Waiblingen Kinderärzte: Wie groß ist der Notstand wirklich?

Seit drei Monaten arbeiten Günel Hasanova und Dr. Waldemar Ertelt in Fellbach zusammen. Doch insgesamt reichen die Kapazitäten der Kinderarzt-Praxen nicht aus, um alle Patienten aufzunehmen. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen.
Schon während der Schwangerschaft bei Kinderärzten anrufen, um die ersten Termine für ein Baby auszumachen, das noch gar nicht geboren ist? Das mag für manche übertrieben klingen. Viele frischgebackene Eltern dürften sich aber ärgern, dass sie es nicht getan haben – auch in Waiblingen und Umgebung. „Es ist wirklich, wirklich sehr schwierig, einen Kinderarzt zu bekommen“, sagt Monika Niederkrome. Im Familienzentrum Karo hört die Sozialarbeiterin wöchentlich die Klagen von jungen Müttern und Vätern aus Waiblingen. Viele suchten „händeringend“, so Niederkrome, die den Schwangeren- und Elterntreff „Caféchen“ leitet. Eine Mutter fahre sogar jedes Mal die 30 Kilometer bis nach Welzheim, weil sie vor Ort mit ihrem Kind nicht untergekommen sei.

Dabei gibt es offiziell keinen Kinderarzt-Notstand. Der Rems-Murr-Kreis gilt weder als unterversorgt, noch droht eine Unterversorgung. So steht es in einem aktuellen Bericht der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Im Gegenteil, hier dürfen sich aktuell keine neuen Kinderärzte mit einer Praxis niederlassen. Sie könnten nämlich anderswo gebraucht werden, in laut Statistik schlechter versorgten Gegenden, etwa dem Ostalbkreis oder Ludwigsburg.

Kinder werden abgewiesen

35 Kinder- und Jugendärzte gibt es laut einem weiteren KVBW-Bericht im Kreis, davon sieben in Waiblingen, die sich auf drei Praxen verteilen (Fellbach hat demnach sechs Kinderärzte, Weinstadt: 2, Kernen: 1, Korb, Remshalden und Schwaikheim haben gar keinen). Doch bei den Waiblinger Praxen einen Termin zu kriegen ist trotzdem schwierig. „Wir schätzen, dass wir in etwa zwei Kinder pro Tag ablehnen“, sagt Dr. Annette Weimann. Und ihre Kollegin Dr. Sybille Walker berichtet aus ihrer Praxis: „Wir müssen derzeit schweren Herzens circa zwei Familien in der Woche in der Praxis abweisen, weil wir die Versorgung nicht leisten können.“ Neue Patienten nähmen sie gar nicht mehr auf – das sei in der Stadt bekannt, deshalb fragten viele Eltern wohl gar nicht erst nach, glaubt sie.

Das heißt allerdings nicht, dass man in Waiblingen gar keine Chance hat. „Schwer kranke oder chronisch kranke Kinder oder Säuglinge von sozial schwächeren Eltern, die kein Auto haben, um einen weiter weg wohnenden Arzt aufzusuchen, nehmen wir dennoch auf“, so Walker. Und Notfälle werden natürlich nicht abgewiesen, erläutert Annette Weimann. „Wir haben eine Versorgungspflicht“. Schlecht schaut es aber bei Routineangelegenheiten wie Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen aus.

Kein genereller Aufnahmestopp

Weimann ist wichtig, zu betonen, dass die Kinderärzte keinen generellen Aufnahmestopp verhängt hätten. „Jede Praxis nimmt jedes Quartal neue Kinder auf“, sagt sie. Denn es gibt ja immer auch ältere Jugendliche, die etwa zum Hausarzt wechseln. Oder Kinder, die mit ihren Eltern wegziehen. So werden neue Plätze frei. Doch die Kapazitäten sind dennoch begrenzt. Sie könne Vorsorgeuntersuchungen nun mal nicht in zehn Minuten erledigen, gibt Weimann zu bedenken. Und sie könne auch nicht bis spätabends Sprechzeiten anbieten. „Wir haben sowieso schon eine 60-Stunden-Woche“, so Weimann zur Arbeitsbelastung niedergelassener Mediziner.

Die hohe Stundenzahl wie auch das Herumschlagen mit dem Papierkram sehen wohl viele Praxisinhaber als Problem. Sie haben Mitarbeiter, müssen Abrechnungen an Krankenkassen schicken, Abläufe managen – das kostet viel Zeit. Zeit, die dann für die kleinen Patienten fehlt. Oder für die eigene Familie. Junge Ärzte suchen deshalb immer öfter nach einer Anstellung, statt selbst eine Praxis eröffnen zu wollen. Work-Life-Balance ist auch für Mediziner wichtig.

