Waiblingen Claus Klebers Stilkritik an der Tagesschau

Waiblingen. Dank Claus Kleber konnte sich der Bürger im Bürgerzentrum auf Einladung der Kreissparkasse ganz als Teilhaber fühlen. Mister Heute-Journal ließ dankbar durchblicken: Wir alle ermöglichen mit unseren GEZ-Gebühren Journalisten wie ihm das Privileg, ihren Job zu machen. Doch wie dieser Job zeitgemäß zu machen sei, da tendiert Kleber eher weg vom trockenen Nachrichtenablesen der Tagesschau.

Das Infotainment der privaten Fernsehsender sei ihm allerdings auch zuwider, deutete Claus Kleber im Gespräch mit Astrid Frohloff vor 900 Zuschauern im Waiblinger Bürgerzentrum an. Will heißen: Information werde zunehmend mit Entertainment (Unterhaltung) vermischt. Und der Unterhaltung komme dabei auch in Nachrichtensendungen immer größere Bedeutung zu.

Astrid Frohloff, die ehemals bei Sat 1 und N 24 Nachrichten moderierte, nunmehr aber schon seit Jahren für die ARD arbeitet („Klartext“, „Kontraste“), hielt dagegen: Klebers ZDF-„Heute-Journal“ schließe gewöhnlich auch immer mit einem konfliktfreien Thema aus Kultur und Gesellschaft ab, auch um zu unterhalten. Für Kleber ist dieses „leichte Stück am Ende der Sendung“ jedoch bewusst gewollt: Nach all den häufig krassen Weltnachrichten mit Kriegen und Katastrophen, glaubt er, sehne sich der „Heute-Journal“-Zuschauer zur 21.45-Uhr-Sendezeit, also vor dem Zu-Bett-Gehen und möglicherweise bei einem Glas Wein, schlichtweg nach einem kultivierten Ausklang. Und diesen gewähre man ihm. Zustimmendes Klatschen im Publikum.

Freilich wisse er aber auch, dass sich mehr und mehr Leute das Heute-Journal gar nicht zur Sendezeit im Fernsehen anschauen, sondern später oder gar am nächsten Morgen erst übers Internet, etwa in der Mediathek. Das Konzept des kultivierten Ausklangs schade jedoch auch hier nicht. Und schon wären Claus Kleber und Astrid Frohloff beinahe in eine verbiesterte Diskussion miteinander geraten, blieben jedoch dank ihrer Erfahrung professionell sachlich.

„Sie haben neulich was ganz Gemeines gesagt“, so Astrid Frohloff. „Nämlich, dass die Tagesschau ein Konzept habe, das Mühe hat zu überleben, weil diese Art von Nachrichten am ehesten noch vom Internet ersetzt werden kann. Wie haben Sie das gemeint?“

Claus Kleber: „Da bin ich möglicherweise verkürzt zitiert worden. Die Tagesschau ist weiterhin der Goldstandard in diesem Bereich. Aber ich sage auch, das trockene Nachrichtenablesen gibt es heutzutage nur noch um 20 Uhr und im koreanischen Fernsehen.“ Amüsiertes Raunen im Publikum. Kleber weiter: Amerikanische Journalistenkollegen hätten ihn schon mal gefragt, als sie sahen, wie die Tagesschau gemacht ist: „Was ist denn das!?“ Claus Kleber lebte lange Jahre in den USA, war Korrespondent und gründete auch seine Familie dort. Der moderierende, einordnende, erklärende angloamerikanische Nachrichtenstil ist ihm ins Blut übergegangen.

Kleber vergleicht die Tagesschau indirekt mit einem Rollkoffer

Immerhin schauten jedoch weiterhin mehr als zehn Millionen Zuschauer, ob im Fernsehen oder später im Internet, jede Tagesschau-Sendung, während das Heute-Journal nur auf über drei Millionen regelmäßige Zuschauer komme, sagte Astrid Frohloff. „Viele denken, seriöse Nachrichten sollten auch seriös gemacht sein“, ohne Schnörkel.

Ja, er müsse neidlos anerkennen, dass es Produkte gibt, die aus sich heraus gut sind und bei denen das Alter der Konsumenten keine Rolle spielt, sagte Kleber. Rollkoffer zum Beispiel seien früher was für Senioren gewesen, heute gelten sie als schick und praktisch für jedermann, und kaum einer habe keinen Rollkoffer. Beim Konsum von Nachrichtensendungen spielten aber sowieso weniger das Alter des Konsumenten und der Stil des Produkts eine Rolle, sondern Dinge wie soziales Umfeld und Tageszeit.

Vom Stil des Heute-Journals zeigte sich Kleber jedoch weiterhin voll und ganz überzeugt. Die Kolleginnen und Kollegen der Tagesschau seien natürlich hervorragende Journalisten, aufgrund der Eigenheiten des Formats ihrer Sendung hätten sie jedoch nur geringe Spielräume. „Jemand wie die hochgeschätzte Kollegin Judith Rakers könnte natürlich mehr moderieren und einordnen, aber sie soll nicht. Wenn sie in der Sendung einem Korrespondenten übergibt, stellt sie diesem keine Fragen, sondern kündigt ihn an mit Worten wie: ‘Zur Lage in . . . nun unser Korrespondent, unsere Korrespondentin . . .’ Und der oder die gibt nach dem Bericht wieder förmlich ‘zurück in die Sendezentrale zu Judith Rakers’.“ Das Wort „altbacken“ kam Kleber nicht über die Lippen, es schwang aber in seinen Ausführungen zwischen den Zeilen mit.

In einem anderen Zusammenhang hatte Kleber vorher im Waiblinger Bürgerzentrum sein Selbstverständnis als Nachrichten-Ankermann folgendermaßen erläutert: „Es ist jedes Mal vor der Sendung vielleicht so ein bisschen wie das Gefühl des siebten Ehemanns von Liz Taylor vor der Hochzeitsnacht. Man weiß, was man tun muss, nur nicht, wie man es neu und interessant gestalten kann.“ Schließlich sei der Mensch von heute tagsüber übers Internet längst aktuell informiert. Aufgabe einer Sendung wie das spätabendliche Heute-Journal sei es, nicht die längst bekannten Nachrichten wiederzukäuen, sondern neue Blickwinkel und Hintergründe zu präsentieren. Ganz nach dem Motto des früheren Heute-Journal-Redaktionsleiters Wolf von Lojewski: „Die Heute-Sendung um 19 Uhr meldet: Politiker XY wirft das Handtuch, wir sagen, wohin.“

Henry Fonda und so

„Wenn er mit seinen Henry-Fonda-blauen Augen in die Kamera schaut, schauen täglich über drei Millionen Augenpaare zurück.“ Astrid Frohloff über Claus Kleber

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