Waiblingen Love Scamming: Verliebt, bequatscht, betrogen

Wer’s glaubt ... Foto: Habermann/ZVW

Waiblingen. Fast 80 und auf Facebook einen Mann geangelt: Emma sieht’s als Zeitvertreib. „Der schreibt so nett.“ Die Dame aus Remshalden weiß genau, sie hat es mit einem Betrüger zu tun. „Deshalb überweis’ ich dem ja nix. Niemals.“ Den Mailaustausch pflegt sie trotzdem. Solche Kontakte haben schon einige Opfer aus dem Rems-Murr-Kreis sehr viel Geld gekostet.

Mehr als 12 000 Euro ließ eine 61-jährige Frau aus dem Raum Murrhardt einem Unbekannten zukommen, den sie im Internet kennengelernt und der ihr die große Liebe vorgegaukelt hatte (wir haben berichtet). Eine weitere Geldübergabe war geplant, diesmal ganz real am Bahnhof Stuttgart. Dort nahm die Polizei einen 34-jährigen Ghanaer fest, der kurze Zeit später in ein Gefängnis eingewiesen wurde.

Dass Betrügerbanden dieser Art geschnappt werden, ist nicht der Regelfall. Ohnehin dürften ungezählte Betrugsfälle erst gar nicht ans Licht kommen. Wie peinlich ist das denn – auf einen imaginären Liebsten hereinfallen, der via Internet rosarote Wolken vom Himmel lügt.

Aus welchen Gründen Frauen, aber auch Männer Liebesschwüren erliegen von Leuten, die sie niemals persönlich kennengelernt haben – wer darf schon behaupten, das zu wissen? Einsamkeit, Sehnsucht, Leichtgläubigkeit – vielleicht eine Mischung aus allem und mehr. Menschen glauben, was sie glauben wollen, das ist ein weit verbreitetes Phänomen – nicht nur in der Liebe. Betroffene können regelrecht in eine emotionale Abhängigkeit geraten, sofern jemand sie zuverlässig mit Liebesbotschaften und Aufmerksamkeit versorgt. In vielen Fällen wollen die Opfer selbst dann noch nicht glauben, dass es sich um nichts als einen perfiden Schwindel handelt, wenn ihr Umfeld schon längst verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

Sehr attraktiv, der General, regelrecht umwerfend

Emma (Name geändert) aus Remshalden schickt an die Redaktion dieser Zeitung ein Foto des Generals aus Irgendwo, mit dem sie hin und wieder korrespondiert und der sie mit „meine liebe Schöne“ begrüßt. Sehr attraktiv, der General. Umwerfend. Wer hat wohl das Foto wo geklaut?

Auf Facebook tauschen Betroffene in der Gruppe „SOS Selbsthilfe Liebesbetrug“ diese Fotos aus. Es tauchen immer wieder dieselben Bilder auf. „Sehr bekanntes Gesicht“, warnt eine Nutzerin, und eine andere schreibt: „Es ist komisch, dass alle entweder geschieden oder verwitwet sind - voll die Masche.“

Die Story: Perfekt auf das Opfer zugeschnitten

Stimmt, das gehört zur Masche. Professionelle Scammer – so der Fachausdruck – informieren sich gezielt auf diversen Kanälen im Internet über ihr Opfer. Auf diese Weise lässt sich eine Story stricken, die wunderbar zur Lebensgeschichte der Frau vorm PC passt. Es folgen Aufmerksamkeiten, Nettigkeiten, bald schon Liebesschwüre, schließlich lange Schreiben zu Zukunfts- und Heiratsplänen. Ganz plötzlich geschieht ein Unfall, es wird jemand krank, eine teure Maschine steckt im Zoll fest, ein Soldat im Auslandseinsatz kommt partout an sein privates Geld nicht heran oder das Geld fürs Flugticket fehlt: Könntest du mir eventuell aushelfen?

Eine Frau aus dem Rems-Murr-Kreis hat vor einiger Zeit 330 000 Euro ins Ausland überwiesen im festen Glauben, bald mit der ihr nicht persönlich bekannten Liebe ihres Lebens ganz neu durchzustarten. Die Kripo konnte zumindest 55 000 Euro für die Betrogene zurückholen.

95 Prozent der Scammer schreiben auf Englisch

Die Polizei warnt ausdrücklich vor englischsprachigen Kontakten auf Partnersuch-Seiten im Internet. Laut Insidern sei davon auszugehen, dass rund 95 Prozent der Englisch sprechenden Kontakte auf deutschen Dating-Seiten Betrüger seien, warnt der Beratungsdienst der Polizei. „Allerdings gibt es auch viele, die perfekt Deutsch sprechen.“

Weitere Merkmale, die laut Polizei alle Warnlampen aufleuchten lassen sollten, sind diese: Die im Internet eingestellten Bilder sind unscharf und nur in sehr kleiner Auflösung zu sehen. Schon schnell nach dem Erstkontakt folgen überbordende Liebesschwüre und -bekundungen. Wer einer Bitte nach Geld nicht nachkommt, soll stattdessen vielleicht einen gefälschten Scheck in Deutschland einlösen. Oder das Opfer soll Briefe oder Päckchen an Dritte verschicken. Unter dem Vorwand, ein gemeinsames Konto eröffnen zu wollen, verlangen Kriminelle Kopien von Ausweisen, aus welchen sich leicht Fälschungen herstellen lassen.

Diese Tipps nennt die Polizei für Betrugsopfer, welche die Gaunerei erkannt haben:

  • Sofort jeglichen Kontakt abbrechen. Keine Mails, keine Anrufe des Scammers mehr entgegennehmen. Am besten ist es, sich eine neue Mailadresse und Telefonnummer zuzulegen. Gefahr besteht auch für Freunde im sozialen Netzwerk und für alle Kontakte im eigenen Mailadressbuch. Denn die Täter schicken mit ihren Mails meistens auch einen Computervirus mit. Dieser scannt die Daten im Mailadressbuch und erlaubt auch sonst eine Kontrolle über den Rechner ihrer Opfer.
  • Auf keinen Fall Geld überweisen, Schecks einlösen oder Briefe und Päckchen weiterleiten – und auch nicht aufbewahren. Geleistete Zahlungen, wenn noch möglich, sofort rückgängig machen.
  • Speichern Sie alle Mails und Chat-Texte als Beweis auf einem Datenträger. Bewahren Sie Überweisungsbelege und so weiter auf. Wenn Sie es nicht selbst können, dann lassen Sie sich von computererfahrenen Bekannten und Freunden den sogenannten E-Mail-Header auslesen. Daran erkennen Sie, woher die Mail geschickt wurde. Selbsthilfeseiten im Internet erklären Ihnen ebenfalls, wie Sie sich vor größerem Schaden schützen können.
  • Nach dem Sichern löschen Sie alle Beweisdaten von Ihrer Festplatte. Vergessen Sie nicht, auch den E-Mail-Account zu löschen.
  • Gehen Sie zur Polizei. Die Strafverfolgung solcher Täter ist zwar enorm schwierig, weil sie aus dem Ausland agieren. Dennoch sollten Sie den Vorfall auf jeden Fall melden.

Lügengeschichten

Die Partnersuch-Plattform Parship warnt vor täuschend echten, um eine Liebesgeschichte gestrickten Geschichten, die Vertrauen wecken sollen. Laut Parship werden oft Dritte ins Spiel gebracht. Beispielsweise ruft eine Frau an, die sich als Tochter ausgibt und sich dafür bedankt, dass der Vater nun so glücklich verliebt sei.

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