Frauen bei der Polizei Die Chefin

Barbara Petersen an ihrem Arbeitsplatz. Foto: Büttner / ZVW

Waiblingen. Die Zahl der Frauen bei der Polizei steigt. Doch je höher in der Hierarchie, desto dünner wird die Luft. Im Polizeipräsidium Aalen kommen bei den Polizeibeamten im höheren Dienst auf 89 Männer gerade mal zwei Frauen in Führungspositionen. Eine davon ist Barbara Petersen. Die Kriminaloberrätin war 2005 im Vorbereitungsteam für die Fußball-WM und hat im Leitungsteam den Stuttgart-21-Einsatz miterlebt, der als „schwarzer Donnerstag“ in die Geschichte einging.

Diesen Tag wird Barbara Petersen (52) wohl nie vergessen. Am 30. September 2010 sollte die Baustelle des Grundwassermanagements für Stuttgart 21 eingerichtet werden. Die ersten Bäume im Schlossgarten sollten fallen. Doch die Konfrontation zwischen Demonstranten und Polizei eskalierte total. Obwohl alles gut vorbereitet gewesen war, liefen die Dinge aus dem Ruder, erinnert sich die Kriminaloberrätin. Bis heute seien die Auswirkungen spürbar, das Ansehen der Polizei habe schwer gelitten. „Ich habe aber auch viel gelernt durch Stuttgart 21“, sagt Petersen. Plötzlich hätten sich den Beamten Menschen widersetzt, für die das vorher nicht denkbar gewesen wäre: „Damals haben wir eine neue Rolle bekommen.“

Barbara Petersen (52) stammt aus einer Polizistenfamilie. Als Initialzündung für ihre spätere Berufswahl hat indes ein Erlebnis gewirkt, das sie mit 16 mit einem Exhibitionisten hatte. Damals sei ihre Anzeige von einem Mann aufgenommen worden. Und sie merkte: „Das war mir unangenehm. Ich hätte lieber eine Frau gehabt.“ Nach dem Abitur machte sie zuerst eine Ausbildung zur Pharmazeutisch-Technischen Assistentin (PTA) und wechselte dann als Seiteneinsteigerin zur Kripo nach Schwäbisch-Gmünd. „Plan B war ein Pharmaziestudium“, erzählt sie. Doch sie bestand den Aufnahmetest mit Bravour und begann die Ausbildung zur Kriminalbeamtin im mittleren Dienst.

Zwei Jahre lang von der Familie getrennt

1990 bis 1993 studierte sie in Villingen-Schwenningen für den gehobenen Dienst. Sie muss gut gewesen sein. Denn schon damals wurde sie gefragt, ob sie sich eine Laufbahn im höheren Dienst vorstellen könne. Sie entschied sich dagegen – „meine Vorstellung war damals, dass ich für eine Familie auch Zeit haben will“. 1994 heiratete sie einen Kollegen, 1996 und 1998 kamen die beiden Söhne zur Welt. Danach arbeitete sie als PvD (Polizeiführerin vom Dienst), bis sie dann doch in den höheren Dienst aufstieg. Zum zweiten Mal war sie positiv aufgefallen. „Ein Vorgesetzter hatte mich gefragt, ob ich mir das vorstellen konnte“, erzählt sie. Bis dahin hatten sie und ihr Mann mit Hilfe der Oma die Kinderbetreuung selbst gestemmt, nun war klar, dass es ohne Hilfe von außen nicht funktionieren würde. Sie entschieden sich, Au-pair-Mädchen einzustellen – und Barbara Petersen begann ihr Studium an der Führungsakademie in Münster-Hiltrup. „Das waren knapp zwei Jahre, in denen ich unter der Woche von der Familie getrennt war.“ Geholfen hat ihr dabei, dass sie nie den Anspruch hatte, perfekt zu sein: „Aber auf meine Arbeit wollte ich nie verzichten.“

2005 schloss sie ihr Studium ab und wechselte ins Polizeipräsidium Stuttgart. Im Vorbereitungsstab für die Fußball-WM als Verbindungsfrau zur FIFA, im Vorbereitungsteam für große Polizeieinsätze wie bei Stuttgart-21-Demos und schließlich als Mitarbeiterin bei der Vorbereitung der Polizeistrukturreform. Heute ist sie bei der Kriminalpolizeidirektion Waiblingen Leiterin der Kriminalinspektion 7 und für rund 80 Mitarbeiter verantwortlich. Zuständig ist sie für die Bereiche Fahndung und Kriminaldauerdienst, die Datenstation, zentrale Finanzermittler und die zentrale Führung von Vertrauenspersonen. „Wir ermitteln nicht nur, sondern vielfach arbeiten wir zu“, erklärt sie.

Karriere gemach hat die Kriminaloberrätin schon jetzt. Gleichwohl sieht sie schon aufgrund ihrer Ausbildung ihre derzeitige Stelle nicht als Ende der Fahnenstange: „Ich will mich auf jeden Fall weiterbewerben. Aber dafür muss man gefördert werden.“ Je höher man komme, desto mehr Männer treffe man an – „und das sind die Entscheider“. Landesweit seien nur vier Frauen auf den gut dotierten A-15-Stellen, in A 16 und höher findet man keine Frau aus dem Vollzug. „Hätten wir eine Frauenquote“, ist sie überzeugt, „käme man um die Frauen nicht herum.“

In den oberen Etagen wird es eng für Frauen

Während ihrer Ausbildung habe es Zeiten gegeben, in denen sie wegen ihrer Kinder kritisch beäugt worden sei. „Jetzt machen wir wieder einen Rückschritt“, konstatiert sie. Teilweise resignierten Frauen, weil das Vorwärtskommen anstrengend sei. „Männer haben bessere Netzwerke. Und sie können sich besser verkaufen.“ In Sachen Familienfreundlichkeit sei die Polizei deutlich weiter als die freie Wirtschaft: Doch in den oberen Etagen werde es eng für Frauen. Trotzdem: Die Arbeit bei der Polizei ist für Barbara Petersen noch immer ein Traumberuf: „Ich mag Menschen, kann motivieren, anleiten und ausgleichen.“

Vier Frauen im Land

Nach Angaben des Innenministeriums liegt der Anteil der 2016 eingestellten Polizeianwärterinnen im Land bei rund 36 Prozent (406 Anwärterinnen). Der Anteil der Frauen im mittleren Dienst beträgt rund 27 Prozent, im gehobenen Dienst rund 14,5 Prozent und im höheren Dienst rund 9,5 Prozent (ohne Beamtinnen auf Widerruf).

Vier Frauen sind in der Besoldungsgruppe A 15, davon sind zwei beim Polizeipräsidium Stuttgart, eine beim Polizeipräsidium Ludwigsburg und eine an der Hochschule für Polizei. In A 16 und höher gibt es keine Frauen.

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