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Waiblingen Keiner soll ertrinken

In Seenot: Überfülltes Flüchtlings-Schlauchboot im Mittelmeer. Foto: sea-eye.org

Waiblingen. Matthias Wilke geht zur Seenotrettung: Drei Wochen lang im Oktober wird der Leiter der diakonischen Suchtberatungsstelle in Waiblingen auf dem Schiff „Sea-Eye“ ehrenamtlich helfen, Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu bewahren.

Beginnen wir mit einer verstörenden moralischen Frage: Ist es überhaupt richtig, Menschen zu retten, die sich in erbärmlich überfüllte Schlauchboote klemmen und auf den todesgefährlichen Weg durchs Mittelmeer wagen von Libyen aus gen Europa? Leistet, wer derlei tut, nicht, so gut er es auch meint, ungewollt dem Schleuserwesen Vorschub? Es gibt darauf eine komplizierte Antwort und eine einfache.

Die komplizierte: Skrupellose Banden haben „hochkriminelle Strukturen“ geschaffen und aus der Not von Menschen ein „Geschäftsmodell“ gemacht – sie packen ganze Menschentrauben auf lächerlich unterdimensionierte Luftkissen. Weil es aber „nicht gut fürs Geschäft“ ist, wenn zu viele Boote kentern, nicht gut fürs Geschäft, wenn kaum jemand je ankommt, muss die Schleppermafia die Boote zumindest mit einem zuverlässigen Motor, Rettungswesten, Trinkwasser ausstatten. Wenn nun jedoch draußen auf dem Meer, 90 Seemeilen vor der libyschen Küste, Schiffe von Nichtregierungsorganisationen kreuzen, folgern die Verbrecher: Na, dann können wir ja sogar am Allernötigsten sparen – Hauptsache, die Flüchtlinge schaffen es bis raus, den Rest erledigen kostenlos die dummen Gutmenschen. Ja, sagt Matthias Wilke, „je mehr Schiffe“ vor Libyen verkehren, „desto schlechter werden die Motoren“ der Boote; die Gewinnspannen der Banden wachsen.

Die einfache: Im Mittelmeer ertrinken seit Jahren Flüchtlinge, sie ertranken schon, als noch kein Rettungsschiff da draußen herumfuhr und niemand in Europa sich einen Kehricht darum scherte, sie ertranken, weil ihre Not so groß war, dass ihnen kein Risiko zu irrwitzig schien, sie ertranken in Massen, 3500 Menschen 2014, 3800 Menschen 2015, 5000 Menschen 2016, und sie immer weiter ertrinken zu lassen, „ist humanitär unerträglich“.

So gesehen gibt es gar keine Wahl zwischen einer komplizierten und einer einfachen Antwort, sondern nur zwischen einer zynischen und einer moralischen; alle dialektischen Spitzfindigkeiten gegen die Seenotrettung fallen in sich zusammen angesichts der einen schlichten, unabweisbaren Feststellung: „Man kann nicht darüber diskutieren, ob man Leute ertrinken lässt.“

 

Klingt richtig. Wilke hört Radio

Matthias Wilke fuhr auf der Autobahn, er hörte im Radio einen Talk mit einem Herrn namens Michael Buschheuer: ein kerniger Oberpfälzer, ruhig, bodenständig, gelernter „Maler und Anstreicher“, Gründer eines Unternehmens für Industriebautenschutz.

Weil Buschheuer „maritim veranlagt“ war, kaufte er einen alten Fischkutter aus der DDR-Fangflotte und wollte mit Freunden durchs Mittelmeer schippern. Bis ihm dämmerte, dass Leichen in den Gewässern treiben, die er zu seiner Freude bereisen wollte. Buschheuer nannte sein Schiff „Sea-Eye“, Auge der See, und beschloss: Wir schauen aus nach Menschen in Not, denn wenn wir nicht kommen, ertrinken sie.

Binnen nur zwei Jahren baute er für sein ehrenamtliches Tun hochprofessionelle Strukturen auf, er erarbeitete Stellenbeschreibungen und Funktionsmanuale, um Leute, die ihm unentgeltlich helfen wollten, schnell einlernen zu können. Seither kreuzt die Sea-Eye regelmäßig vor der riesigen Bucht, die sich von Libyen aus zum Mittelmeer hin öffnet. Das Schiff ist eine Perle in einer langen Kette: Mehrere Nichtregierungsorganisationen kümmern sich um verschiedene Abschnitte der Grenzlinie 90 Seemeilen vor Libyen.

Derzeit schaffen es nicht mehr so viele Schlauchboote hinaus aufs freie Meer. Die EU und Deutschland zahlen Millionen zur Ertüchtigung der libyschen Küstenwache; wobei man das Wort „Küstenwache“ wohl in Anführungszeichen setzen muss. Denn vieles spricht dafür, dass unter den Leuten, die jetzt den Europäern die Flüchtlinge aus Afrika vom Halse halten sollen, dubiose Gestalten sind. Ein mächtiger Verbrecherpate profitiere, so heißt es, von den Töpfen der EU, er habe zwar nicht völlig die Branche gewechselt, sein Geschäftsmodell aber dezent modifiziert: Der frühere Schlepper verdiene sein Geld nun als Küstenwächter.

