Waiblingen Horst Lässing feiert seinen 75. Geburtstag - ein Interview

Alle Welt prophezeite ihm das Los der wichtigen Männer: nicht mehr wichtig sein und daran leiden. Er aber begann, Bilder zu malen auf Gomera, zu meditieren in einem buddhistischen Kloster, ins Fitness-Studio zu gehen, die Welt zu bereisen, in der Hängematte vor sich hin zu schaukeln, stapelweise Bücher zu lesen, um sechs Uhr aufzustehen, wenn am Fenster die Vögel zwitschern, oder bis elf Uhr liegen zu bleiben, wenn das Bett schön warm ist. Er versuchte nicht, die Asche einstiger Bedeutsamkeit in den Ruhestand hinüberzuretten, er nahm kein Amt an, nicht in einem Aufsichtsrat, nicht einem Verein, nicht in seiner Partei, der CDU. Wenn er doch mal bei einem repräsentativen Anlass auftaucht, wirkt Horst Lässing nicht wie ein Nachlassverwalter vergangener Größe, eher wie ein Flaneur, der genießerisch plaudernd von Grüppchen zu Grüppchen zieht und Gesprächsblüten pflückt. Und wenn keine Milch im Haus ist, gibt er einen Schuss Baileys in den Kaffee. Der Mann altert so radikal gut, dass man fast anfängt, sich zu fragen, was eigentlich so schön an der Jugend sein soll.

Herr Lässing, das Alter hat zwei große Vorteile: Die Zähne tun nicht mehr weh und man hört nicht mehr all das dumme Zeug, das ringsum gesagt wird. Korrekt?

Ich habe ursprünglich mal gedacht: Arbeit ist Leben. Mir war aber klar, nachdem die Arbeitszeit vorbei war: Ich mache dieses Buch zu und fange ein neues Leben an. Ich wollte mich verändern. Ich wollte nicht mehr im Mittelpunkt stehen, ich wollte nicht mehr pausenlos kommunizieren. Ich habe Freude gefunden in der Stille des Waldes und der Ruhe in mir. Insofern stimmt es schon: Ich bin dem Geschwätz nicht mehr so ausgesetzt. Ich bin in einer Lebensphase, wo man zum Wesentlichen kommen will. Ich will den Augen was zu sehen geben, neue Lebensweisen erleben. Ich mag andere Menschen und andere Kulturen. Der Beruf ist das Leben? Das Leben ist das Leben.

Horst Lässing, geboren 1937 in Stuttgart, lebe als Kind mehrere Jahre in Mexiko, Spanien und Brasilien. Er studierte in Tübingen, Bonn und München. Von 1973 bis 2002 war er Landrat des Rems-Murr-Kreises – von der Zusammenlegung der Kreise Waiblingen und Backnang bis zur Einführung des Euro. Davor war er unter anderem Pressereferent von Bundesforschungsminister Gerhard Stoltenberg.


Mein Eingangssatz stammt von George Bernard Shaw und hat ja bei allem Witz einen deprimierenden Hintersinn: Wenn man alt wird, verliert man die Zähne und das Gehör, und das ist auch schon das Beste, was man darüber sagen kann.

Meine Zähne sind noch in Ordnung, die Ohren eigentlich auch. Aber neulich habe ich mir vorgestellt, dass ich jetzt ja dann auf die 80 zugehe – und da ist mir schon ein bisschen wehmütig geworden. Man beginnt, an die Endlichkeit zu denken. So gesehen muss man sagen: Altern ist eigentlich nicht schön. Aber ich habe als Student bei Heidegger gelesen: „Dasein ist Sein zum Tode.“ Das hat mir gefallen. Vom Ende her bekommt das Leben einen anderen Sinn. Wenn du tausend Jahre alt würdest, wäre das Leben nicht so spannend. Gerade die Endlichkeit ist ein Aufruf zum Carpe Diem. Jeder Tag ist der erste vom Rest deines Lebens – das ist mir schon vor Augen.

Sie leben allein in Ihrem Haus. Da könnte einem ja auch mal einsam werden. Aber Sie kommen gut mit sich aus.

Ich komme ausgesprochen gut mit mir aus. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ohne Begegnungen mit Menschen wollte ich nicht leben. Aber mein selbstbestimmtes Dasein ist mir schon was wert.

Glücklich ist, wer fern den Geschäften.

Horaz – das kenne ich, und das ist schon richtig. Das war ja das Idealbild des Römers: In Muße zu leben. Otium. Und Negotium war das Geschäft, die Verneinung der Muße. Wenn man weniger nach äußeren Erfolgen schielt, ist eine innere Voraussetzung, Glück zu finden, schon da: in Muße Dinge tun – als selbstbestimmter Mensch. Ich war ja fremdbestimmt.

Fremdbestimmt?

Ich war sicher relativ frei, weil ich in der Hierarchie weit oben war. Aber natürlich ist man im Berufsleben vielen Zwängen ausgesetzt: Wenn Sie früher mit mir Diskussionen geführt hätten, ob ein Landrat eine Vorbildfunktion hat, dann hätte ich das nie abstreiten wollen oder können. Aber für mich persönlich habe ich just das nie innerlich akzeptiert. Ich wollte zwar immer ein guter Landrat sein, aber ich wollte kein Vorbild sein. Deshalb habe ich gelegentlich auch so Blödsinn gemacht.

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