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Waiblingen Keine Brücke für Wildtiere über die B29

Symbolbild. Foto: ZVW/Habermann

Waiblingen. Eine Machbarkeitsstudie hat das Regierungspräsidium Stuttgart in Auftrag gegeben: Vielleicht wird den vielen Wildunfällen auf der B 29 demnächst Rechnung getragen und ein Wildschutzzaun rettet Mensch und Tier das Leben. Eine Grünbrücke, wie sie René Greiner von den Kreisjägern zum Schutz der Tiere fordert, ist jedoch weiterhin ein schöner Traum.

Am 1. Oktober gegen 21.30 Uhr fuhr ein Auto am Teiler B 14/B 29 in Fahrtrichtung Schorndorf in eine Wildschweinhorde. Drei der insgesamt vier Wildschweine wurden getötet. Der Autofahrer scheint mit dem Schrecken davongekommen zu sein: Er beging Fahrerflucht.

Am 21. September wurde ein Wildschwein in der Nähe der früheren Mülldeponie bei Winnenden getötet. Am 18. September starben sieben Wildschweine auf der B 14 bei Fellbach kurz hinter dem Kappelbergtunnel. Am 17. Juli wurde ein Wildschwein bei Schelmenholz angefahren. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli wurden auf der B 29 in der Nähe von Endersbach zwei Wildschweine von einem Lastwagen überrollt. Zwölf Wildschweine einer Rotte starben am 17. Juni auf der B 29 bei Remshalden. In der Nacht vom 12. auf den 13. Juni wurde ein Wildschwein auf der B 29 bei Remshalden frontal erfasst und getötet. Am 5. Juni wurde auf der B 29 bei Grunbach ein Wildschwein gleich von drei Autos überfahren.

Hier soll die Aufzählung enden. Sie umfasst lediglich die Wildschwein-Unfälle innerhalb von vier Monaten. Und einen Sachschaden, der vermutlich locker an die 100 000 Euro reicht. Dass die an den Unfällen beteiligten Menschen bislang meist mit einem Schrecken oder nur mit leichteren Blessuren davongekommen sind, grenzt an ein Wunder. Fährt ein Auto mit 100 Kilometern pro Stunde in ein Reh, das 20 Kilo wiegt, fliegt das Tier mit der Wucht von etwa zwei Tonnen durch die Scheibe, sagt René Greiner, Mitglied der Kreisjäger und tätig beim Landesjagdverband im Bereich Natur- und Artenschutz. Ein Wildschwein wiegt übrigens zwischen 50 und 90 Kilogramm.

 

Ein Zaun könnte schützen - Tiere und Autofahrer

Greiner reagiert auf die Überlegung, die B 29 mit einem Wildschutzzaun zu sichern. Die Hoffnung: Weniger Tiere würden auf die B 29 laufen. Das Landratsamt hatte im Juli erklärt, es prüfe den Vorschlag. Allerdings wurden schon damals Bedenken laut: Zum einen müsste dann tatsächlich die gesamte B 29 umzäunt werden. Zum anderen gäbe es immer noch den Zugang über die Auf- und Abfahrten.

Inzwischen ist der Fall B 29 beim Regierungspräsidium gelandet, denn für Bundesstraßen ist der Kreis eigentlich nicht zuständig.

Das Regierungspräsidium hat, so heißt es aus der Pressestelle, eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben: Wo ist ein Wildschutzzaun sinnvoll, vor allem in Hinblick auf die Gefahrenstellen am Teiler B 14/B 29 und der B-29-Abfahrt Schwäbisch Gmünd-West kurz hinter Lorch? Welche Rolle spielt der Wildschutzzaun, der schon bei Lorch steht? Was wird das Ganze kosten?

Machbarkeitsstudie: Wo ist ein Wildschutzzaun sinnvoll?

Ein Wildschutzzaun dient allein der Sicherung des Verkehrs. Tier- und Artenschutz spielt bei diesen Überlegungen keine Rolle. Abgesehen davon, dass bedacht wird, was etwaiges Abholzen von Gebüschen, die dem Zaun weichen müssen, in Flora und Fauna anrichten könnte.

