Waiblingen "Café Nussbaum": Zwischen Piccolos und Lottoscheinen

Kurz nach der Wende kam die gebürtige Chemnitzerin Michaela Glöckner nach Waiblingen. Im Kiosk arbeitet sie seit fast drei Jahrzehnten. Foto: Palmizi / ZVW

Waiblingen. „Morgen, Klaus“, begrüßt Michaela Glöckner einen grauhaarigen Mann, nimmt eine Sportzeitung aus dem Regal und reicht sie ihm durch das kleine Fenster. Er kramt einige Geldstücke aus der Tasche, legt sie auf die Theke. „Tschüss!“ – „Mach’s gut!“ Mehr Worte braucht es nicht. Nach ihren Wünschen fragen muss Glöckner ihre Kunden schon lange nicht mehr. Schließlich macht sie den Job am Kiosk schon seit fast 30 Jahren.

Sekt-Piccolos stehen neben Bierflaschen und Dornfelder, im Regalfach darunter die obligatorischen Kurzen. Fünf kleine Plastikboxen gibt es, mit süßen Himbeeren, Colafläschchen, Brause-UFOs, sauren Krachern, bunten Würmern. Daneben Lottoscheine, Rubbellose, Kaugummis, TicTacs, Schokoriegel. Unter der Theke in einem Glasschaukasten allerlei Krimskrams: bunte Perlenketten, auffällige Ohrringe aus Plastik, eine Dinosaurier-Figur, Glückwunschkarten. Monika Glöckner lehnt an der Holztheke: hellbraune Ledersneakers, Jeans, Fleecejacke mit knallrotem Reißverschluss, blonde Strähnen im kurz geschnittenen Haar, die zebragemusterte Brille sitzt meist auf dem Kopf statt vor den blauen Augen. „Manchmal, da hass’ ich’n Kiosk“, sagt sie. „Nnnnh“, macht sie. Ein Laut, der Zustimmung ausdrücken kann, Ablehnung oder Nachdenken.

Seit fast 30 Jahren macht Glöckner den Job nun, anfangs als Aushilfe, jetzt gehört der Kiosk ihr. Geboren wurde Glöckner vor 56 Jahren in Chemnitz. Kurz nach der Wende, 1990, kommt sie nach Waiblingen. Ihr Mann ist schon da, hat Arbeit und eine Wohnung gefunden, sie folgt ihm mit den beiden kleinen Kindern. Auf dem Weg vom Rathaus nach Hause fragt sie an einem Kiosk nach einer Zeitung, „Sperrmüll“, in der Möbel, Haushaltgegenstände und Arbeit ausgeschrieben sind. Eine Woche später beginnt sie als Aushilfe im Kiosk. Vier Jahre später gehen die Besitzer nach München und Glöckner ergreift die Chance, übernimmt die Verkaufsbude gemeinsam mit ihrem Mann.

Nach dem Tod ihres Mannes macht Michaela Glöckner alleine weiter

Es kommt, wie es so häufig kommt: Im Jahr 2000 lässt sich das Paar scheiden, Michaela Glöckner führt das Geschäft alleine weiter. Wiederum vier Jahre später heiratet sie erneut, ihr zweiter Mann steigt mit ein. Als er 2009 schwer erkrankt, sucht Glöckner sich einen Nebenjob als Verkäuferin. Seit seinem Tod vor zwei Jahren führt sie den Kiosk wieder alleine. Hin und wieder greift ihr eine Aushilfe unter die Arme. Trotzdem hat jeder Arbeitstag für sie zwölf Stunden – in dem einen oder anderen Job.

