Waiblingen Höchst gefährlich: Handy am Steuer

Solche Szenen fallen der Polizei bei Streifenfahrten „ständig“ auf. Was der Fahrer hier macht, kann leicht tödlich enden. Foto: Habermann / ZVW

Waiblingen. Jeder weiß, wie gefährlich das ist, und trotzdem passiert’s am laufenden Band: Autofahrer lassen während der Fahrt einfach nicht die Finger vom Smartphone. Das kostet 60 Euro und einen Punkt. Oder das Leben.

Sie hatte beim Fahren auf ihrem Handy getippt – und ungebremst zwei Fahrradfahrer umgefahren. Einer von ihnen starb. Die Frau fuhr einfach weiter. Dieser Unfall ereignete sich im Landkreis Böblingen; die junge Frau wurde seinerzeit zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt.

Ein solch krasser Fall ist bisher im Rems-Murr-Kreis noch nicht passiert. Doch angesichts dessen, was die Polizei bei ihren Streifenfahrten jeden Tag beobachtet, sind Verkehrsteilnehmer oft nur einen Wimpernschlag von der Katastrophe entfernt. „Ständig“ sehen die Beamten Autofahrer, die sich am Handy zu schaffen machen, sagt Polizeisprecher Holger Bienert. Offenbar schrecken weder das auf 60 Euro erhöhte Bußgeld samt Punkt in Flensburg – noch das Wissen um die möglicherweise fatalen Folgen.

Neulich bei einer Kontrolle bei Sulzbach/Murr; eigentlich hatte die Polizei an diesem Tag speziell Motorradfahrer im Visier: Prompt fiel auch ein Autofahrer mit Handy in der Hand auf. „Ich hab nicht telefoniert!“, versicherte er im Anschluss ein ums andere Mal. Er habe lediglich den Sperrcode eingegeben, damit seine Frau auf dem Beifahrersitz telefonieren könne, sagte der Mann.

Das reicht schon, damit ist der Verstoß perfekt. Nicht nur wer beim Fahren telefoniert, verstößt gegen die Straßenverkehrsordnung. Als verbotene Nutzung des Handys gilt auch, einen Anruf wegzudrücken, eine SMS zu lesen oder die Navigationsfunktion am Smartphone zu bedienen. Läuft der Motor beim Warten an einer roten Ampel, gilt ebenfalls: Finger weg vom Handy. Radfahrer sind ebenfalls dran, wenn sie beim Fahren mit dem Handy erwischt werden. Sie zahlen 25 Euro Bußgeld.

„Das Gefahrenbewusstsein ist viel zu gering“, sagt Sandra Demuth vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat. Ihrer Einschätzung nach glauben Autofahrer allzu oft, so ein kurzer Blick aufs Handy, so ein ganz kurzer Augenblick der Abwesenheit sei tolerierbar. Bis es zum „Beinahe-Unfall“ kommt und die Betroffenen dann zunächst vernünftig handeln. Um kurze Zeit später wieder im Auto nach dem Handy zu greifen. Ist ja nichts passiert bisher.

„Wir haben Sorge, dass es immer weiter um sich greift“

Was passieren kann, macht ein einfaches Zahlenbeispiel der Deutschen Verkehrswacht deutlich: Die Eingabe einer Adresse in das Navi lenkt den Fahrer durchschnittlich 78 Sekunden ab. Ist der Fahrer mit 50 Stundenkilometern unterwegs, legt er in dieser Zeit circa 700 Meter zurück. Hat er 130 Sachen drauf, befindet er sich innerhalb dieser Zeitspanne 2,8 Kilometer lang im Blindflug.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat versucht, mit offensiver Öffentlichkeitsarbeit und großangelegten Kampagnen ein Bewusstsein zu schaffen für Gefahren und die Autofahrer zu verantwortungsvollem Verhalten zu bewegen. Damit das gelingt, möchte die Deutsche Verkehrswacht die Mobilfunkbetreiber mit ins Boot holen. Pressesprecherin Hannelore Herlan erwartet von der Telekom und anderen, dass sie ihre Kunden, die Handynutzer, über die Gefahren aufklären, zumal die Firmen aus ihrer Sicht „auch eine gesellschaftliche Verantwortung“ haben. Sie beobachtet einen „sehr sorglosen Umgang mit Handys“ – nicht nur, aber sehr ausgeprägt bei jungen Leuten. „Wir haben Sorge, dass es immer weiter um sich greift.“ Es braucht einen sehr langen Atem, bis sich die Dinge spürbar zum Besseren wenden, meint Hannelore Herlan und zieht einen Vergleich mit der Akzeptanz von Fahrradhelmen. Es war viel Überzeugungsarbeit nötig, doch war das Bohren dicker Bretter letztlich von Erfolg gekrönt.

In den Jahren 2013, 2014 und 2015 hat die Polizei nur insgesamt zwölf Unfälle registriert, die auf Handynutzung am Steuer zurückgehen. In Wahrheit waren es viel mehr, ist sich Polizeisprecher Bienert sicher – nur gibt natürlich kaum jemand bei einem Unfall zu, was der Grund für die Unaufmerksamkeit war.

Wer von der Polizei erwischt wird, der wird einer Anzeige nicht entrinnen. Der Bußgeldbescheid folgt auf den Fuß. Fühlt sich der Autofahrer ungerecht behandelt, kann er Widerspruch einlegen. Im Zweifel klärt ein Gericht, wer recht hat.

Mit der Versicherung kann’s parallel Ärger geben. Laut Stefanie Simon, Sprecherin bei der R+V-Versicherung, zahlt eine Vollkaskoversicherung unter Umständen dann nicht, wenn dem Autofahrer grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann. Anders sieht’s bei der Haftpflichtversicherung aus. Hat der Betroffene während der Fahrt telefoniert und baut deshalb einen Unfall, zahlt die Haftpflicht trotzdem für Schäden Dritter, und sie kann den Versicherungsnehmer in diesem Fall nicht in Regress nehmen, informiert Stefanie Simon. Stand der Fahrer unter Alkoholeinfluss, ist ein Regress denkbar.

Fahrverbot für Wiederholungstäter

Nicht allein das Telefonieren am Steuer ist verboten. § 23 Abs. 1a der Straßenverkehrsordnung besagt: „Wer ein Fahrzeug führt, darf ein Mobil- oder Autotelefon nicht benutzen, wenn hierfür das Mobiltelefon oder der Hörer des Autotelefons aufgenommen oder gehalten werden muss. Dies gilt nicht, wenn das Fahrzeug steht und bei Kraftfahrzeugen der Motor ausgeschaltet ist.“

Erlaubt ist, mit einer Freisprecheinrichtung zu telefonieren.

Es gab schon Fälle, da Gerichte ein mehrmonatiges Fahrverbot ausgesprochen haben, wenn ein Fahrer mehrfach mit dem Handy am Steuer erwischt worden ist.

Die App „SMS, mein Auto und ich“ macht es möglich, dass eine Computerstimme Textnachrichten vorliest.

Der Verkehrssicherheitsrat will mit einer Kampagne aufräumen mit dem „Mythos Multitasking“. Der Mensch sei eben nicht in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, „denn das Gehirn kann Entscheidungen nur nacheinander treffen“. Im Wettbewerb „Mythos Multitasking“ ruft der Verkehrssicherheitsrat dazu auf, Videos zu dieser Thematik einzureichen. Infos zum Wettbewerb unter www.dvr.de.

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