Die B 29 kreuzt aber alte Wildwechsel. Seit Urzeiten laufen die Tiere diese Strecken. Dass dort jetzt viele Autos fahren, ist den Tieren nicht beizubiegen. Deshalb kommt es hier immer wieder zu den schweren Unfällen. Doch die Tiere laufen ja nicht nur da, wie die Auflistung der Unfälle zeigt: Wildschweine, Rehe – aber auch all die vielen kleinen Tiere wie Igel, Marder, Fuchs sind unterwegs und gegen den Verkehr nicht gewappnet. Nur vermeldet deren Tod niemand.

Im Jahr 2010 wurde der Generalwildwegeplan aufgestellt. Diese Planung des Landes versucht, baden-württembergweit das zu vernetzen, was an Lebensraum für die Tiere in unserer zersiedelten Landschaft noch übrig geblieben ist. Bedacht wurden dabei eben die genannten alten Wildwege, die die Jäger „Fernwechsel“ nennen. Aufgeführt ist auch der Fernwechsel, der die Tiere einmal zwischen Plüderhausen und Lorch, einmal kurz hinter Lorch bei der B-29-Auffahrt Schwäbisch Gmünd West über die Straße führt.

Brücken für die Wildwanderwege

Werden Fernwechsel von Straßen zerschnitten, sieht das Bundesprogramm Wiedervernetzung eine sogenannte „Grünbrücke“ oder „andere Querungshilfen“ vor. Denn es sei auch Aufgabe des Straßenbaus, „die nachteiligen Auswirklungen von Straßen so weit wie möglich zu vermeiden oder durch spezielle Maßnahmen auszugleichen“. Dass mit Brücken, über die die Tiere die gefährlichen Strecken queren können, Unfälle vermieden werden, ist von dieser Warte aus gesehen nur ein Nebeneffekt. Das eigentliche Ziel ist die Zusammenführung der Tiere hüben und drüben und etwa ihr genetischer Austausch. Und gemeint sind damit nicht nur die großen Säuger, sondern auch all die kleinen und kleinsten Tiere wie Amphibien oder Insekten.

Auf der Homepage des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur heißt es, bis „2020 sollen von den bestehenden Verkehrswegen in der Regel keine erheblichen Beeinträchtigungen des Biotopverbundsystems mehr ausgehen“. Die B 29 allerdings taucht in der dazugehörigen Liste der „prioritären Wiedervernetzungsabschnitte“ nicht auf.

René Greiner wundert das nicht. Es liegt mit an den räumlichen Gegebenheiten des Remstals: Im Anschluss an eine Grünbrücke muss es weitergehen. Die Tiere haben nichts davon, wenn sie zwar tatsächlich heil über die Straßen kommen, dann aber in Industriegebieten oder Vorgärten landen.

So aber sieht’s hier entlang der Bundesstraße aus. Und: Eine Grünbrücke kostet zwei bis drei Millionen – die Chance, sie zu bekommen, schätzt Greiner, geht gegen null.

Vom Bundesverkehrsministerium war zu einer Grünbrücke über die B 29 trotz mehrfacher Anfrage keine Stellungnahme zu bekommen.

 

Und der Luchs?

Der Generalwildwegeplan dreht sich nicht nur um Rehe und Wildschweine, sondern auch um alle anderen Tiere. Insekten, Amphibien, Hasen, Füchse, Marder, Dachse und so weiter. Und auch um besonders geschützte Tiere.

Hier wird’s interessant. Der Luchs zum Beispiel steht in Deutschland auf der Roten Liste. Er ist vom Aussterben bedroht. Beziehungsweise: Er war in Deutschland längst ausgerottet.

Inzwischen aber gibt es wieder einige wenige Tiere. Sie kamen, so René Greiner, aus der Schweiz und haben sich im Schwarzwald, der Alb und im Donautal angesiedelt.

Luchse leben in großen Wäldern, wo sie sich gut gedeckt an ihre Beute heranschleichen können. Meist meidet der Luchs weiträumige, offene Gebiete. Er ist nicht an besondere Waldtypen gebunden. Das Revier eines weiblichen Luchses ist im Schnitt 10 000 Hektar groß, die der Männchen sind stets größer.

Der Schwäbisch-Fränkische Wald, so René Greiner, könnte durchaus für einen Luchs interessant sein. Um dorthin zu kommen, müsste das Tier allerdings einige Straßen queren. Der Albtrauf, der Schurwald und das Remstal mit seiner B 29 lägen im Weg.

Würde auf der B 29 der erste Luchs überfahren, bekäme die Diskussion um eine Grünbrücke und einen durchgängigen Schutzzaun eine neue Dimension, ist sich Greiner sicher.

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