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Waiblingen/Gmünd/Aalen Nordostring: Stand der Dinge und Diskussionen

 Foto: maps4news.com/HERE; Grafik: ZVW

Waiblingen/Gmünd/Aalen. Der Nordostring, der prominenteste Untote unter den regionalen Straßenbauvorhaben, geistert seit einiger Zeit wieder quicklebendig durch die politischen Debatten. Das macht die Menschen östlich des Rems-Murr-Kreises zusehends nervös: in Gmünd, in Böbingen, in Aalen.

„Lastwagen von Rotterdam nach Istanbul“ werden „bei uns durchfahren“, wenn der Nordostring kommt: Dieses röhrende Motorenszenario hat der damalige Fellbacher Oberbürgermeister Christoph Palm schon vor vielen Jahren ausgemalt. Bereits 2006 skizzierte er im Gespräch mit unserer Zeitung eine Route, die Brummis künftig nehmen könnten. Bisher, sagte Palm, schlage sich ein Lastwagen, der aus dem Norden via A 81 komme und Richtung Ulm und München wolle, durch den Stau am Leonberger Dreieck auf die A 8, schnaufe ostwärts den Sindelfinger Wald hoch und schleiche den steilen Aichelberg empor.

Alternative dank Nordostrings

Gäbe es einen Nordostring, entstünde eine wunderbare Alternative: Der Laster könnte bei Ludwigsburg die A 81 verlassen, über Schmidener Feld und Waiblinger Westumfahrung die B 29 erreichen und auf ihr durchs ganze Remstal ostwärts rollen, bis er hinter Aalen auf die A 7 und nach einem Stich gen Süden auf die A 8 gelangte (siehe Grafik). Die Begriffe „Remstalroute“ und „Fremdenverkehr“, witzelte Palm grimmig, bekämen dann eine ganz neue Dimension.

Seither hat sich viel geändert...

Seinerzeit konnte man ihm antworten: Na, na, auf der B 29 reiht sich Richtung Osten doch ein Nadelöhr ans andere – Stadtdurchfahrt Gmünd; Ortsdurchfahrt Böbingen; Ortsdurchfahrt Mögglingen. Bis Aalen ist das eine elende Eierei ... Nur: Seither hat sich allerlei geändert.

...und zwar:

  • Schwäbisch Gmünd hat seit 2013 einen zweispurigen Tunnel, der die West-Ost-Passage unter der Stadt hindurch mit Tempo 80 ermöglicht.
  • Für den vierspurigen Ausbau von Gmünd bis Böbingen und von Böbingen bis Mögglingen gibt es Planspiele.
  • Die vierspurige Umfahrung Mögglingen ist im Bau und wird bis Essingen führen.
  • Die Stimmen mehren sich, die fordern: Direkt danach müsse auch das letzte Stück von Essingen bis Aalen vierspurig ausgebaut werden.
  • Die Aalener Westumgehung wurde bereits 2001 freigegeben. Et voila, bis zur A 7 sind es nur noch ein paar Kilometer.

Projekte: Mosaiksteine in einem größeren Bild

All die Projekte, vor Ort jeweils isoliert als lokale Lösungen für Staunöte interpretiert und herbeigesehnt, offenbaren sich aus der Vogelperspektive als Mosaiksteine in einem größeren Bild: Nordostring, Waiblinger Westumfahrung, Gmünder Tunnel, B-29-Ausbau – fertig ist die Ersatzautobahn. Und dann könnte sich der alte Spruch des SPD-Politikers Hans-Jochen Vogel bestätigen: „Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten.“ (Siehe Infobox.)

Nordostring - ein Problemlöser?

Noch immer wollen viele Politiker den Nordostring als regionalen Problemlöser verkaufen: Der Ring werde das im Verkehr erstickende Remseck entlasten und die Feinstaubbelastung in Stuttgart reduzieren. Remsaufwärts indes schärft sich mittlerweile der Blick für die weiträumigen Folgen des Projekts.

Viele zweifeln am Ring 

In Gmünd fragen sich viele: Was, wenn wegen des Rings der Verkehr auf der B 29 weiter steigt? Wird der zweispurige Stadt-Tunnel das noch verkraften?

„Auch wenn die B 29 in Böbingen kreuzungsfrei und vierspurig ausgebaut sein wird, führt sie immer noch mitten durch den Ort!“, erklärte Bürgermeister Jürgen Stempfle der „Rems-Zeitung“ – er fürchte, schreibt das Blatt, eine „zusätzliche Blechlawine“ wegen des Nordostrings.

Die Rems-Zeitung schrieb in einem Online-Artikel: „Auf der einen Seite wird das Remstal bis 2019 als ,längster Garten’ gestaltet, auf der anderen Seite droht durch den ins Auge gefassten Nord-Ost-Ring um Stuttgart herum eine Verlagerung von viel Verkehr auf die B 29. Wie passt das zusammen?“

Die Aalener Nachrichten schrieben: „Der vierspurige Ausbau der B 29 könnte für die Ostalb unerwünschte Nebenwirkungen haben. Die Trasse könnte Teil einer Fernverbindung zwischen der Autobahn 81 bei Stuttgart und Augsburg an der Autobahn 8 werden. Damit würde eine Parallelautobahn entstehen, fürchtet Aalens OB Thilo Rentschler.“ Mögliche Folge: Da bei Aalen die vier auf zwei Spuren verengt würden, drohe „Verkehrschaos“.

Teil einer großräumigen Verbindung zwischen A 81 und A 7 

Man mag das Projekt Nordostring bewerten, wie man will – als Monument des Asphaltwahns oder als Schlüsselstück in einer großen Mobilitätsvision. Auf eines aber sollten sich in künftigen Debatten alle einigen können: Wer den Ring nur als Phänomen mit lokaler oder regionaler Funktion bezeichnet, ist entweder kurzsichtig oder unehrlich. Der Nordostring ist – ganz egal, ob man das nun fantastisch oder entsetzlich findet – Teil einer großräumigen Verbindung zwischen der A 81 im Westen und der A 7 im Osten: Er dient als Erschließungsportal und Auffahrtrampe zu einer künftig wohl durchgehend vierspurig zu denkenden West-Ost-Achse namens B 29.

Wer Straßen sät ...

„Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“: Diese These untermauerte im Jahr 2009 eine Studie der kanadischen Forscher Gilles Duranton und Matthew Turner, Professoren für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Toronto. Sie untersuchten mit Hilfe einer Vielzahl von Datensätzen den Zusammenhang zwischen Straßenbau und Verkehrsaufkommen am Beispiel der USA.

Ihr Ergebnis: Wenn in einer Region das Straßennetz um ein Prozent ausgebaut wurde, nahm der Autoverkehr ebenfalls um ein Prozent zu, und zwar in weniger als zehn Jahren. Die Ökonomen brachten den Zusammenhang knackig auf den Punkt: „Eine Verdoppelung der Straßen verdoppelt den Verkehr.“ Oder in anderen Worten: Mehr Straßen führen nicht zu weniger Staus. Denn je besser das Straßennetz ausgebaut sei, schrieben die Forscher, desto häufiger fahren die Menschen Auto.

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