Glöckner und ihre Kunden: Wie eine große Familie

Wieso sie es trotzdem macht? Weil sie den Kiosk eben auch liebe. „Wir sind hier’n bisschen wie ‘ne große Familie. Der eene hilft’m andern“, Glöckner hat sich inzwischen auf ihren Bürostuhl gesetzt, streicht sich übers Kinn. 80 Prozent ihrer Kunden seien Stammkunden und für die sei sie alles: Verkäuferin, Seelsorgerin, Bürokraft. So hat die Kioskbesitzerin schon die eine oder andere Scheidung mit durchlebt, Todesfälle betrauert und Geburten gefeiert; oder hat auch schon mal für einen Kunden mit einem Stromanbieter verhandelt. „Nnnnh. Bei manchen Kunden weiß ich genau, wie’s aufm Konto aussieht“, sagt sie, lacht.

Dafür packen „meine Männer“ dann auch mal mit an, wenn die Witwe Hilfe braucht. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes zum Beispiel, da strich ein Maler die Wände ihrer Wohnung neu, ein anderer baute die neuen Möbel auf und montierte den Flatscreen an die Wand. Klar, man müsse schon auch was aushalten, so als Frau in einem Kiosk. „Mit weißer Bluse, Stöckelschuhen und Lippenstift kommste da nich weit.“ Es gehe zu wie in der Kneipe manchmal, man müsse Kontra geben, am besten immer noch einen draufsetzen.

Soweit Glöckner weiß, gibt es den Kiosk seit den 1950er Jahren. Viel verändert hat sich seitdem nicht: Noch immer steht er da in seiner dunklen Holzverkleidung, noch immer prangen über den Verkaufsfenstern die Reklametafeln von Boulevardzeitungen und Illustrierten. Die große Rotbuche, die bis vor wenigen Jahren ihre Äste über das Dach streckte, ist zwar verschwunden, zu morsch war sie, nicht mehr verkehrssicher. Auch den Nussbaum gibt es nicht mehr, der einst neben dem Büdchen wuchs und von dem es seinen Spitznamen hat, der heute noch einigen Bosch-Mitarbeitern geläufig ist: Sie nennen es Café Nussbaum.

Auch im Innenraum hat sich nicht viel verändert, auch wenn die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat: Die Holztheke ist immer noch dieselbe, inzwischen an den Ecken rundgewetzt, der Lack ab an einigen Stellen. Durch den Linoleumboden scheint hier und da das Holz. Auf dem Fußboden der kleinen Küche liegt ein blauer Läufer, geometrisches Muster aus den 80ern, ausgebleicht und ausgetreten von Hunderten von Füßen. Der Vorhang, der im Winter die Kälte draußen hält, stammt aus demselben Jahrzehnt. Einzig ein Radio, aus dem leise aktuelle Musik klingt, erinnert daran, dass wir das Jahr 2018 schreiben. Glöckner steht auf, geht hinüber: Kühlschrank, Mikrowelle, Spüle. Sie streicht über einen Spalt an der Wand. „Hier müsste auch mal wieder was gemacht werden.“

Früher wurde mehr getrunken

Sie nimmt die Kanne aus der Kaffeemaschine, schenkt eine Tasse ein, Filterkaffee. Obwohl in der kleinen Küche eine moderne Padmaschine steht, ist der bei ihren Kunden nach wie vor der Renner. Alles beim Alten also. Stolz ist Glöckner aber darauf, dass sich eben doch was getan hat, auch wenn es auf den ersten Blick nicht zu sehen ist. Investiert hat sie nämlich in moderne Sicherheitstechnik, die nun in ihrem Kiosk steckt. „Mit Alarmanlage und allem Drum und Dran, fast wie’n kleiner Bunker. Wobei hier ja sowieso nich viel zu hol’n is.“

Denn die Zeiten haben sich geändert: Was früher eine kleine Goldgrube war, ist es schon lange nicht mehr. „Früher, da wurde mehr getrunken. Da kamen die auch mal inner Mittagspause auf’n Bier oder’n Schnaps.“ Aber seit in vielen Firmen absolutes Alkoholverbot herrscht, ist das anders: Heute gibt’s höchstens mal ein oder zwei Bier nach Feierabend.

