Waiblingen „Krokus“ und die Spätzle-Spur

NSU-Ausschuss-Mitglied Hartfrid Wolff (FDP) im Gespräch über jüngste Enthüllungen in der NSU-Affäre. Foto: Pavlovic

Waiblingen. Verfassungsschützer und Polizei haben die Netzwerke zwischen Neonazis in Baden-Württemberg und Thüringen über viele Jahre hinweg nicht scharf genug in den Blick genommen, glaubt der FDP-Bundestagsabgeordnete Hartfrid Wolff, Mitglied im Bundestagsausschuss zu den NSU-Morden. Jüngster Gruselfall: die „Krokus“-Geschichte.

Klingt nach einer irren Räuberpistole: Die Frau mit dem Decknamen Krokus soll vor sechs, sieben Jahren durch Zufall Zugang zur braunen Szene rund um Schwäbisch Hall erhalten und sich an die Polizei gewandt haben. Die habe den Kontakt zum Verfassungsschutz hergestellt. Krokus wurde V-Frau und galt bei den Schlapphüten angeblich bald als exzellente Informantin, sie sei, so munkelt es, sehr gezielt angesetzt worden auf hochrangige, gut vernetzte Neonazi-Größen im Haller Raum.

Alle zwei Wochen ging Krokus zu einer Friseurin namens Nelly R. – einer Rechtsextremistin. Und eines Tages, beim Föhnen, Haarefärben oder Pony-Schnippeln, soll Nelly R. ihrer Kundin Unerhörtes erzählt haben . . . Am 25. April 2007 wurde in Heilbronn die Polizistin Michele Kiesewetter durch einen Kopfschuss ermordet. Ihr Kollege überlebte schwerstverletzt und lag im Klinikum Luwigsburg. Die rechte Szene aber, so plauderte im Mai 2007 angeblich die Friseurin gegenüber Krokus aus, versuche nun, über eine Krankenschwester herauszufinden, wann der Polizist genesen und wie es dann um sein Erinnerungsvermögen bestellt sein werde. Je nach Ergebnis der Recherche werde man überlegen, „ob etwas zu tun sei“.

Wenn das stimmt, wäre es ein doppelter Hammer. Das hieße erstens, dass baden-württembergische Behörden bereits kurz nach dem Kiesewetter-Mord eine konkrete Spur hatten, die in den braunen Sumpf führte; eine Spur, der vier Jahre lang niemand nachging. Und es hieße zweitens, dass das NSU-Terrortrio Unterstützer in Baden-Württemberg hatte, Eingeweihte, Mitwisser – Leute, die womöglich, um die Tat zu vertuschen, gar bereit gewesen wären, „etwas zu tun“; sprich: den überlebenden Polizisten zum Schweigen zu bringen.

Problem: Es ist „ganz schwer“ einzuschätzen, wie glaubwürdig Krokus ist, sagt Hartfrid Wolff. Einerseits galt die Quelle dem Verfassungssschutz früher offenbar als „hochwichtig“. Andererseits werde sie „jetzt abgetan als unsichere Kantonistin“.

Deshalb ist es für den Untersuchungsausschuss „existenziell“, die Expertise des Mannes zu hören, der beim baden-württembergischen Verfassungsschutz als V-Frau-Führer engen persönlichen Kontakt zu Krokus hielt. Er ist auf den 24. Juni als Zeuge in den Ausschuss geladen.

Jenseits dieses aberwitzig klingenden Falls wird für Wolff immer deutlicher: Die Vernetzungen zwischen schwäbischen und thüringischen Neonazis waren dicht (wir berichteten mehrmals) – aber die baden-württembergischen Stellen schauten offenbar über viele Jahre nicht genau genug hin. Helmut Rannacher, der von 1995 bis 2005 Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz war, sagte im NSU-Ausschuss sinngemäß: Man habe zwar „von Rechten in Backnang, Waiblingen und Schorndorf gewusst“, offenbar lief die polizeiliche Aufklärung im Rems-Murr-Kreis also vergleichsweise gut – aber was in Ludwigsburg und Stuttgart vor sich ging, im Hohenlohischen oder im Heilbronner Raum, blieb dunkel. Heute zeichnet sich ab: In all diesen Gegenden lebten oder leben Neonazis, die das Trio oder zumindest Leute aus dessen engstem Dunstkreis persönlich kannten.

Die rechte Gefahr „haben viele nicht ernstgenommen“, glaubt Wolff. Die Szene-Umtriebe seien oft abgetan worden als Hassfolklore für Suffglatzen, als Treffen „dumpfer Typen“. Dass es da Leute gibt, die „grausig intelligent netzwerken – man hat’s nicht glauben wollen“.

Verbindungen bis nach Ungarn

Dabei spannten sich die Verbindungsfäden nicht nur zwischen Sachsen, Thüringen und Baden-Württemberg, sie führten selbst über nationale Grenzen hinweg, nach England, Frankreich, Belgien. Auffällig viele Szenegrößen haben sich längere Zeit in der Schweiz aufgehalten – das gilt unter anderem auch für Malte R., einen von Ludwigshafen aus operierenden regelrechten Handlungsreisenden für Neonazi-Klamotten und -Tonträger, der im Jahr 2009 in Plüderhausen mit verbotenen Hass-CDs erwischt wurde. In Tschechien und Ungarn gab es „Kampfausbildungslager für Rechtsextremisten“, sagt Wolff. Die Organisation „Blood & Honour“ spielt bei all dem wohl eine Schlüsselrolle. Zwar wurde sie im Jahr 2000 verboten; aber die Connections zwischen den handelnden Personen waren dadurch mitnichten gekappt.

Fatal für den Ausschuss: Er wird die Schattenzone Baden-Württemberg wohl nicht mehr vernünftig ausleuchten können. Im September ist Bundestagswahl, vorher muss der Abschlussbericht vorliegen, es gilt, „Fristen einzuhalten“. Wolff beklagt, dass die baden-württembergischen Stellen den Ausschuss nur schleppend mit Akten versorgt hätten: Im April angeforderte Unterlagen seien erst Ende Mai geliefert worden. „Warum so spät? Das versteh ich nicht. Oder ich will’s nicht verstehen müssen. Weil ich das mögliche Motiv, das dahinterstehen könnte, gar nicht aussprechen mag.“ Andere Bundesländer, zum Beispiel Bayern, seien „deutlich mehr an Aufklärung und Zusammenarbeit interessiert“ gewesen.

Wolffs Wunsch: Der Untersuchungsausschuss sollte „in der nächsten Legislaturperiode weitermachen“.

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