Waiblingen Die Suche nach der Zukunft der Kirche

Direkt viele sind das nicht: Blick in eine katholische Kirche (Archivbild). Foto: Pavlovic

Waiblingen. Willkommen im „Zukunftslabor“ der Katholischen Kirche – viele sind ja nicht gekommen. Wie können unsere Kirchengemeinden aus der krisenhaften Ermattung herausfinden? Eine Ideensuche im kleinen Kreis.

Tja, sagt Dekanatsgeschäftsführer Ulrich Häufele, „so sieht’s aus“: 400 Kirchengemeinderäte gibt es im katholischen Dekanat Rems-Murr, zwei sind erschienen zur Veranstaltung „Entwicklungslabor Kirche 2030“, dazu ein paar Funktionäre, von der Caritas, vom Pastoralteam des Dekanats. Zusammengezählt: zehn Leute. Und Lizika Deufel von der Katholischen Erwachsenenbildung Rems-Murr hat ihre vier Monate alte Hündin mitgebracht. „Darf man fragen, ist sie katholisch?“ Dann wären wir elf.

Offenbar fühlen sich die meisten Ehrenamtlichen in den Kirchengemeinden schon damit, den alltäglichen Betrieb irgendwie aufrechtzuerhalten, mehr als ausgelastet. Dazu nebenbei mal eben die Kirche neu erfinden? Da sagen viele: Was soll ich noch alles tun? Die Diözese Rottenburg-Stuttgart betreibt derzeit mit imposantem Materialien-, Papier- und Werbeaufwand einen Erneuerungsprozess, „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“, heißt er. Aber diese aus der Zentrale schwappende „Nun macht mal“-Woge bricht sich draußen an der Erschöpfung und Desillusionierung der Basis. Es ändert sich ja doch nichts – man hört das immer wieder.

Die Kirche ist hilfreich ...

Ulrich Häufele ist seit 17 Jahren Dekanatsgeschäftsführer. Er findet: Die klassische Gemeinde – Gotteshaus nebst Versammlungssaal: Wer was will, muss dorthin kommen – „ist passé ; nicht mehr zukunftsfähig“. Kirche heute dürfe nicht nur „um den Kirchturm rum denken“, müsse raus zu den Leuten. „Was brauchen die Menschen? Wie können wir sie begleiten?“

In der Hinsicht hat das Dekanat Vorbildliches vorzuweisen: Familienpflege. Klinikseelsorge. Sozialstationen. Dieses Jahr soll eine Kinderstiftung gegründet werden. Dazu pflegt die Caritas ein hochdifferenziertes Hilfs- und Beratungsangebot mit steigenden Fallzahlen.

... aber die Kirchen bleiben leer

Allein: Die Gottesdienste sind oft erbarmungslos leer. Wäre die Katholische Kirche eine Firma mit dem Geschäftsmodell, möglichst viele Menschen in die Messen zu locken – man müsste sie wegen Insolvenzverschleppung verklagen. Klar, die Gemeinden können weitermachen wie bisher; bis sie an Altersschwäche dahinsiechen, wird es bestimmt noch ein, zwei Jahrzehnte dauern. Aber reicht das als Zukunftsperspektive?

Gemeindehäuser müssten viel stärker zu Treffpunkten werden, da sind sich alle am Tisch einig: Mittagstische. Internetcafés. Eltern-Kind-Gruppen. Und wenn die Kirche halb leer ist – warum nicht die vordere Hälfte mit dem Altar abtrennen und hinter der Schiebewand einen Mittagstisch für Bedürftige einrichten?

Kirchturm als Bierflasche und andere Ideen

Wie kann Kirche wahrnehmbarer, zugänglicher, vitaler werden? Es gibt durchaus Vorbilder – eher bescheidene und fast verstörend radikale.

Zu den evangelischen „Nachteulengottesdiensten“ in Ludwigsburg kommen einmal im Monat am Sonntagabend bis zu tausend Leute, auch eher kirchenferne. Auch in Schorndorf und Waiblingen haben frei gestaltete evangelische Sonntagabendtreffen – irgendwo zwischen Gottesdienst und Vortragsveranstaltung, mit Gastrednern von außen, die neue Impulse bringen – guten Zulauf; danach gibt es anregende Plaudereien und inspirierende Debatten mitten im Gotteshaus.

„Church goes Pub“: In Rotenburg an der Fulda geht die Kirche in die Kneipe. Ankündigungszitat: „Ein Bierchen trinken, dazu was Leckeres essen und gleichzeitig wirklich spannende Lebensgeschichten hören, die auch noch göttlich angehaucht sind.“ Das Veranstaltungs-Werbelogo zeigt ein stilisiertes Kirchengebäude – der Turm aber ist eine Bierflasche; und auf ihrem Etikett prangt ein Kreuz.

Gottesdienst nur noch fünfmal im Jahr?

In Frankreich wurde mal ein noch kühneres Format ersonnen: fünf mal fünf. Wir machen nicht mehr jeden Sonntag Gottesdienst, sondern – nur noch fünfmal im Jahr! Und dafür jeweils fünf Stunden lang! Mit Messe. Workshops. Chorproben. Bibelgruppen. Nicht so oft, und dafür richtig: Das sei dann allerdings, erzählt Lizika Deufel, „von Rom verboten“ worden.

Oder Vesperkirchen: Bedürftige erhalten hier ein warmes Mittagessen. Vielerorts, erzählt eine aus der Runde, laufe das fulminant gut: „Wenn du dich da ehrenamtlich engagieren willst, kommst du auf eine Warteliste!“

Zehn Leute und ein Hund

In Ludwigsburg haben sich mehrere Kirchengemeinden zusammengetan und gemeinsam das „Haus der Katholischen Kirche“ eröffnet, direkt am Marktplatz, und „sind jetzt da, wo sie hingehören: unter den Menschen“. Es gibt ein „Marktgebet am Mittag – 10 Minuten Aufatmen“, Meditationskurse, Kunstausstellungen, ein Bistro namens „Wunderbar“.

Vielleicht bedeutet „Neues wagen“ auch: „Altes loslassen“. Ist es zum Beispiel wirklich sinnvoll, Gottesdienste an Orten zu halten, wo nur noch zehn, fünfzehn alte Leute kommen? Wäre es nicht besser, für sie einen Fahrdienst zu organisieren in die nächstgelegene größere Kirche? Nebenbei würde das zu Begegnungen schon vor der Messe führen, und danach ließe sich ein gemeinsamer Café-Besuch anschließen.

Zehn Leute und ein Hund: ein ernüchternder Abend. Aber auch ein aussagestarker: Er zeigt den Ernst der Lage.

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