Und die Männer der neuen Generation, die seien auch anders. Früher habe es geheißen: erst mal an den Kiosk. Heute heiße es: Bloß schnell heim zu Frau und Kindern. „Die hör’n heut besser“, sagt Glöckner. Von Kaugummis, Lottoscheinen und Zeitschriften kann heute aber kaum einer mehr leben. Ohne ihren Nebenjob käme die Frau mit dem Kiosk deshalb nicht über die Runden. „Mühselig strampeln muss man“, sagt sie.

Dennoch, für ihre Kunden macht Glöckner weiter – und legt sich für sie ins Zeug. Sie weiß, wer wann welche Zeitschrift will, und legt sie auch schon mal ein paar Tage zurück. Für den Mann einer Kundin sammelt sie gerade Groschenromane und immer, wenn ein paar zusammengekommen sind, nimmt sie sie mit zu ihrem Nebenjob in Fellbach, weil dort in der Nähe nämlich die ältere Dame wohnt.

Kunden schätzen, dass Glöckner Sonderwünsche erledigt

Oder die andere Kundin, inzwischen leider verstorben, die sei ein großer Stefanie- Hertel-Fan gewesen und habe alles von der deutschen Schlagersängerin gesammelt – auch den noch so kleinsten Fitzel. „Das war mittwochs dann meine Aufgabe gewesen, die bunten Illustrierten durchzugucken und ihr auf die Seite zu legen“, erinnert Glöckner sich. Manchmal kamen so zehn bis 15 Magazine zusammen. Die Kunden schätzen das. An Weihnachten gibt’s von „meinen Rentnern“ immer zwei große Dosen mit Weihnachtsplätzchen. Backen, für sie alleine, das lohne einfach nicht.

Trotz ihres großen Bekanntenkreises, richtige Freunde hat Glöckner wenige. „Meine beste Freundin, die lebt heut noch in Chemnitz“, sagt sie. Und dann: „So eene findet man och nur einmal im Leben.“ Mit ihr fährt sie regelmäßig gemeinsam in den Urlaub, tauscht sich aus. „Also, nich, dass ich jetze einsam wäre“, schiebt Glöckner hinterher. Sie habe schon ganz gut Fuß gefasst, hier im Westen.

Glöckner denkt ans Aufhören – doch wer übernimmt den Kiosk?

Aus Altersgründen würde Glöckner den Kiosk inzwischen abgeben. Aber leicht ist es nicht, einen geeigneten Käufer zu finden. Einfach dichtmachen möchte sie die Bude auch nicht. „Obwohl es ja eh niemanden interessieren würde“, sagt sie, zuckt mit den Achseln.

Wobei, vielleicht schon. Die Kunden, die fragen schon nach, wenn jemand zur Besichtigung da ist oder sie sich wegen einer Erkältung mal ein paar Tage nicht blicken lässt. Und sie selbst?

Ob sie das Leben im Kiosk nicht vermissen würde? „Nnnnh. Weeß nich. Muss man sehn.“ Irgendwann müsse ja schließlich auch mal Schluss sein.


Freitag ist Lottotag

An jedem Wochentag verkauft sich etwas anderes besonders gut, weiß die Kioskbesitzerin Michaela Glöckner. „Montag und Dienstag sind generell schwächere Tage“, sagt sie.

Mittwochs geht dann das Zeitschriften-Geschäft los. „Die Leute wollen die, wenn sie frisch sind, nicht erst nach ein paar Tagen“, sagt Glöckner.

Und freitags, da sei Lottotag. Und natürlich der Tag, an dem viele Bosch-Mitarbeiter vorbeikommen, um ein Feierabendbier zu trinken – oder auch mal zwei.

  • Bewertung
    6
 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)
    Kommentare werden vor der Veröffentlichung auf der Seite geprüft. Es gelten unsere Kommentarregeln (siehe Link oben rechts) und unsere Datenschutzerklärung . Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden nicht veröffentlicht.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!