Waiblingen Buchkritik: „Sonst knallt’s“

Waiblingen/Schorndorf. Mit dem „Größten Raubzug der Geschichte“ ist Matthias Weik und Marc Friedrich 2013 ein Coup sondergleichen gelungen. Provokant und polemisch haben sie das Buch zur Finanz- und Wirtschaftskrise geschrieben – und einen Überraschungs-Bestseller gelandet. Mit jedem weiteren Buch lag die Messlatte höher. Zu hoch für ein viertes Buch?

Für „Sonst knallt’s: Warum wir Wirtschaft und Politik radikal neu denken müssen“ haben die beiden Waiblinger Autoren den Unternehmer Götz W. Werner mit ins Boot geholt, den Gründer der Drogeriemarktkette dm und seit vielen Jahren ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Kein Zufall. So kontrovers und knallhart Weik und Friedrich in ihren drei ersten Büchern die Fehlentwicklungen in der deutschen, europäischen und globalen Wirtschaft analysiert haben. Am Ende der Lektüre blieb der Leser mit dem unguten Gefühl zurück: Und jetzt? Was sind die Alternativen? Zumindest ansatzweise versuchten die beiden Ökonomen im 2016 erschienenen Buch „Kapitalfehler: Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen“, diese Lücke zu füllen, und stellten auf den letzten der 315 Seiten Forderungen auf, wie die Schieflagen im globalen Wirtschaft- und Finanzsystem behoben werden müssten.

Weik und Friedrich richten ihren Blick auf Lösungen

In ihrem vierten Buch, das war Matthias Weik und Marc Friedrich klar, konnten sie sich nicht schon wieder an den Auswüchsen des Wirtschaftssystems abarbeiten und auf der Ebene der Analyse verharren. Sie mussten ihren Blick auf Lösungen richten. Die liegen aus ihrer Sicht in einem radikal anderen Steuersystem, das nur noch den Konsum besteuert, und in einem bedingungslosen Grundeinkommen. „Dieses Buch versteht sich als Weckruf zu einer essenziellen Grundsatzdebatte über die Zukunft unseres Wirtschafts-, Sozial- und Finanzsystems“, heißt es im abschließenden Kapitel „Wir leben längst im Paradies“. Es endet mit einem Zitat von Erich Kästner: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“

Industrie 4.0.: Arbeit wird zur Mangelware

Es gibt wohl kaum ein gesellschaftliches Thema, das so zum Streit reizt wie das bedingungslose Grundeinkommen. Es ist ein Herzensanliegen von Götz Werner, der vor fast zehn Jahren bereits mit dem Thema bei einer Veranstaltung von Attac und dem Zeitungsverlag in Waiblingen zu Gast war. Mit Matthias Weik und Marc Friedrich hat Werner nun Mitstreiter gefunden, die seinem Anliegen neuen Auftrieb geben könnten. Er versuche, den Menschen zu erklären, „dass unsere Wirtschaft viel zu sehr von der Illusion getrieben ist“. Geld werde als ein Wert an sich betrachtet, sagt Werner in einem Interview. Die eigentliche Frage sollte lauten: „Wie machen wir es möglich, dass jeder seine ureigenen Fähigkeiten und Ideen in eine Wirtschaft einbringen kann, die so leistungsfähig ist, wie keine zuvor – und die doch unsinnigerweise allzu viele Menschen zurücklässt.“ Die Argumentationslinie in „Sonst knallt’s“ ist: Die Versprechen der Mittelstandsgesellschaft, sozialer Aufstieg sei möglich und jeder könne einen Arbeitsplatz und sein Auskommen haben, werden durch die Digitalisierung aller Lebens- und Wirtschaftsbereiche kassiert. Stichwort: Industrie 4.0. Arbeit wird zur Mangelware. „Die digitalisierte Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft macht ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht nur möglich. Sie wird ohne ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht mehr funktionieren.“ Die Logik dahinter ist: ohne Jobs kein Einkommen, ohne Einkommen kein Konsum, ohne Konsum kein Profit. Als Zeugen führen sie die weltweit größer werdende Riege von Managern an, die ein solches Grundeinkommen für notwendig erachtet.

