß der Schinder worüber, es gibt so vieles – allein, zu keinem einzigen dieser Themen kommt aus dem Publikum auch nur ein Wort: Etwa die Hälfte der gut 100 Besucher ist ausschließlich erschienen, um S 21 anzuprangern.

Kaum ist nach dem politischen Auflockerungs-Talk zwischen Altpeter und Hermann die Fragerunde eröffnet, formiert sich am Saalmikro eine Schlange aus Tiefbahnhofsgegnern, einer um den anderen wettert Betrug und Skandal – und während die Anhängerschaft das mit „jawoll“ und „genau“ quittiert, stürzen anderen Zuhörern zusehends die Gesichtszüge ab: Ja, gibt’s denn überhaupt nichts anderes?

„Das hat man mir aber versprochen!“


Dabei hat die anregende und phasenweise hochinteressante Einstiegsplauderei zwischen Altpeter und Hermann doch so viel Stoff zum Anknüpfen, Weiterdenken, Nachfragen gegeben. Intime Einblicke in die Mechanik der Macht haben die beiden eröffnet. Hermann hat erzählt, dass er seinen Job im Verkehrsministerium mit „Aufräumarbeiten“ beginnen musste – erstaunt sei er gewesen, wie vieles da „unprofessionell gelaufen“ war unter der Vorgängerregierung, wie viele Straßenbauvorhaben „angeleiert wurden, die nicht bezahlt waren“, zugesagt, aber nicht zu finanzieren, angekündigt, aber nicht in eine Abarbeitungs-Reihenfolge gebracht – wohin Hermann auch kam, überall begegnete er einem Bürgermeister oder Landrat, der trotzte: „Das hat man mir aber versprochen!“

Und Altpeter hat an einem Beispiel erklärt, wo der Kampf um gute und faire Arbeit beginnen muss: Sie entdeckte, dass der Pförtner im eigenen Ministerium über eine Leiharbeitsfirma beschäftigt war.

Wie organisieren wir eine vernünftige Krankenhaus-Struktur im Land? Wie gehen wir damit um, dass die Gesellschaft altert, wie müssen wir unsere Stadtplanungen verändern, unser Verkehrswesen, Pflegeangebote? Lauter wichtige Fragen – allesamt saufen sie ab, kaum dass sie aufgetaucht sind. Schon wieder donnert ein S-21-Gegner auf: „Warum zahlen Sie weiter?“

„Ich hab gekämpft wie viele andere auch“, antwortet Winfried Hermann, der selber von S 21 nichts hält – „aber ich muss auch bitter zur Kenntnis nehmen“, dass die Volksabstimmung nun mal ausging, wie sie ausging, und die S-21-skeptischen Grünen nun mal mit der eher S-21-freundlichen SPD regieren. Sich mit derlei abzufinden, gehört zum „Wesen der Demokratie“.

Es fruchtet nichts. Hermann erntet Aufwallungen – „wir sind betrogen worden!“

Es folgt etwas, das Theater-Theoretiker wohl als retardierendes Moment bezeichnen würden: eine Verzögerung vor dem finalen Desaster. S-21-Gegner Klaus Riedel reiht sich in die Mikro-Schlange – und während manche schon leise seufzen, nein, Gnade, nicht der auch noch, geschieht ein kleines Wunder: Riedel spricht vom demografischen Wandel, regt ein ministerienübergreifendes Progamm an, um den Umbau unserer Städte, unserer öffentlichen Infrastruktur zu organisieren, denn von der Polizei bis zum Sportverein, vom Pflegedienst bis zum Baubürgermeister – quer durch die Gesellschaft müssen alle sich dieser Herausforderung stellen.

Es verpufft. Die nächste Breitseite gegen Stuttgart 21 folgt, die eine Saalhälfte applaudiert, den anderen sinkt schmerzensmürbe das Kinn auf die Brust: Das Volk sei betrogen worden, die Volksabstimmung nicht mehr „relevant“ ...

Hermann, ein bewundernswert tapferer Pädagoge, versucht es zur Abwechslung mit gütiger Strenge: „Was die Protestbewegung irgendwie nicht richtig verstanden hat: Sie glaubt, man muss nur recht haben“, und schon kommt alles, wie man will. Aber manchmal verliert man in der Politik, auch wenn man felsenfest überzeugt ist, dass man alles besser weiß.

„Des isch onser Geld“, das da verbuddelt werde, schallt’s zurück, das „Wohl unseres Landes“ stehe auf dem Spiel!

„Man kann natürlich jetzt noch viele Jahre demonstrieren“, setzt Hermann neu an („Macha mir au, no koi Sorg!“), „man kann aber auch was anderes machen“: Sein politisches Engagement breiter anlegen, aus dem monothematischen Furor gegen S 21 eine bürgerschaftliche Teilhabe-Bewegung erwachsen lassen, sich einmischen bei all den großen gesellschaftlichen Fragen, die das Leben uns stellt; mithelfen; anpacken.

Vergeblich. Die Volksabstimmung – Grün-Rot habe das perfide eingefädelt: „Ihr habt’s nur wegen der Macht gemacht!“ Die Veranstaltung endet in Rundum-Frust, die S-21-Gegner sind zornesfinster, der Rest im Saal sehnt sich bloß noch nach einem Bier. Letzter Zwischenruf: Wenn Grün-Rot den Bau nicht stoppt, „dann wählen wir die Schwarzen!“

Siehe da, ein Gast

Er gilt als gelassener, neugieriger, aufgeschlossener Christdemokrat – und Reinhold Sczuka, Bürgermeister von Althütte und Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion, bewies das, indem er sich bei der Veranstaltung im Schwanen ohne Berührungsangst ganz vorne ins Publikum setzte.
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