Waiblingen Die Zeit der Hamsterkäufe ist vorbei

„Wir ziehen an einem Strang“, sagt dm-Leiterin Jennifer Rebhorn. Foto: ZvW/Alexandra Palmizi

Waiblingen.
Menschen, die in Riesenmengen Mehl und Hefe horten, Linsen, Tomatendosen und Nudeln in ihre Einkaufswagen laden und sich um Klopapier streiten: Das waren Szenen im Einzelhandel zu Beginn, als das Coronavirus eine Krise auslöste. Inzwischen scheint sich die Lage beruhigt zu haben. Von Hamsterkäufen ist nicht mehr die Rede. In der Altstadt ist der Betrieb überschaubar – von Hektik keine Spur. Wie sieht es aus in den noch geöffneten Geschäften?

Verglichen mit normalen Zeiten, sind an diesem sonnigen Mittwochvormittag nur wenige Menschen unterwegs. An der Marktgarage ist die Schranke geöffnet – Parken ist gratis in den Zeiten von Corona, um das Ansteckungsrisiko in Bussen und Bahnen zu minimieren. Trotzdem ist anders als an normalen Markttagen ein Parkplatz leicht zu finden.

Es könnte ein angenehmer Gang durch die Altstadt sein - würden nicht manche Menschen Atemschutzmasken tragen und sich entgegenkommende Passanten weiträumig ausweichen. Auch auf dem Wochenmarkt werden die Mindestabstände eingehalten und vor der Metzgerei Weißschuh bildet sich kurzfristig eine Warteschlange, bis der nächste Kunde eintreten darf.

Kostenloser Lieferservice

„Seit vergangenen Samstag dürfen nur noch fünf Kunden gleichzeitig im Laden sein“, erklärt Margit Weißschuh. Eine Vorgabe des Ordnungsamts, die sich an der Ladengröße orientiere. Die Appelle, zu Hause zu bleiben, wirken. Nach den Hamsterkäufen der vergangenen Wochen hat sich die Lage in allen Geschäften beruhigt.

„Wir haben weniger Betrieb als sonst“, sagt Margit Weißschuh. Mit der Folge, dass nun zwei Verkäuferinnen Überstunden abbauen, beziehungsweise Resturlaub nehmen. Wie viele Geschäfte bietet auch Weißschuh einen kostenlosen Lieferservice an. „Ich hoffe, dass den viele Leute in Anspruch nehmen“, sagt Margit Weißschuh. „Wir können die Pakete gut vorbereiten und für die Kunden gibt es keine Wartezeiten mehr.“

In voller Besetzung wird noch im Naturgut-Bioladen gearbeitet. Die Hamsterkäufe sind vorbei, nun werden die Regale aufgefüllt. „Seife, Hefe und Mehl fehlen noch“, sagt Filialleiterin Birgit Todt. Für die Kunden stehen Einmalhandschuhe bereit, die Kassiererin wird durch eine Plexiglaswand geschützt.

Seife und Sagrotan fehlen noch immer

Auch in der benachbarten dm-Drogerie ist der große Ansturm vorbei. „Seit Montag ist es merklich weniger geworden“, sagt Filialleiterin Jennifer Rebhorn. Nach dem Run auf Toilettenpapier und Küchentücher werden diese nur noch in eingeschränkten Mengen abgegeben: pro Person eine Packung.

Wie im Bioladen werden auch bei dm die Regale aufgefüllt. Noch gibt’s Lücken im Lebensmittelregal, Seife und Sagrotan fehlen. „Am Freitag gibt es aber neue Ware“, sagt die Filialleiterin. „Ich bin gespannt, was kommt.“ Und wie ist die Stimmung unter den Mitarbeitern? „Es ist ein gutes Arbeiten, nach wie vor“, sagt Jennifer Rebhorn. „Wir ziehen alle an einem Strang.“

200 Meter weiter steht Stephan Schmid alleine in seinem Blumenladen. Anders als andere Blumenläden ist sein Geschäft geöffnet, weil er auf den Verkauf von Gemüse umgestellt hat. Nötig war dazu eine Gewerbeummeldung bei der Stadt. Nun verkauft er Kartoffeln und Zwiebeln aus Bittenfeld und Gemüse aus Berglen.

Osterartikel gibt es zum halben Preis

„Blumen haben wir fast keine mehr“, sagt Stephan Schmid. Die meisten Firmen hätten ihre Daueraufträge abbestellt, alle große Feiern seien abgesagt, Beerdigungen fänden nur noch im kleinen Kreis statt. „Die Leute haben kein Geld mehr für Blumen. Sie sparen, weil die Situation so unsicher ist.“

Die Folge: Die Blumenlieferanten bleiben auf ihrer Ware sitzen, in Holland würden Blumen geschreddert. Für Stephan Schmid besonders bitter: Jetzt vor Ostern hätte er in normalen Zeiten Hochsaison. Das Geschäft mit Blumen und Osterhasen wird es in diesem Jahr wohl nicht geben. Stattdessen hat der Abverkauf bereits begonnen: Osterartikel gibt es zum halben Preis. „Ich bin froh“, sagt Schmid und lächelt traurig, „wenn ich noch den Einkaufspreis bekomme.“

In der Bäckerei Schöllkopf riecht es wunderbar nach frischen Backwaren. Aber auch hier geht es ruhig zu. „Das Geschäft hat nachgelassen“, sagt Heike Beck. „Die Leute kommen, aber auch zum Schwätzen. Sie sind dankbar, dass es noch Läden gibt, die offen haben.“ Was Heike Beck ebenfalls registriert: Immer mehr Menschen sparen. „Die Leute kaufen Sachen reduziert vom Vortag. Man merkt, sie machen sich Gedanken über die Zukunft.“

Während der Betrieb fast überall zurückgeht, hat einer mehr denn je zu tun

Fast ausgestorben ist der Alte Postplatz an diesem Vormittag. Die Frequenzbringer H & M und C & A sind geschlossen, geöffnet sind noch Rewe, die Bäckerei Mildenberger, Apollo-Optik und die Drogerie Müller.

Auch bei Müller ist der Betrieb spürbar zurückgegangen, sagt Filialleiterin Sabrina Weis. Wie bei dm tragen die Mitarbeiter Handschuhe, vereinzelt auch Mundschutz. Die Abgabe von Toilettenpapier und Küchentücher wurde auch hier begrenzt, was nicht alle, aber doch die meisten Kunden mit Verständnis aufgenommen hätten.

Während der Betrieb fast überall zurückgeht, hat einer mehr zu tun denn je: Mit Schwung wirft der Briefträger einen Stapel Briefe in einen Briefkasten. Dass die Leute derzeit mehr als sonst schreiben, glaubt er aber nicht. Eher seien es die Firmen, die aus dem Home-Office heraus Werbesendungen verschicken.

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