Waiblingen Die Kindheit ist in Gefahr

Waiblingen. In Kindergärten wird heute nicht „nur“ gespielt und gebastelt – es wird experimentiert und geforscht. Frühkindliche Bildung steht hoch im Kurs. Aber was ist das, und ist es gut für die Kinder? Der aus Waiblingen stammende Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster meldet Zweifel an und benennt die Machtinteressen dahinter.

Herbert Renz-Polster, Jahrgang 1960, ist in Beinstein aufgewachsen und machte 1979 am Staufer-Gymnasium Abi. Gemeinsam mit Zwillingsbruder Ulrich Renz, ebenfalls Buchautor, feierte er in jungen Jahren als Leichtathlet beim VfL Waiblingen Erfolge. In Büchern wie „Menschenkinder – Plädoyer für eine artgerechte Erziehung“ und „Kinder verstehen. Born to be wild – wie die Evolution unsere Kinder prägt“ erklärt Renz-Polster seinen Lesern, wie die Kleinen ticken und die Welt sehen, warum sie sich vor Monstern unter dem Bett fürchten und weshalb es keinen besseren Lernraum geben kann als die freie Natur. Seine Bücher wollen Eltern helfen, sind aber mehr als Ratgeber: Sie mischen sich ein in (politische) Bildungsdebatten, nehmen Partei für Eltern, Erzieherinnen – und vor allem für die Kinder. Mehr denn je trifft das zu auf sein neuestes Buch „Die Kindheit ist unantastbar – Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen“.

„Kleine Forscher“ trainieren für Spitzenjobs

Erziehung ist Moden unterworfen, sagt Renz-Polster. Im Kaiserreich sollten Kinder treue Untertanen und Soldaten werden, noch in den Fünfzigern galt eiserne Strenge als Fürsorge, in den Siebzigern waren Autoritären plötzlich zweifelhaft: „Ging es in den 1980er Jahren in den Kindergärten noch um Spiel und Spaß und Tralala, treffen sich jetzt kleine Forscher zu naturwissenschaftlichen Experimenten.“ Dazwischen gab’s auch mal die „Grenzen setzen“-Welle. Seltsam, doch jede Elterngeneration ist überzeugt, genau das Richtige für ihre Kinder zu tun. Dabei haben sich nicht die Kinder verändert, sondern die Erwartungen an sie. Und immer sprechen die mit, die in der Gesellschaft das Sagen haben.

Renz-Polsters These: Aktuell wird Bildung auf das verkürzt, was der Markt fordert. Die Globalisierung bestimmt das Bild vom Kind. Es muss – bei aller Liebe – frühzeitig auf harten Wettbewerb vorbereitet werden. Zwar bedauern Eltern, dass das Spielerische aus der Kindheit gewichen sei, dass Kinder immer weniger Freiheit hätten. Aber die meisten sähen für ihren eigenen Nachwuchs doch nur die Flucht nach vorn: „Mehr Leistung, mehr Erfolg! Und zwar nicht beim Auf-die-Bäume-Klettern – sondern bei den Klassenarbeiten.“ Programme wie das „Haus der kleinen Forscher“ der Bertelsmann-Stiftung – fast jeder Waiblinger Kindergarten schmückt sich mit so einem Zertifikat – werden dankbar als sinnvoll und notwendig aufgenommen.

Doch der Bildung fehlt das Fundament. Bildung und Lernen, so Renz-Polsters Überzeugung, entwickeln sich durch funktionierende Beziehungen. Das Anhäufen von Wissen hat entwicklungspsychologisch noch Zeit. Doch statt auf pädagogische Beziehungen wird das Augenmerk immer mehr auf die Ziele gerichtet, auf das, was das Kind später mal können soll. Die „kleinen Forscher“ trainieren schon in der Kita, damit sie vermeintlich fit für die Schule werden und langfristig für ihren hochqualifizierten Job als Ingenieur oder Manager in einem globalisierten Unternehmen.

Denn diese stecken laut Renz-Polster letztlich hinter Programmen. Beim „Haus der kleinen Forscher“ ist es die Bertelsmann-Stiftung, die nach Renz-Polsters Ansicht unter dem Mäntelchen der Gemeinnützigkeit niemand anders als führende deutsche Unternehmen vertritt. Sie wollen den zukünftigen Fachkräftemangel beheben und immer wieder die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) fördern. Mit Natur-Erfahrungen – Mütze auf, Gummistiefel an und raus – haben sie nichts zu tun.

Bei den „Schlaumäusen“, die Tablets als Lernmittel in die Kitas bringen, wird der Zusammenhang deutlicher: Dahinter steckt Microsoft. Erzieherinnen oder Eltern wurden bei der Entwicklung dieser „pädagogischen“ Programme nicht gefragt. Die Eltern aber lassen sich von den meinungsmächtigen Konzernen und ihrem bunten Werbematerial was vormachen, meint Renz-Polster. Schließlich will keiner, dass das eigene Kind zu wenig gefördert wird. Und der Alltag der Erzieherinnen wird bei knappem Personalschlüssel mit Dokumentation und Portfolios überfrachtet.

Aber werden Kinder durch solche Programme wirklich gefördert? Eben nicht, meint der Mediziner. Er fordert eine Qualitätsdebatte über die Frage, was frühkindliche Bildung denn eigentlich ist. Der Pädagogik der Bildung setzt er eine „Pädagogik der Selbstbewährung“ entgegen. Kinder werden von sich aus „forschungsmutig“, wenn sie sich wohlfühlen, wenn der gemeinschaftliche Rahmen und die Sicherheit stimmen. Möglichst in einer Kita, deren Träger den Erzieherinnen gibt, was sie für ihre Arbeit brauchen, und ihnen Wertschätzung entgegenbringt.

Zitate
„Mit Jean-Jacques Rousseau beginnt das Verständnis von Kindern und Kindheit, das uns bis heute prägt: die Idealisierung. Das Kind sei aus sich heraus wertvoll.“ McKinsey-Manager Jürgen Kluge

"Offensichtlich gewinnt das Kind erst dadurch an Wert, dass es die Fähigkeiten erlangt, mit denen es eines Tages seinen Beitrag zum Wachstum leistet."

"Man kann ein Kind nicht darüber belehren, wie es innerlich stark wird. Auch Mitgefühl kann man einem Kind nicht beibringen. Und soziale Kompetenz lässt sich erst recht nicht anerziehen. Genauso wenig kann man sich Kreativität erarbeiten."

"Das Fundament der kindlichen Entwicklung beruht nicht auf geleitetem Lernen, sondern auf Eigenerfahrung."

"Was umgekehrt bedeutet, dass Kinder in einer von unsicheren Beziehungen geprägten Umwelt ihre Neulust beim besten Willen nicht abrufen können – sie sind dazu viel zu gestresst und mit der eigenen Notversorgung beschäftigt. Statt Segel setzen zu können, versuchen sie krampfhaft, Anker zu werfen."

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