Waiblingen/Stuttgart. Das Gericht ist sich sicher: Es war Mord. Es bestehe kein Zweifel daran, dass Mohammed L. in der Nacht zum 29. Dezember 2011 in Waiblingen seine Ehefrau heimtückisch ermordet habe und einen Suizid vortäuschte. Nun wurde der 53-Jährige zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Die Vorsitzende Richterin Regina Rieker-Müller nimmt sich gut 90 Minuten Zeit für die Urteilsbegründung und erklärt im Beisein von rund 50 Zuschauern am Stuttgarter Landgericht sehr ausführlich die Gründe für das Urteil. Die Verteidigung hatte zuvor einen Freispruch gefordert, während der Staatsanwalt wegen heimtückischen Mordes aus niedrigen Beweggründen eine lebenslange Haftstrafe forderte.

Für das Gericht steht fest, dass Mohammed L. am 29. Dezember zwischen 0.14 und 0.40 Uhr seine 47-jährige Ehefrau nach 24 Jahren Ehe heimtückisch ermordet hatte. Die Kammer entschied jedoch nicht auf eine besondere Schwere der Schuld, die eine frühzeitige Haftentlassung erschwert hätte Richterin Regina Rieker-Müller fasst das „Motivbündel“ zusammen: „Der Angeklagte konnte es nicht ertragen, seine Ehefrau an einen anderen zu verlieren. Es war ein Motivbündel aus Enttäuschung, Eitelkeit und Eifersucht.“

Mord aus Enttäuschung und Eitelkeit

Das 47-jährige Opfer hatte am ersten Weihnachtsfeiertag im engen Kreis der Familie verkündet, die Scheidung einzureichen und ihren neuen Partner zu heiraten. Über die Schwester des Opfers erfuhr der 53-Jährige von den Zukunftsplänen und schmiedete wohl daraufhin seinen perfiden Mordplan. Das Ehepaar lebte zu diesem Zeitpunkt bereits seit März 2010 in getrennten Wohnungen, da der 53-Jährige ständig Affären zu anderen Frauen unterhielt. Neben einer kontinuierlichen Affäre ab 2008 pflegte der 53-Jährige noch ein sexuelles Verhältnis zu einer Arbeitskollegin und zu der Ehefrau seines besten Freundes. Der psychologische Gutachter Peter Winckler attestierte dem 53-Jährigen einen ausgeprägten Narzissmus, sein Selbstbewusstsein hänge von der Eroberung fremder Frauen ab, dennoch liege weder eine psychische Erkrankung noch eine Persönlichkeitsstörung vor.

Trotz der getrennten Wohnungen machte sich die 47-Jährige zunächst Hoffnungen auf einen erneuten Versuch, machte ihrem Mann weiterhin die Wäsche, ging mit ihm regelmäßig joggen, bis sie sich in einen alten Schulkameraden verliebte. Weder die Blumen noch die Kontrollanrufe des 53-Jährigen konnten die 47-Jährige umstimmen –letztlich wollte der 53-Jährige auch nicht auf seine Affären verzichten. Als er von den Heiratsplänen hörte, fuhr er zur Wohnung, verschaffte sich mit einem nachgemachten Schlüssel Zutritt zur Wohnung und würgte die schlafende 47-Jährige, um die Wehrlose zu töten. Kampfspuren habe es nicht gegeben. Augrund der „weichen Unterlage“ scheiterte der erste Mordversuch, so Rieker-Müller. Dann soll Mohammed L. die bewusstlose Frau auf den Dachboden hochgetragen, ihr ein sieben Millimeter starkes und 4,5 Meter langes Seil um den Hals gelegt und sie „mindestens zweimal“ versucht haben zu erhängen. Hierfür habe er sie auf einen Hocker gesetzt, allerdings sei der Versuch, das Seil am Dachbalken zu fixieren, gescheitert, die Frau wurde mit dem Gesicht zum Boden von ihrer Tochter am nächsten Morgen tot aufgefunden.

Erdrückende Indizien

Mohammed L. hatte die Tat bis zuletzt bestritten und auf einen Freispruch gehofft – oder wenigstens auf einen Totschlag oder eine Tat im Affekt gehofft. Doch die Indizien und auch die Gutachten sprachen gegen ihn. Eine wichtige Säule der Urteilsbegründung sind die gefundenen Spuren am Tatort. Hierbei handelt es sich um seltene Polyesterfasern, vermutlich von Handschuhen. Diese Fasern wurden an der Leiche und in der Wohnung, aber auch in der Wohnung des Angeklagten gefunden. „In zwei von acht Jacken des Angeklagten konnte dieser Fasertyp nachgewiesen werden“, so Rieker-Müller.

Ferner spricht die Funkzellen-Auswertung eine deutliche Sprache. Die Daten belegen, dass Mohammed L. in der Tatnacht in der Nähe der Wohnung war. Zunächst hatte er angegeben, zur Tatzeit mit seiner Freundin eine TV-Serie geschaut zu haben, dann gab er an, bei einem Freund Marihuana besorgt zu habe. Dieser Freund und dessen Frau bestritten dies „ohne Belastungseifer“ – das Alibi war somit dahin. Alle Alibi-Versuche seien „widerlegt und nachweislich falsch“, so Rieker-Müller. Ein weiterer Punkt ist, dass der 53-Jährige angab, sich von seiner toten Frau auf dem Dachboden verabschiedet zu haben. Sämtliche Zeugen gaben aber an, dass er nicht auf dem Dachboden war. Mohammed L. gab sein „Täterwissen“ preis, indem er die Lage der Toten auf dem Boden des Speichers genau beschrieb. Zudem sei die Tat nicht im Affekt geschehen, das Tatgeschehen sei zu komplex, die Vortäuschung des Suizids habe „kognitive Fähigkeiten auf der Handlungsebene“ erfordert.