Waiblingen Die digitale Pionierschule in Waiblingen

Wer möchte, kann sich auf Papier Notizen machen – oder eine digitale Mindmap zeichnen. Foto: Alexandra Palmizi

Waiblingen. Frage an eine Schülerin des Waiblinger Wirtschaftsgymnasiums: „Wie viele Arbeitsblätter habt ihr letztes Schuljahr bekommen?“ – Antwort: „Gar keins.“ Auch Schulbücher müssen Ranja und ihre Klassenkameraden nicht schleppen – nur ein Tablet. Sie gehören zu den Digital-Pionieren der Kaufmännischen Schule.

Alles, was die Schüler für Unterricht und Hausaufgaben brauchen, haben sie auf ihren iPads. Nur ganz wenige andere Schulen in Baden-Württemberg sind auf dem Weg der Digitalisierung so weit wie die Kaufmännische Schule mit dem Wirtschaftsgymnasium und dem Berufskolleg. Die Waiblinger in der Vorreiter-Rolle? Die Lehrer Christoph Bossaller und Thomas Kögler bejahen das. Während woanders im Rahmen eines Modellprojekts des Landes die durchgängige Benutzung von Mobil-Computern im Unterricht erst erprobt wird – hier ist sie bereits seit drei Jahren Normalität. 2014 erhielten Elftklässler erstmals zwei Klassensätze des iPad Air, also 60 Geräte. Seit Beginn dieses Schuljahrs werden alle Eingangsklassen ausgestattet. 300 Geräte sind jetzt im Einsatz. Und das ist erst der Anfang: Bis in drei Jahren sollen alle Schüler über ein iPad verfügen.

„Riesenvorteil“ beim Start ins Berufsleben

Was das bringt? Die Jugendlichen zeigen sich begeistert: „Ich habe immer alles dabei, kein Dokument geht verloren und man kann alles übersichtlich organisieren“, erzählt Ranja Ibran. „Wenn jemandem einmal was fehlt, kann er sich die Unterlagen von anderen mit einem Fingertipp schicken lassen.“ Jennifer Kappel hat einen weiten Schulweg, verbringt relativ viel Zeit in der S-Bahn. „Ich bin froh, dass ich nicht so viele schwere Bücher schleppen muss. So kann ich ganz bequem schon während der Zugfahrt arbeiten.“ Wenn sich die Schüler eigenverantwortlich ein Thema erarbeiten, erstellen sie „Mindmaps“ als grafische Darstellung der Recherche-Ergebnisse. „Auf dem Tablet sieht es immer übersichtlich aus, auch wenn man später Ergänzungen einfügt“, meint Ranja. „Für das Börsenspiel haben wir uns auf den entsprechenden Seiten über Aktienmärkte informiert und Kurse verfolgt“, ergänzt Rany Silaram.

Die Benutzung ist für die Schüler kostenlos

Gleichaltrige mögen digitale Mobilgeräte primär als Spielzeug und als Chat-Medium ansehen – im Tablet-Unterricht lernen die Jugendlichen hingegen, mit dem iPad zu arbeiten. Christoph Bossaller, der bei der Kaufmännischen Schule das Netzwerk betreut, sieht darin ein „Produktionswerkzeug in Schülerhand“. Während andere sich erst noch daran gewöhnen müssen, üben die jungen Leute digitale Arbeitsweisen als ganz selbstverständlich ein, die in der Berufswelt schon jetzt oder in naher Zukunft Realität sind. „Dadurch haben unsere Schüler einen Riesenvorteil“, ist Bossallers Kollege Thomas Kögler überzeugt, der als Junglehrer nahezu vollständig auf die Tablets setzt. In anderen Bereichen der Schule läuft der Unterricht teils analog, teils digital. Aber auch die angehenden Finanzassistentinnen Jessica Bauer und Laura Baron schwören auf Tablets: „Wir tippen den Tafelaufschrieb blind ins iPad, dadurch kann man dem Lehrer besser zuhören.“

BWL-Unterricht in der Klasse 11/2: Es geht um die spannende Frage, unter welchen Umständen Rechtsgeschäfte anfechtbar beziehungsweise nichtig sein können. Über die Lern-Plattform Moodle stellt Christoph Bossaller Quellen und Material, etwa einen Auszug aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch, in Form von PDF-Dateien und Internet-Links papierlos zur Verfügung. Die Namensliste der Klasse erscheint per Beamer an der Wand, ein Fingertipp auf „Shake“ (schütteln) und die Schüler sind in vier Arbeitsgruppen aufgeteilt, die selbstständig arbeiten und Mindmaps erstellen, die sie später allen präsentieren. Wer will, kann parallel aber auch das Lehrbuch benutzen. Die Grafiken werden dann an die Wand gestrahlt oder tauchen auf den miteinander vernetzten Tablets auf. Bei Kurztests kann der Pädagoge die Schüler-Antworten in Echtzeit verfolgen und bei Bedarf helfend eingreifen.

Der digitale Unterricht steht und fällt mit der technischen Ausstattung, betont Christoph Bossaller. In der weitläufigen, auf mehrere Gebäude verteilten Schule finden sich nicht weniger als 46 WLAN-Zugangspunkte, damit die Verbindung immer stabil bleibt. Die Tablets für das Wirtschaftsgymnasium dürfen die Jugendlichen für ihre Schulzeit kostenlos behalten und sogar privat zum Surfen nutzen. Andere Klassen können über einen Gerätepool für eine festgelegte Zeit einen Klassensatz buchen. Als Spielzeug zweckentfremden darf man die Geräte nicht, denn die Verwaltung der installierten (Lern-)Apps erfolgt zentral.

Finanziert wird das digitale Lernen aus dem vom Landkreis zur Verfügung gestellten Schulbudget. Dafür verzichtet die Kaufmännische Schule auf feste PCs, die sich für den Schulunterricht wegen mangelnder Mobilität und wegen langer Hochfahr-Zeiten sowieso als unpraktisch erwiesen haben. Ebenfalls nicht bewährt haben sich aus Sicht des Schul-Presseprechers Daniel Hagmann so genannte „Whiteboards“: Computer-Beamer-Sensor-Einheiten. „Damit können wir Lehrer tolle Dinge zaubern, der Nutzen für die Schüler ist aber begrenzt.“

Tablets können in allen Fächern eingesetzt werden. In der Chemie gibt es spezielle Apps mit dem Periodensystem und ergänzend abrufbaren Informationen. In der Physik kann anhand von Filmen die Flugbahn eines Balles erläutert werden. Und sogar im Sport findet das iPad Verwendung: „Wir erarbeiten beim Tanzen unsere eigene Choreografie“, berichtet Ranja, „beim Tanzen wird gefilmt - und danach sehen wir, was gut und was nicht so gut war.“

Die Kaufmännische Schule Waiblingen mit Wirtschaftsgymnasium und Berufskolleg hat rund 1600 Schüler.

Seit diesem Schuljahr sind alle Eingangsklassen komplett mit 120 Geräten ausgestattet. Feste Klassensätze gibt es in den Jahrgangsstufen 12/1 und 13/2 und im Berufskolleg mit Ganztagsbetreuung. Rund 50 mobile Geräte liegen auf Abruf bereit und sind per Online-Buchung reservierbar.

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