Waiblingen Inklusion: Kein Platz für Phillip

Waiblingen. Endlich wird alles gut. Phillip kann wieder in die Schule. Die vollen 20 Stunden, die seine Schulwoche hat. Ab Oktober. Dem voraus ging ein langes Ringen um eine Schulbegleitung, die darin gipfelte, dass der Siebenjährige, der eine sehr schwere Form von Autismus hat, vor den Sommerferien gar nicht mehr zum Unterricht konnte.

Das Schulgesetz für Baden-Württemberg besagt: „Schulpflicht besteht für alle Kinder und Jugendlichen.“ Die Schulpflicht „erstreckt sich auf den regelmäßigen Besuch des Unterrichts“. Wenn Eltern ihr Kind nicht zur Schule schicken, kommt im schlimmsten Fall die Polizei. Doch was ist, wenn die Schule sagt: So geht’s nicht mehr, das Kind muss zu Hause bleiben?

Phillip ist hochintelligent

Phillip ist sieben Jahre alt. Der Junge konnte schon mit zwei Jahren lesen. Aber begann erst mit fünf Jahren zu sprechen. Vorher kommunizierte die Familie über Zettel. Phillip kann fließend Englisch, weiß das Periodensystem der chemischen Elemente auswendig und interessiert sich ungemein für alles, was mit Zahlen zusammenhängt. Dass Phillip anders ist als andere Kinder, ist der Familie also schon lange klar. Der Junge wird, seit er eineinhalb Jahre alt ist, von einem Sozialpädiatrischen Zentrum betreut.

Phillip ist Autist. Er geht in die Oppelsbohmer Außenklasse der Schelmenholzer Bodenwaldschule. Phillip ist hochintelligent. Sein Leben in einer Welt voller Geräusche, Gerüche, Anforderungen ist hochproblematisch. Phillip kann es nicht ertragen, wenn im Klassenzimmer nebenan Musik gemacht wird. Oder wenn ein Bohrer brummt. Oder wenn der Regen aufs Balkongeländer prasselt.

Auf der Suche nach dem richtigen Ort 

„Ich stand mitten in der Nacht draußen und umwickelte das Geländer mit Handtüchern“ sagt seine Mutter. Phillip hat auch keine Körperwahrnehmung und merkt zum Beispiel nicht, wann er auf die Toilette muss. Und er steckt alles in den Mund. Ganz egal, was es ist. Phillip braucht ständig Pflege, Hilfe. Jemanden, der mit ihm rausgeht in die Stille, jemanden, der ihn frischmacht, der ihn vor sich selber schützt.

Wenn bei Kindern wie Phillip die Schulzeit beginnt, treffen sich sehr viele Menschen an einem sogenannten „runden Tisch“. Alle nämlich, die irgendwie in diesen Schritt involviert sind. Für Phillip fand der runde Tisch einige Male statt. Denn es war nicht klar: Geht das Kind besser in die Christian-Morgenstern-Schule, in der der Förderschwerpunkt auf der Sprache liegt. Oder in die Fröbelschule, eine Schule für Kinder mit geistiger und körperlicher Behinderung. Oder lieber in die Autistenklasse der Schelmenholzer Bodenwaldschule?

Mittelweg zwischen inklusiver Beschulung und Sonderpädagogik

Die Waiblinger Christian-Morgenstern-Schule sagte ab: Der Pflegeaufwand sei bei Phillip zu groß, das könne in dieser Schule nicht geleistet werden. Die Fröbelschule war auch nicht der richtige Ort für das Kind. Bei einem IQ von 130 braucht Phillip einen anderen Unterricht als Kinder mit geistiger Behinderung. So blieb die Bodenwaldschule.

Die Bodenwaldschule, die zur Paulinenpflege gehört, ist eine Sonderpädagogische Einrichtung mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Für Autisten gibt es eine eigene Klasse, die in der Grundschule in Oppelsbohm ihr Zuhause hat. Dieses Konstrukt ist eine Art Mittelweg zwischen inklusiver Beschulung und Sonderpädagogik. Die Bodenwaldschule hat, in Sonderabsprache mit dem Jugendamt in Waiblingen, mehrere Sozialpädagogen im festen Team. Ein herausragendes Engagement des Kreises.

