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Waiblingen Ein Frauenpaar regiert den Waiblinger Karneval

Vanessa Kaps (links) und Tamara Roith sind auch im echten Leben Partnerinnen, sind verlobt und wollen heiraten. Foto: Habermann / ZVW

Waiblingen. Mit ihren 24 Jahren ist Vanessa Kaps schon fast ein Urgestein der Waiblinger Karneval-Gesellschaft. Als sie auf offener Bühne ihrer Freundin Tamara Roith einen Heiratsantrag machte, schmolzen die Herzen dahin. Jetzt hebt die WKG das Frauenpaar auf den Thron. Gestatten: „Tamara vom süßen Schneckle“ und „Mampfred, der Erste seiner Art“.

Vanessa Kaps und Tamara Roith, 28 Jahre, amtieren seit dem Wochenende offiziell als neues Regentinnen-Paar der Waiblinger Karneval-Gesellschaft. Eine erlebnisreiche und anstrengende Saison steht ihnen bevor, denn bis Aschermittwoch repräsentieren die beiden Majestäten den Verein in der Öffentlichkeit, besuchen befreundete Vereine und winken den Massen bei Umzügen zu.

Auch im echten Leben ein Paar

Als gleichgeschlechtliches Faschingspaar sind sie mitnichten eine Verlegenheitslösung – etwa, weil sich kein Prinz gefunden hätte. Tatsächlich besteht bei der Regentenwahl manchmal Männermangel, aber in der neuen Kampagne verhält es sich anders bei der WKG: Vanessa Kaps und Tamara Roith sind auch im echten Leben ein Paar mit allem, was dazugehört. Seit dem letzten Brauchtumsabend des Vereins sind sie verlobt. Sie wollen heiraten, ein Termin für die Hochzeit steht indes noch nicht fest. In letzter Zeit stand eher der Nestbau im Vordergrund – in Winnenden haben sie sich ein Haus gekauft. Ein Kind lebt mit im Haushalt. Denn aus erster, gemischtgeschlechtlicher Ehe bringt Tamara Roith eine Tochter mit in die Beziehung. Ihr Sohn, den sie mehrmals die Woche sieht, lebt beim Vater. Das klappe ganz gut.

"Tamara vom süßen Schneckle" und "Mampfred, dem ersten seiner Art"

Traditionell beziehen sich die närrischen Namen von Faschingspaaren auf die Berufe der Partner. So auch bei „Tamara vom süßen Schneckle“ – als Bäckerei-Fachverkäuferin bringt sie süße Stückle und Nussschnecken an die Kunden. Anders bei „Mampfred, dem Ersten seiner Art“, wobei der Verein bewusst darauf anspielt, einen weiblichen Prinzen gekürt zu haben. Vanessa Kaps arbeitet als Fachangestellte für Bäderbetriebe und will den Meisterbrief. Den Spitznamen Mampfred hat sie seit einem Faschingsumzug weg. Im Verein kennt man die Zunftmeisterin der Salathengste unter just diesem Namen.

„Unser künftiges Regentenpaar war sofort umringt"

Sie stammt aus einer Waiblinger Karnevals-Familie. Ihre sexuelle Orientierung ist im Verein kein Geheimnis. Eine Überraschung für alle war jedoch ihr Auftritt beim Brauchtumsabend, als sie Bilder von den Erlebnissen der abgelaufenen Kampagne zeigte – und allmählich zu ihrem eigentlichen Thema umschwenkte: zu ihrer Tamara. Auf offener Bühne ging sie vor der Angebeteten auf die Knie – und bat sie, ihre Frau zu werden. Die Antwort hieß „Ja“ – und das Publikum brach nicht etwa in Entsetzen, sondern in Jubel aus: „Das war der Ur-Knall“, erinnert sich Pressesprecher Roland Neukamm. „Unser künftiges Regentenpaar war sofort umringt, wie ein Torschütze nach seinem Treffer.“

Leute reagieren positiv

Zwar hat die Karneval-Gesellschaft jetzt zwei weibliche Majestäten – aber dennoch einen Prinzen. Mampfred der Erste würde nie ein Kleid tragen: „Das habe ich seit der Einschulung nicht mehr getan.“ Als Kind war das nicht immer leicht: „Ich wollte nie mit Puppen spielen, sondern lieber Fußball mit den Jungs.“ Die wiederum wollten kein Mädchen dabeihaben. Blöde Sprüche oder gar Diskriminierung habe sie jedoch nicht erlebt. „Im Gegenteil, die Leute reagieren positiv und sind interessiert.“

Liebe offen Leben und ein Zeichen setzen

Über den Fasching hat das Paar sich kennengelernt. Für Tamara Roith war es Liebe auf den ersten Blick. Ein Aha-Erlebnis, das ihr Leben veränderte. Nicht ohne Stolz sagt sie: „Ich habe um Vanessa gekämpft.“ Mit Erfolg. Ihr eigenes Glück wollen die Verliebten nun teilen, ihre Liebe ganz offen leben und damit ein Zeichen setzen, auf dass auch andere sich trauen. In jedem Verein gebe es gleichgeschlechtliche Paare. „Lesbisch oder schwul zu sein, ist ganz normal, man wird einfach so geboren. Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken.“


Die Vereinsführung: „Die Zeit ist gekommen“

„Wir sind die karnevalistische Bühne für ein Paar, das sich über den Fasching kennengelernt hat und in diesem seine Beziehung offen genießt“, heißt es in einer Stellungnahme der Vereinsführung. „Das närrische Brauchtum lebt vom Außergewöhnlichen. Hier vereinigten sich uralte Traditionen und Moderne.“

Und weiter: „In den folgenden Wochen wurde uns immer mehr klar, dass die Zeit gekommen war für etwas ganz Großes und Neues – die Regentschaft eines gleichgeschlechtlichen Paares, und zwar eines Frauenpaares, das über Waiblingen in der Kampagne 2017/2018 regiert!“

In der Neustadter Gemeindehalle wurde das neue Regentenpaar der „Salathengste“ feierlich inthronisiert. Für 20 Gastgesellschaften war dies der willkommene Anlass, den neuen Tollitäten ihre Aufwartung zu machen und Geschenke sowie Orden zu überreichen.

Danach durften sich die Salathengste erneut freuen: Präsident Jörg Knöllinger und Ehrenpräsident Wolfgang Schüle ernannten mit Diana Kaps, Stefan und Silke Stoldt drei neue Elferräte.

Den musikalischen Rahmen des fast fünfstündigen Programms bildete die „Duddler Musigg“ aus Tuttlingen mit schrägen Tönen aus dem Alemannischen. Der Abend war gespickt voll mit Show- und Marschtänzen. Dafür sorgten die Zigeunerinsel aus Stuttgart, die Buchfinken aus Bietigheim-Bissingen, die Schmiechataler Pagengarde, die Prinzengarde von Titzo Ditzingen sowie der 1. Karnevalverein Leonberg „Gesellschaft Engelberg“. Darüber hinaus gab es das volle Programm der Waiblinger Karneval-Gesellschaft.

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