Nur noch Konsum sollte besteuert werden

Voraussetzung sei ein neues Steuersystem, das nicht mehr Einkommen und Gewinne besteuert, sondern ausschließlich den Konsum. Das Argument, dass die Mehrwertsteuer doch vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten belaste, lassen Weik und Friedrich nicht gelten. Sie verweisen kalt lächelnd auf die Enthüllungen der „Panama Papers“ mit den Briefkastenfirmen, die Spitze des Eisbergs von Steuerschlupflöchern. Reiche und Superreiche haben unendlich viele Möglichkeiten, ihr Einkommen vor den Steuerbehörden zu verbergen. Unterm Strich entziehen sie sich ihrer Steuerpflicht. Steueroasen austrocknen zu wollen, wie Politiker regelmäßig und vollmundig ankündigen, sei ein ebenso unsinniges und unrealistisches Projekt, wie Schmeißfliegen ausrotten zu wollen.

Ein Grundeinkommen befreie von existenziellen Sorgen

In der Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen taucht immer wieder ein grundsätzlicher Einwand auf: die soziale Hängematte, in die sich die Menschen legen, sobald sie für ihr Geld nicht mehr arbeiten müssten. „Sollten sich die meisten Menschen tatsächlich mit 1000 Euro im Monat begnügen, dann würden sie – hypothetisch – ab Monatsmitte zu Hause bleiben“, entgegnen Werner, Weik und Friedrich. Sie tun es nicht, weil die meisten von ihnen mehr Wünsche über die Grundbedürfnisse hinaus haben. Ein Grundeinkommen befreie die Menschen von ihren existenziellen Sorgen. Aus einem ökonomischen Zwang, etwas machen zu müssen, erwachse keine Initiative. Die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt liegen auf der Hand. Unattraktive Arbeitsplätze müssen höher entlohnt werden als heute, weil das Heer der Niedrigqualifizierten nicht mehr in diese Jobs gezwungen werden kann. Und dieses Heer ist von Jahr zu Jahr gewachsen. Ein Viertel der Arbeitnehmer verdient weniger als 10,50 Euro pro Stunde.

Astronomische Zahlen

Aus Sicht von Werner, Weik und Friedrich ist das bedingungslose Grundeinkommen durchaus finanzierbar, selbst wenn die Zahlen astronomisch erscheinen, wenn 80 Millionen Bürgerinnen und Bürger Monat für Monat 1000 oder gar 1500 Euro erhalten. Das BGE müsste deshalb stufenweise eingeführt werden, und zwar für Kinder und schulpflichtige Jugendliche zuerst. Denn Kinderarmut sei „gesellschaftlich gesehen die denkbar größte Dummheit, weil sie wirtschaftliche, soziale, kulturelle und intellektuelle Zukunftsressourcen ruiniert. Dagegen ist Altersarmut grober Undank.“

Das Buch könnte für Kontroversen sorgen

Es ist mit 160 Seiten ein recht dünnes Buch geworden. Sie regen zum Nachdenken an und können für Kontroversen sorgen. Wieder mal Diskussionsstoff zu liefern, diese Hürde haben Weik und Friedrich mit Götz Werners Hilfe genommen. „Vieles in unserer Wirtschaft läuft darum falsch, weil wir es falsch denken“, sagt Werner. „Nämlich betriebswirtschaftlich verengt statt volks- und gemeinwirtschaftlich. Nur Unternehmen haben Kosten. Volkswirtschaftlich betrachtet lösen sich alle Kosten bis auf den letzten Cent in Einkommen auf.“

Buchtipp

„Sonst knallt’s: Warum wir Wirtschaft und Politik radikal neu denken müssen“ ist in der Edition Eichborn erschienen, 158 Seiten, 10 Euro (ISBN 978-3-8479-0634-6).

Das Buch ist im ZVW-Shop erhältlich.

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