Das herausragende Engagement wurde zum Fallstrick

Doch dieser Leuchtturm im sonderpädagotischen Betrieb wurde für Phillip zum Fallstrick. Weil für alle eine unbestreitbar überragende Abmachung gilt, bekam der, der nicht wie alle ist, nicht das, was er braucht.

Phillips Mutter beantragt im November 2015 eine Schulbegleitung. Der Grad der Behinderung des Jungen liegt bei 100. Höher geht nicht. Am 5. Oktober 2016 bekommt sie vom Staatlichen Schulamt Backnang schriftlich die Zusage: Phillip kann in die Autistenklasse der Bodenwaldschule. Vom Jugendamt hat sie – fast ein Jahr nach ihrem Antrag – noch nichts gehört.

Phillip wird trotzdem eingeschult. Seine Lehrerinnen übernehmen die Körperpflege. Man geht davon aus, dass sich das Problem lösen wird.

Das Jugendamt lehnt die Eingliederungshilfe ab

Am 1. Februar 2017, sagt Phillips Mutter, bekommt sie einen Brief vom Jugendamt: Man beabsichtigt, die Eingliederungshilfe abzulehnen. Phillips Mutter trägt ihren Widerspruch persönlich ins Jugendamt. Und hört wieder nichts mehr.

Die Lehrerin von Phillip allerdings tut – es ist inzwischen kurz vor Pfingsten – deutlich kund, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Die pflegerische Arbeit ist zu viel. Die Mutter müsse diese selbst übernehmen. Doch Phillips Mutter kann das nicht leisten. Sie wohnt in Waiblingen, hat noch eine Tochter, die dort zur Schule geht. Und oftmals kein Auto zur Verfügung. Wie soll sie auf Abruf jeden Tag kurz nach Oppelsbohm und wieder zurückkommen? Und so muss Phillip zu Hause bleiben.

Und das Schulgesetz? Phillips Anspruch auf Bildung?

Keine Schulbegleiter als Einzelfallhilfen

„In dem hier vorliegenden Fall handelt es sich um einen absoluten Einzelfall“, heißt es aus der Pressestelle des Landratsamts, in diesem Fall Sprachrohr für das Jugendamt. Erstens hätten seelisch behinderte Kinder und Jugendliche üblicherweise keinen Bedarf an Pflege.

Zweitens gehe das Kind in die Autismus-Außenklasse der Bodenwaldschule in Winnenden. „Für diese Klasse gibt es einen Vertrag zwischen dem Landkreis (Schulamt) und der Bodenwaldschule, der auch vom Kreistag abgesegnet ist und der den zusätzlichen Bedarf an Sozialpädagogen durch eine pauschale Finanzierung abdeckt. Schule und Landratsamt wählten diese Form der Leistungsgewährung, um eine schnelle und flexible Hilfeerbringung zu ermöglichen.“

Und drittens werden wegen dieses Vertrags in der Autismusklasse der Bodenwaldschule keine Schulbegleiter als Einzelfallhilfen gewährt.

Ingrid Schubert hat für Philipp gekämpft

Ein Kind wie Phillip ist „im System so nicht vorgesehen“, sagt Sonderpädagogin Ingrid Schubert, Autismusbeauftragte des Schulamts. Sie hat für Phillip gekämpft. Sie wolle „nicht anerkennen, dass so was nicht geht in unserer reichen Gesellschaft“, sagt sie. Immer wieder hakt sie nach, sucht am Ende selbst mittels einer Anzeige nach einer Begleitung. Denn zu allem Übel sind beim DRK keine Pflegekräfte zu bekommen.

Die Zeit lief und lief. Es musste Oktober werden, bis klar war: Jetzt wird alles gut. Eine Integrationshilfe sorgt nun jede Woche 15 Stunden lang dafür, dass Phillip seinen Schultag durchstehen kann. Das Jugendamt hat’s genehmigt. Jetzt. Endlich.


Autismus

  • Autismus oder Autismus-Spektrum-Störung ist eine seelische Behinderung, die Kinder und Jugendliche mit allen Begabungspotenzialen betreffen kann. Die Kinder können gleichzeitig eine geistige Behinderung haben, normal intelligent sein oder sogar einen IQ von über 130 oder spezielle Inselbegabungen haben.
  • Man unterscheidet „Frühkindlichen Autismus“, „Asperger-Syndrom“ und „Atypischen Autismus“. Autismus kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Das heißt, Betroffene können mit wenig Hilfe auskommen oder brauchen intensive Betreuung.
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