Waiblingen In Waiblingen fehlen mehr als 80 Kita-Plätze

Symbolbild. Foto: Pixabay (CC0 Creative Commons)

Waiblingen. Die Stadt Waiblingen, die sich gerne als familienfreundlich präsentiert, hat ein Problem: Die Kitas sind pickepackevoll, und trotz aller möglicher Notlösungen und geplanter Provisorien gibt es allein in der Kernstadt für 84 Kinder nirgendwo Platz. Auf schnellstem Wege soll deshalb beim Freibad eine Behelfskita gebaut werden. Die Kinderbetreuung bleibt Streitthema.

Der Kindersegen in der Stadt hat ungekannte Ausmaße - und wird bei der Planung von Kitas zum Fluch. Lebten im Jahr 2014 noch 1529 Jungen und Mädchen im Kindergartenalter in Waiblingen, so werden es 2020 etwa 1730 sein. Ein Plus von 200 in nur sechs Jahren. Erste Bürgermeisterin Christiane Dürr fasst die Statistiken aller Stadtteile so zusammen: „Es gibt nur eine Richtung – steil nach oben.“ Vollkommen überraschend kommt der Boom freilich nicht, angesichts neuer Baugebiete und der Zuzüge - die Stadt ist binnen weniger Jahre um 3000 Einwohner gewachsen - hat er sich schon abgezeichnet. Neue Kindertagesstätten wurden deshalb geplant, doch da liegt der Hund begraben: Sie sollten schon fertig sein oder es bald werden, sind beziehungsweise werden es aber nicht.

Salier-Interimskita bekommt zusätzliche Gruppe

Die Verzögerungen haben verschiedene Gründe: Ein Kinderhaus mit 60 Plätzen sollte auf dem alten Krankenhaus-Areal entstehen – doch vorher kam ein neuer Landrat ins Amt, der für das Gebiet und die Behörden des Kreises eine Neukonzeption anstieß. Angesichts der Wohnungsnot ein nachvollziehbarer Schritt, doch die neue Kita wird dadurch wohl erst im Herbst 2021 fertig. Im Stihl-Betriebskindergarten bucht die Stadt 30 Plätze, jedoch zogen sich die Vertragsverhandlungen mit dem Motorsägen-Hersteller in die Länge. Verständlich, findet Christiane Dürr: „Kindergarten-Planung war bisher nicht die Kernkompetenz der Firma.“ Immerhin: Die Bauarbeiten laufen jetzt. Zwei Jahre länger, nämlich bis Herbst 2020, wird das neue Kinderhaus am Rötepark mit 80 Plätzen auf sich warten lassen. Die europaweite Ausschreibung soll im kommenden Juni anlaufen. Als erster Neubau wird wohl der Naturkindergarten Waldmühle in rund einem Jahr mit 40 Plätzen starten.

In der Vergangenheit lautet die Botschaft der Stadt immer: Wir haben genug Plätze, wenn auch nicht immer in der Wunsch-Einrichtung der Eltern. Dieses Jahr kann sie nicht einfach Kinder in andere Ortschaften verweisen, denn nirgendwo gibt es freie Kapazitäten. Im Gegenteil. Wo immer möglich, werden Notlösungen gestrickt, hier nur einige Beispiele: Beim Salier-Schulzentrum läuft in den Containern, die noch aus der Zeit der Sanierung des Gymnasiums stammen, schon der Betrieb einer Interims-Kita. In deren Bewegungsraum kommt kurzfristig eine weitere Gruppe unter. Die Montessori-Kinderwelten, eigentlich nach Beinstein umgezogen, reaktivieren in ihren Räumen im Ameisenbühl 15 bis 20 Plätze. In Hohenacker werden freie Kleinkinder-Plätze in Ü3-Plätze umgewandelt.

Viergruppige Not-Kita muss bis September stehen

All das reicht noch nicht, um den Fehlbedarf zu decken. Allein in der Kernstadt stehen 84 Kinder auf Wartelisten, für die aktuell niemand eine Lösung hat. Also überraschte die Stadtverwaltung bei der jährlichen Präsentation der Kindergartenbedarfsplanung, eines hochkomplexen Zahlenwerks aus Prognosen und Kostenschätzungen, mit der Idee eines weiteren Provisoriums. Als mögliche Fläche für die Not-Kita hat sie ein Grundstück der Stadtwerke an der Schorndorfer Straße gefunden, in direkter Nachbarschaft zum Freibad. Drei Kindergarten-Gruppen mit je 20 Kindern sowie einer U3-Gruppe mit zehn Kindern soll sie Platz bieten. Und zwar möglichst schon zum Beginn des Kindergartenjahrs im September. Ob es sich um Container handeln wird, darauf wollte sich die Bürgermeisterin unter Hinweis auf die „taufrischen“ Planungen nicht festlegen und spricht lieber von „Systembauweise“.

Idee: Bildungscampus bei der Friedensschule

Brandneu auch die Ankündigung, einen der drei Pavillons bei der Friedensschule Neustadt, der sich unmittelbar bei der Grundschule befindet, umnutzen zu wollen. Dabei würde es sich ebenfalls um ein Provisorium handeln, denn auf lange Sicht hat die Stadtverwaltung für Neustadt etwas anderes im Sinn: Die sanierungsbedürftigen Pavillons würden demnach abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der unter dem Stichwort „Bildungscampus“ Kinderhaus und Schule verknüpfen würde. Wie im Ausschuss für Bildung, Soziales und Verwaltung zu hören war, stößt die Idee an der Schule nicht auf unbedingte Gegenliebe. Aus Sicht des Rathauses böte der Campus ihr aber in dem Sinne Zukunftssicherheit, dass die künftigen Schüler schon in unmittelbarer Nachbarschaft die Kita besuchen.


Kritik an den Prognosen der Stadt

„Die Prognosen stimmen nicht“, kritisierte ALi-Stadträtin Dagmar Metzger da Rathaus und beobachtet die Entwicklung „mit großer Sorge“. Die guten Möglichkeiten zur Kinderbetreuung hätten stets als bedeutender Standortfaktor gegolten - „im Moment können wir das nicht bieten“.

Die Stadt möge alles in ihrer Macht Liegende tun, um Klagen von Eltern wegen des Rechtsanspruchs auf Kindergartenplätze zu vermeiden, appelliert Ingo von Pollern (CDU). „In Stuttgart zahlen sie ständig.“ Er regte an, in Korb oder Schwaikheim wegen Plätzen anzufragen. Laut Bürgermeisterin Dürr sind aber auch im Umland die Kitas voll: „Keine Chance“.

Keinen Vorwurf erhebt Peter Abele (CDU). Die Zahlen rührten auch von einem Trend zur Mehrkinder-Familie.

Ganz unschuldig sei die Ratsmehrheit nicht, die den Neubau in Waiblingen-Süd in städtischer Regie statt durch einen Investor planen wollte - anders als etwa die FDP-Fraktion, sagte Andrea Rieger.

Im Moment gelingt der Stadt die Rekrutierung von Personal noch, versicherte die Verwaltung auf Nachfrage von Simone Eckstein (SPD).

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