Könnte da ein Beispiel aus Fellbach Schule machen? In der Nachbarstadt hat in dieser Woche offiziell ein medizinisches Start-up die Praxis eines Kinderarztes übernommen, der schon längst das Ruhestandalter erreicht hat. Dr. Waldemar Ertelt ist 72, er hatte schon länger nach einem Nachfolger gesucht. Es wollte aber keiner machen – bis auf die Paedoc AG aus Lenningen. Sie bietet Servicedienstleistungen für Kinderarztpraxen an, erledigt für sie etwa die Buchhaltung oder den Einkauf. Nun haben die Paedoc-Macher erstmals eine ganze Praxis übernommen.

Junge Ärztin aus Aserbaidschan als Teilzeitangestellte

Dafür haben Vorstand Ulrich Kuhn und Aufsichtsratvorsitzender Dr. Thomas Kauth, beide selbst Kinderärzte, extra eine GmbH gegründet. Mit dieser können sie als Vertragsärzte Ertelts Praxis fortführen – und mit Günel Hasanova eine junge Kollegin anstellen, die sich ausschließlich um die Kinder kümmert. Und das in Teilzeit, was für die 31-Jährige, die nach dem Medizinstudium aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen ist und an verschiedenen Kliniken gearbeitet hat, persönlich wichtig ist: Schließlich hat sie selbst eine Tochter.

Die Paedoc-Ärzte Kuhn und Kauth halten sich als Manager im Hintergrund, dafür soll für die Patientenbetreuung noch ein weiterer Kinderarzt als Angestellter dazukommen. Bis er oder sie gefunden ist, bleibt Waldemar Ertelt übergangsweise für etwa zehn Stunden pro Woche in seiner Praxis aktiv, die jetzt aber nicht mehr seine Praxis ist. Er sei „sehr dankbar“, dass diese Lösung gefunden wurde, sagt Ertelt. Das Interesse an dem Fellbacher Modell ist groß. Zur offiziellen Eröffnung am Montag waren Journalisten da, auch ein Kamerateam. Oberbürgermeisterin Gabriele Zull erklärte, sie sei „sehr froh, dass es hier weiter eine Kinderarztpraxis geben wird“. Und fügte hinzu: „Ein bisschen Mut braucht’s.“

MVZ: "Kein Silberstreif am Horizont"

Auch der Waiblinger Oberbürgermeister hat von dem neuen Modell schon gehört. Kollegin Zull habe es „beim jüngsten OB-Sprengel vorgestellt“, so Andreas Hesky, der „regelmäßig“ auf die Kinderarztsituation in der Stadt angesprochen wird – „’gefühlt’ zwischen ein- und fünfmal pro Jahr“, wie er berichtet. Er merkt aber an, dass bei einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ), das im Fellbacher Fall entstanden ist, ein Arztsitz notwendig ist, der durch die bisherige Praxis schon zur Verfügung stand. „Das MVZ ist also kein Silberstreif am Horizont, um die Arztdichte zu erhöhen.“ Es würden nicht mehr Kinderarztsitze im Kreis geschaffen, sondern nur eine neue Rechtsform.

Allerdings: Die Praxis Ertelt wäre ohne MVZ möglicherweise dauerhaft geschlossen worden. Außerdem arbeiten hier künftig zwei Kinderärzte, die sich zudem nicht um die Bürokratie kümmern müssen, sondern nur für ihre Patienten da sind. Die Waiblinger Ärztin Annette Weimann hofft daher sehr, dass es in Fellbach gut läuft. „Das ist eine tolle Sache“, findet sie.

Die Frage, ob sie selbst ihre Praxis an Paedoc abgeben würde, beantwortet Weimann mit einem Lachen. „Ich liebe meine Praxis“, sagt sie. Zudem laufe es gut, auch könne sie mit Anfang 50 die Praxis noch lange führen. Für sie sei das daher kein Thema. Es gehe aber um die alten Kollegen, die keine Nachfolger finden - und um die Jungen, die den Einstieg hinbekommen wollen. Damit auch sie feststellen können, was für Weimann trotz der vielen Stunden, die sie nach den Sprechzeiten mit Verwaltungsarbeiten beschäftigt ist, ganz klar ist: „Wir haben den schönsten Beruf der Welt.“

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