Waiblingen Droht in Waiblingen ein Ärztemangel?

Volle Wartezimmer, wenig Ärzte: Ein Szenario, das in den kommenden Jahren eintreten könnte. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen.
Die Nase läuft, der Blutdruck ist zu hoch, die Schmerzen im Bauch sind beunruhigend: Glücklicherweise ist es in Waiblingen noch selbstverständlich, einen Hausarzt zu finden. Das könnte sich ändern. „Bei den Hausärzten droht eine massive Unterversorgung“, sagt der Sprecher der Waiblinger Ärzteschaft und Schorndorfer Kardiologe Dr. Karl-Michael Hess. Auch Oberbürgermeister Andreas Hesky warnt vor einem drohenden Ärztemangel in Waiblingen.

Jeder dritte Hausarzt im Kreis ist über 60 Jahre alt und wird in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen. Erhebungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg zufolge werden in den kommenden Jahren rund 500 Hausarztpraxen leer stehen. Keine Frage: Hausärzte alter Schule haben beim Medizinernachwuchs ein Imageproblem. Die meisten jungen Ärzte wollen geregelte Arbeitszeiten und eine ausgewogene Work-Life-Balance. Das war früher anders: „Als ich die Praxis gegründet habe, bin ich morgens um 4.30 Uhr gekommen und abends um 21.30 Uhr nach Hause gegangen“, erinnert sich der Kardiologe. „Da brauchen Sie eine Frau mit Verständnis...“

Der Kampf um den Doktor im Dorf

Ist der Hausarzt bald Geschichte? „Das bisherige Modell wird zunehmend abgelöst“, sagt Hess. Die Zukunft liege im Verbund, also in Gemeinschaftspraxen und Medinzinischen Versorgungszentren (MZV), in denen Freiberufler und/oder Angestellte zusammenarbeiten. Besonders schwer tun sich Ärzte aber auf dem Land, Nachfolger für ihre Praxen zu finden. Im Kampf um den Doktor im Dorf setzt die baden-württembergische CDU auf eine Landarztquote. Danach könnten Abiturienten auch ohne Traumnote einen Studienplatz ergattern, wenn sie sich nach dem Studium für einige Jahre als Landarzt verpflichten. „Unsinn“, nennt Karl-Michael Hess solche Ideen. Den Menschen müsse man Entwicklungsmöglichkeiten lassen, junge Ärzte sollten stattdessen besser unterstützt werden. Mit einer guten Anbindung für Pendler zum Beispiel, mit einer schnellen Datenleitung auf dem Land, mit Ärztehäusern, in denen die Mediziner bei verbilligten Mieten arbeiten könnten und einer Einkommensgarantie. „Man muss was tun, um den Leuten die Angst zu nehmen“, ist Hess überzeugt. Das hohe finanzielle Risiko schrecke viele Praxisgründer ab, dazu komme die Planungsunsicherheit durch die Politik: „Dauernd werden die Abrechungsmöglichkeiten geändert“, moniert der Kardiologe. Der Berufsstand sei durch die vielen politischen Reformen jahrelang verunsichert worden.

Aktiv geworden ist bereits der Waiblinger Gemeinderat. Im neuen Bittenfelder Baugebiet Berg-Bürg wird die Stadt zwei Wohnungen anmieten, um der Bittenfelder Ärztin Dr. Anke Menikheim eine große Praxis anbieten zu können. Für Oberbürgermeister Andreas Hesky ist das ein Systembruch: „Das Gesundheitswesen ist eigentlich keine kommunale Aufgabe“, betont er. Fehlgeschlagen sei die Entwicklung auf der Ebene der Krankenkassen. Mit der Budgetierung bei der Abrechnung hätten diese den Ärzten die Luft abgeschnürt. „Wir helfen mit Ansprechpartnern, über die Wirtschaftsförderung und außerdem dabei, geeignete Räume zu finden.“

Hesky sieht Versorgunszentren der Kliniken kritisch

Anders als Backnang hatte sich Waiblingen nach dem Verlust des Kreiskrankenhauses gegen den Bau eines Ärztehauses entschieden. „Dazu gäbe es heute eine andere Haltung“, vermutet der Stadtchef. Überwiegend Frauen absolvierten heute ein Medizinstudium, von denen viele Teilzeit arbeiten wollen. Auch Hesky befürwortet Gemeinschaftspraxen und private Medizinische Versorgungszentren. Sehr kritisch sieht er jedoch die Bestrebungen des Winnender Klinikums, Arztsitze zu kaufen und daraus Versorgungszentren zu machen. Wenn Kliniken Versorgungszentren aufmachen, sei die Versorgung auch auf die Klinik ausgerichtet, moniert Hesky. MVZs dürften aber nicht nur bei den Kliniken angesiedelt werden.

Sehr sensibel schaut man in Waiblingen auf solchen Tendenzen, nachdem die Kreisstadt und größte Stadt im Rems-Murr-Kreis schon das Krankenhaus und die Notfallpraxis verloren hat. „Das Krankenhaus ziehen zu lassen, war eine Dummheit“, sagt Hesky heute. Noch gebe es in Waiblingen keinen Ärztemangel. Er warne aber vor einer Unterversorgung, besonders jetzt, da die Kliniken Arztsitze aufkaufen können. Das könnte zu einer Konzentration an den Klinikstandorten und zu Verwerfungen in Waiblingen führen. „Die Politik muss sich über die Situation vor Ort im klaren sein“, fordert Hesky. Die Stellschrauben müssten geändert werden, damit der Arztberuf attraktiv bleibt. Denn die Menschen hätten Angst, ohne Arzt dazustehen.“

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