Waiblingen Dünne Personaldecke bei der Bahn

Waiblingen. Das fehlt noch, dass auf der eh gerade strapazierten Rems- und Murrstrecke dem Waiblinger Stellwerk das Personal ausgeht. „Jetzt im Moment läuft es noch“ auf diesen Strecken, sagt Martin Herion, der Stuttgarter Leiter der Eisenbahngewerkschaft EVG. Aber das könne morgen anders sein.

Es sind Sätze unter Vorbehalt, die man zur Bahn-Personaldecke bekommt. Mainz ist nicht so weit weg. Reinhold Klee spricht für all die Fahrdienstleiter und Beschäftigte des Bahn-Zweigs DB Netz. „Derzeit“, schränkt der Betriebsratsvorsitzende ein, sei’s auf den beiden Strecken, „eher entspannt“. Aber überall, und das bestätigt auch Herion, sei die Lage im Südwesten angespannt. Da bilde Baden-Württemberg keine Ausnahme. Jetzt sei nun mal die Phase der „Urlaubsabwicklung“ im Land. Wenn da nur hier oder dort eine Krankmeldung dazu kommt, „sind wir im Grenzbereich“.

An der absoluten Grenze der Leistungsfähigkeit ist die Pressestelle der DB in Stuttgart. Definitiv. Die Männer dort, keine Frage, tun, was sie gerade noch verschaffen können. Und müssen doch dauernd Absagen machen.

Wir hätten gern einen Besuchstermin vereinbart. Einfach mal gucken, wie es auf dem Waiblinger Stellwerk so ausschaut. Ist ja beeindruckend, was man alles unter Fahrstraße, Blockstrecke, Anschluss- (Anst) und Ausweichanschlussstelle (Awanst) zu verstehen hat. Wer gerade Anschluss ans Netz hat, ans Netz der Netze, der schaue bei www.stellwerk.de vorbei. Dort werden einem auch Aufgaben gestellt. Fünf Minuten Blick auf diese Seiten, und man weiß, warum ein Fahrdienstlehrling drei Jahre zu lernen hat. Hut ab.

Also: Anruf bei den immer freundlichen, verbindlichen Leuten von der Stuttgarter DB-Pressestelle. Man hört sich das Begehr an. Es folgt ein Aufschnaufer. Und direkt danach der sehr verbindliche Satz: „Wir können ihnen das derzeit nicht ermöglichen“.

Der Bahnsprecher ist kein Unmensch. Er erläutert einem auch sofort die Unmöglichkeit des Begehrs. Allein der SWR mit seinen (stark übertrieben) „500 Lokalstudios“ stehe bei ihnen auf der Matte. Alle wollen auf den Turm, ins Stellwerk. Das aber gehe nur mit Begleitung der Leute von der Pressestelle. Und die hockt hier gerade mit zwei Mann in Stuttgart. Ganz unmöglich.

Zur Beglaubigung der Geschichte hätten wir jetzt gerne den Namen des Pressesprechers angegeben. Das geht aber nicht. Das ging noch nie. Weil Bahnsprecher zwar dem Anrufer durchaus ihren Namen sagen, am Ende aber immer dreinschicken, man solle schreiben: ein Bahnsprecher. Vielleicht ist auch das verständlich. Wer will von seinem Nachbarn beim Straßenfestle angehauen werden, was er denn da wieder fürn Sch... verzapft hat. Gerne will man der Persönlichkeit eines Bahnsprechers Schutz gewähren. Derzeit sowieso, mit Stuttgart 21 ist dies G’schäft auch nicht einfacher geworden. Errichten wir zwischendrin ein kleines Denkmal dem nur der Redaktion bekannten Bahnsprecher.

Es geht weiter mit den Schwierigkeiten der Bahn und ihrem Bild in der Öffentlichkeit. Speziell mit dem Bild. Die Bahn hat einen öffentlichen Beförderungsauftrag. Bahnfahren gehört zur Daseinsvorsorge, die ein Staat leisten können sollte. Trotzdem dürfen Pressefotografen keine Fotos machen in Zügen ohne Genehmigung der DB AG. Der Konzern reklamiert das Hausrecht in der Mobilie für sich.

Alles im Rahmen des Möglichen

Bahnsprecher sind keine Unmenschen. Auch jetzt nicht. Also wird geholfen. Im Stellwerksrahmen des Möglichen. Ja, sagt der Bahnsprecher, er könne bestätigen, das Waiblinger Stellwerk beherberge noch echte Fahrdienstleiter. Das Schorndorfer schon lange nicht mehr. Wird von Waiblingen aus erledigt. In Stuttgart gebe es das große Stellwerk Hauptbahnhof. Das leistet sich die Bahn ebenfalls noch, obwohl alles zusammen von viel weiter weg dirigiert oder disponiert wird. Nämlich von der Betriebszentrale in Karlsruhe. Der Stuttgarter Bereich, muss der Bahnsprecher dann schon vermuten, endet wohl in Bad Cannstatt. Dann übernimmt Waiblingen. Generell sei es so, dass es mechanische Stellwerke gibt, dann elektromechanische und dann noch elektronische. Er könne jetzt aber nicht sagen, auf welchem Stand das Waiblinger Stellwerk sei.

Wir versuchen’s mal. Gang zum Waiblinger Tower. Das Türschild kündigt an: Wir sind richtig. Unter der Abkürzung FDL stellt sich auch der Laie einen Fahrdienstleiter vor. Das Fenster, ganz oben an der Kanzel, zeigt sich offen. Es muss jemand da sein, wäre ja auch nochmals schöner.

Wir klingeln. Der Auszubildende bedient die Haussprechanlage. Er hört sich unseren Begehr an. Wir wollten nur mal wissen, ob es hier schon elektronisch zugeht. Der Azubi trägt das Begehr weiter, wir hören’s im Hintergrund der Gegensprechanlage. „Tut uns leid“, heißt es alsbald. Wir dürfen nicht. Hat man sich denken können.

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