Waiblingen Mafia: Die Rems-Murr-Variante

Ein bestens vernetzter Pizzabäcker, der in Winnenden gastronomisch engagiert ist, wurde in Italien im Zuge einer Großrazzia verhaftet. Foto: (CC0 Public Domain)

Waiblingen. Die Mafia. In Filmen schmaucht ein dicker Pate teure Zigarren, während der Finger seines Helfershelfers am Abzug zuckt. Die Rems-Murr-Mafia-Variante spielt zwischen Fischen und Pizzen und handelt von einem Wirt, den jeder kennt und den jetzt keiner mehr kennen will.

Zwei mutmaßliche Mafiosi sind am Dienstag in Fellbach und Waiblingen festgenommen worden. Noch viel mehr Aufmerksamkeit zieht eine ganz bestimmte Festnahme in Italien auf sich: Ein Wirt, bekannt in Stadt und Land, gastronomisch engagiert in Winnenden, vor vielen Jahren aus Mangel an Beweisen freigesprochen, eng verbandelt mit Polit-Prominenz – sitzt.

Das muss noch gar nichts heißen. Solange jemand lediglich verhaftet, aber nicht verurteilt ist, darf ihm keiner das böse Wort „Mafiosi“ an die Stirn kleben. Dennoch fragt sich der eine oder andere verwunderte Bürger, weshalb ein Gastronom, der mutmaßlich Verbindungen zur Mafia hat, in einer kreisnahen Einrichtung in einem Restaurant tätig sein kann.

Freispruch vor vielen Jahren

Die Erklärung ist so einfach wie naheliegend. Der Betreffende backt zwar die Pizza, ist aber nicht selbst der Pächter. Und warum sollte man diese Pizzeria nicht besuchen, sagt einer, der schon oft dort war: Der Pizzabäcker sei damals freigesprochen worden. Es käme ja einer unnötigen Beschränkung der eigenen Freiheit gleich, die Pizzeria eines Freigesprochenen zu meiden.

Italienische Behörden veröffentlichten Namen und Daten

Zwischen Fellbach und Waiblingen leben geschätzt 2000 Menschen, die ihre Wurzeln in Kalabrien haben. Diese Zahl nennt einer, der zu dieser Gruppe gehört. In Kalabrien, ganz im Süden Italiens gelegen, haben sie eine eigene Mafia namens ‘Ndrangheta. Genau dieser kriminellen Vereinigung galt die Großrazzia in Deutschland und Italien am Dienstag.

Nicht nur alle Kalabresen dürften am Dienstag gebannt aufs Handy gestarrt haben. Italienische Behörden veröffentlichten bereits kurz nach der Razzia eine Liste. Alle Verhafteten waren genannt, inklusive Geburtsdatum und Herkunftsort. Alphabetisch sortiert.

"Über Verbindungen zu kriminellen Strukturen wissen wir nichts"

Man trifft sich „beim Italiener“. Italiener stellen die größte Gruppe unter ausländischen Gastronomen, sagt Daniel Ohl, Geschäftsführer beim Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Baden-Württemberg: „Über Verbindungen zu kriminellen Strukturen wissen wir nichts.“

Viele wissen was, aber sagen nichts, wenige sagen was und niemand wagt bei voller Namensnennung eine öffentliche Stellungnahme. Vieles spielt sich leise ab, unspektakulär, etwa so: Ein italienischer Spezialitätenhandel erhält Besuch. Der Inhaber werde künftig den Wein XY beziehen zum Preis soundso. Das sind keine Räuber, die da auftreten. Das sind smarte Herren, die den Inhaber nur informieren, mehr nicht.

Die Gastro-Branche eignet sich bestens

Ob jener eingangs erwähnte Herr, welcher öfters bei dem jetzt verhafteten Wirt in Winnenden zu Gast war, auch schon mal von der Mafia kontaktiert worden sei? „Nein!“, versichert er – und ergänzt: „Das find ich auch komisch, dass mich nie jemand angesprochen hat.“

Ein Kenner der Gastro-Szene beschreibt, wie sich schmutziges Geld zwischen Pizzen und Fischen waschen lässt. Es handelt sich um Geld, das aus Drogenhandel, Waffengeschäften oder Schlimmerem stammt. Um viel Geld geht es, um sehr viel Geld. Die Scheine müssen in den regulären Wirtschaftskreislauf hineinrieseln wie löslicher Kaffee in heißes Wasser. Die Gastro-Branche eignet sich dafür besser, als man denkt. Sie setzt Milliarden um.

Porentief reines Geld

Gesetzt den Fall, Kriminelle kaufen in Italien günstig edlen Schinken. Sie legen – bildlich gesprochen – schmutziges Geld dafür auf den Tisch. In Deutschland überzeugen sie Wirte, dass diese ab sofort nur noch diesen Schinken beziehen werden zu einem hohen fixen Preis. Die bösen Schinkenverkäufer kassieren dafür gutes Geld – und das ist so porentief rein wie eine Akne-Haut nach Pickelkur.

Klingt jetzt so harmlos. Ist es mitnichten. Die Vorwürfe gegen die bei der Razzia Verhafteten reichen von Geldwäsche bis hin zu versuchtem Mord. Der unbedarfte Laie fragt sich, wie die Menschen in den Mafia-Zentren Italiens mit dieser umfassenden Macht umgehen. „Sie haben sich arrangiert“, sagt einer, der es wissen muss. Man halte sich an die Regel: „Du lässt mich in Ruhe. Ich lass dich in Ruhe.“

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