Waiblingen Frust beim friedlichen Fußball-Festival

Waiblingen/Ludwigsburg.
Ein Schatten fiel seit Freitagnacht auf das Treffen der Auslands-Äthiopier aus ganz Europa beim großen Fußball-Festival, das dieses Jahr auf den Sportplätzen am Oberen Ring in Waiblingen stattfand. Wurde dort ein friedliches Sportfest gefeiert, kam es in Ludwigsburg, wo in der MHP-Arena das Kulturprogramm des Fests stattfinden sollte, schon in der ersten Nacht zu „tumultartigen Szenen“ mit Eriträern. Alle weiteren Konzerte wurden abgesagt.
Immer wieder unterbricht ein aufgelöster Simon Haileselassie seine Erklärungen und bricht in Tränen aus. Es ist Samstagnachmittag, kurz vor Ende des Turniers um den Großen Äthiopien-Cup, an dem 37 äthiopische Fußballclubs von Norwegen bis Italien teilnehmen. Der 36-Jährige kann es nicht fassen, wie das von ihm und dem Verein Blauer Nil aus Stuttgart organisierte Fußball- und Kulturfestival um seinen Höhepunkt gebracht wurde. Den Auftritt des äthiopischen Superstars Teddy Afro zum Abschluss der Festveranstaltungen in der MHP-Arena in Ludwigsburg am Samstagabend. Aber dort war es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zu Ausschreitungen mit einem Teil des Publikums gekommen. In einem Pressebericht des Polizeipräsidiums Ludwigsburg vom Freitag heißt es dazu, dass sich zu einem für 21.30 Uhr angekündigten Konzert „überwiegend eritreische Gäste“ einfanden, „die mitunter bereits deutlich angetrunken waren“.


Angetrunkenes Publikum wollte die MHP-Halle nicht verlassen


Nachdem ein angekündigter DJ und eine Liveband nicht erschienen waren und die Veranstaltung deswegen früher als angekündigt, gegen 2.30 Uhr, beendet wurde, sollen sich Besucher geweigert haben die Halle zu verlassen. Die Polizei meldet: „Einige mussten vom Sicherheitspersonal ins Freie getragen werden. Auf dem Vorplatz wurde das Sicherheitspersonal mit Flaschen und Bechern beworfen und musste sich schließlich in der Halle einschließen.“
Als dann, so der Bericht weiter, die verständigte Polizei „mit neun Streifenwagen an der Arena eintraf, entfernten sich die Besucher in verschiedene Richtungen. Zu weiteren Ausschreitungen kam daraufhin nicht.“ Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes wurde verletzt. Die Polizei ermittelt deshalb wegen gefährlicher Körperverletzung.
Bei einer am Freitag einberufenen Lagebesprechung zwischen Stadtverwaltung, den äthiopischen Veranstaltern vom Stuttgarter Verein Blauer Nil, sowie dem Management der MHP-Halle und der Polizei, hat die Stadt dann, wie zu hören war, wegen „Nichteinhaltung von Auflagen“, die Konzertveranstaltungen am Freitag- und Samstagabend abgesagt. Über die näheren Umstände, die zu dieser Entscheidung führten, war am Wochenende weder von der Stadt noch der Polizei Genaueres in Erfahrung zu bringen.


Rund um Waiblinger Fußballfelder ein schönes, friedliches Fest

Nun also ein Scherbenhaufen. Das Konzert mit Teddy Afro findet nicht statt. Afro, der, erklärt ein Besucher des Festes, für die Äthiopier so etwas wie „Bob Marley und Elvis Presley in einer Person“ sei. Viele sind extra und von weit wegen dieses Konzerts angereist. „Ich habe die letzten sieben Monate für die Organisation des Festivals gearbeitet“, erklärt Simon Haileselassie. „Und jetzt haben wir keine Chance mehr bekommen.“ Vergeblich habe er in Ludwigsburg versucht, den Verantwortlichen zu erklären, wie wichtig das Abschlusskonzert für die Äthiopier aus ganz Europa sei. „Unsere ganze Freude war denen ganz egal!“ Alle paar Minuten klingelt nun sein Handy. Ob das denn wahr ist, wollen die Leute wissen. Er erhält Beschimpfungen. Der Frust ist groß. Der junge Äthiopier nur noch ein Häufchen Elend.
Dabei findet draußen, rund um und auf den Waiblinger Fußballplätzen genau das friedliche Festival statt, das sich alle gewünscht hatten. Mehr als 3000 Besucher genießen seit Tagen die Turniere zwischen den Mannschaften mit so illustren Namen wie „Ethiopian Coffee“ oder „Ethio-Cologne“. Die schenken sich bei Temperaturen über 35 Grad auf dem Rasen nichts. Packende Duelle. Auch mal Rangeleien. Ein fußballbegeistertes Völkchen. Am Ende klatschen sich die Spieler freundschaftlich ab. Überraschung, als man in einer Jugendmannschaft selbstbewusst ein einziges, rastabelocktes Mädchen mitspielen sieht.
Aus den Kulinarik-Zelten rund um die Arenen strömen Düfte der äthiopischen Küche. Überall sieht man Familien um große Teller mit dem braunen, weichen Sauerteigfladenbrot sitzen, der „Injeera“, die mit Fleisch und Gemüsepasten belegt, mit den Fingern gegessen wird.

Ein großes Familienfest


Überhaupt ein großes Familientreffen scheint das zu sein, zu dem sich die europäischen Auslands-Äthiopier hier in Waiblingen versammelt haben. Stolze Äthiopier im Übrigen. Viele tragen Stirnbänder mit den rot-gelb-grünen Landesfarben. „I miss you Ethiopia“ ist auf einem zu lesen.
Er habe schon lange nicht mehr eine so stressfreie Veranstaltung erlebt, erklärt einer der zwölf Angestellten einer Security-Firma, die hier nirgends ernsthaft eingreifen musste. „Ich möchte ein schönes Spiel sehen“, ermahnte ein Schiedsrichter eindringlich zwei Mannschaften vor dem Spiel. „Das hier ist nur Fußball, und nichts anderes!“
Leider eben doch nicht. Am Ende ein enttäuschter Sänger und ein um sein traditionelles Abschlussfest gebrachtes Publikum.

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