 

Ruhe bewahren: Wie Seenotrettung funktioniert

Was geschieht, wenn die Sea-Eye ein Flüchtlingsboot entdeckt, 150 Menschen zusammengepfercht auf einer für 15 Passagiere ausgelegten Schlauchkonstruktion? Spielen wir den Fall durch. Die Retter, sagt Wilke, sind „für ein ganz kleines Fenster an Handlungsmöglichkeiten gerüstet“ und agieren dabei nicht anarchisch auf eigene Faust, sondern bleiben jederzeit eingebunden in international festgelegte Abläufe.

Zunächst setzt die Sea-Eye einen Funkspruch ab an das MRCC, das „Maritime Rescue Coordination Centre“, das Seerettungs-Koordinationszentrum in Rom; es ist zuständig für das Mittelmeer.

Die Menschen auf dem Schlauchboot sind schon ganz apathisch vor Erschöpfung, einige scheinen dem Verdursten nahe, am Boden des Gefährts hat sich ein hochinfektiöses Gemisch aus hineingeschwapptem Salzwasser, Motorenbenzin und Blut gebildet. Die Sea-Eye erhält aus Rom die Freigabe zur Rettung.

Das Schiff wahrt 200 Meter Distanz zum Schlauchboot und fährt gar rückwärts, wenn die Flüchtlinge versuchen, sich zu nähern. Denn gewännen die Notleidenden den Eindruck, sie dürften an Bord kommen, liefe die Situation womöglich katastrophal aus dem Ruder: Was, wenn die Starken an den Schwachen vorbeidrängen, Panik ausbricht, Menschen übereinanderstolpern, von den rutschigen Luftpolstern aus ins Wasser stürzen und das ganze fragile Gefährt – aus dem Gleichgewicht gebracht, weil zu viele nach vorne streben – kentert? Die Folgen wären völlig unkontrollierbar.

Die Sea-Eye lässt ein kleines Beiboot zu Wasser. Drei Mann fahren Rettungswesten und Sixpacks mit Trinkwasser zu den Flüchtlingen und versuchen, „ruhig und deeskalierend“ auf sie einzuwirken. Bestandsaufnahme: Dort hinten krümmt sich eine Hochschwangere. Das Voraus-Team macht den Flüchtlingen schonend klar, dass nur Menschen in akutester Not ausnahmsweise hinüber auf die Sea-Eye gebracht werden können, für mehr ist das 26 Meter lange Schiff nicht ausgelegt, schon die acht Mann Besatzung hausen ziemlich beengt.

Die Schicksalsgemeinschaft auf dem Schlauchboot bildet, den Instruktionen der Retter folgend, „ein menschliches Fließband“ und reicht die Schwangere auf Händen nach vorne durch.

Das MRCC in Rom prüft derweil anhand der einlaufenden Funkdaten, welches größere Schiff in der Nähe unterwegs ist, und lotst es an den Bergungsort, um die Boat-People aufzunehmen und nach Italien zu bringen. Die Sea-Eye-Leute kippen – auch das gehört zu den Regeln – Benzin ins leere Schlauchboot und zünden es an.

 

Warum macht der das?

Herr Wilke, warum tun Sie das? „Wir wollen nicht, dass da Leute ertrinken.“ Sicher, nachvollziehbar. Aber noch mal: Herr Wilke, warum Sie? Er antwortet entwaffnend offen: „Momentan habe ich nicht so viel Geld übrig, wie nötig wäre“, damit eine Spende wirklich etwas bewirkt. „Wenn ich gerade 2000 Euro rumliegen hätte“ – warum nicht? So aber setzt er eben seinen Jahresurlaub ein und packt drei Tage Sonderurlaub drauf. „Ich bin Segler, ich hab’ ein paar Scheine und ein bisschen nautische Erfahrung“, in den vergangenen Wochen hat er Manuale gepaukt, Schiffsführung, Schiffstechnik, Navigation, Verhaltensregeln, hat Tabletten gekauft, die verhindern sollen, dass er spucken muss bei hohem Seegang – also los.

Zuvor hat er sich noch einmal selbst befragt: Wilke, was treibt dich? „Abenteuerlust? Eitelkeit? Will ich den Helden spielen?“ Er stellte fest: „Persönlich Lust hab ich nicht“, im Gegenteil, er sorgt sich. Was, wenn es Leichen zu bergen gilt? Was, wenn Menschen vor seinen Augen sterben? „Nein, mir geht’s nicht um einen Abenteuer-Urlaub.“ Ihn hat einfach der Ansatz Michael Buschheuers „hundertprozentig“ überzeugt – es geht hier nicht um die Verwirklichung irgendwelcher politischer Ideologien, es geht um etwas ganz Schlichtes, Handfestes: „Vor unseren Augen wird im großen Stil gestorben – das geht nicht.“

 

Zur Person: 

„Im Vergleich zu ihm ist ein Paradiesvogel ein gemeiner Spatz“, schrieben wir im Frühjahr 2016, als Matthias Wilke seinen Job als neuer Leiter der diakonischen Sucht-Beratungs- und Behandlungsstelle in Waiblingen antrat. Wilke, Jahrgang ‘54, war Gymnasiallehrer und Geschäftsführer einer Privatschule, Manager bei Opel (bis er feststellte, dass es „mir persönlich so was von egal war, ob die ein Auto mehr oder weniger verkaufen“) und der Deutschen Post, jobbte als Taxifahrer und Bauarbeiter, schrieb ein Sachbuch („Geiz ist dumm“) und zwei Krimis und erwarb zwischendurch den Doktor-Titel (Dissertation über „Ethische Werte aus dem Sport im Spiegel der Gesellschaft“).

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