">

Waiblingen Matthias Wilke: Der Seenot-Retter

Waiblingen. Bei einem dreiwöchigen Einsatz als Seenotretter hat der Waiblinger Matthias Wilke 23 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer geborgen. Die Grenzerfahrungen, die er dabei sammelte, haben ihn ins Grübeln gebracht: über Grundrechte, über unser Wertesystem.

Der Funknotruf ging um zwei Uhr morgens ein – das Maritime Rescue Coordination Centre, das Seenotrettungs-Koordinationszentrum in Rom, gab über einen Spezialkanal an alle Schiffe im Mittelmeer durch: Die Besatzung eines Kahns habe sich via Satellitentelefon gemeldet, sie befinde sich irgendwo draußen vor der libyschen Küste.

Die Sea-Eye, ein alter Fischkutter aus der ehemaligen DDR-Fangflotte, besetzt mit neun Freiwilligen, darunter Matthias Wilke, von Beruf Leiter der diakonischen Suchtfachstelle in Waiblingen, machte sich auf die Suche; durchkämmte Hunderte von Quadratkilometern; drehte die ganze Nacht hindurch ihre Schleifen; kreuzte den ganzen Vormittag über nach festgelegtem Muster die Wellen. Der Mittag kam; und ging.

Gegen 17 Uhr entdeckten sie es: ein hölzernes Fischerboot, ausgerüstet mit einem Dieselmotörchen. Der Kahn, ausgelegt für drei, vier Leute, vollgestopft mit 23 Menschen, hatte bereits Schlagseite. Flüchtlinge: junge und ältere Männer, Frauen, zwei Buben, ein Baby, eine Hochschwangere mit instabilem Kreislauf, ihr systolischer Blutdruck war auf 70 gesackt, „das ungeborene Kind schon gefährdet“.

Die Sea-Eye barg die Verirrten und rief ein größeres Schiff herbei. Es brachte die Flüchtlinge nach Italien.

„Menschenrechte sind Grundrechte“

Matthias Wilke, Jahrgang 1954, hat an jenem Tag eine „Selbsterfahrung“ gemacht, die ihn „sehr nachdenklich“ gestimmt habe. Er schaute in die Gesichter, „offene Augen, freundliche Gesten“; aber es waren auch „Leute dabei, denen möchte ich nicht im Dunkeln begegnen: problematischer Zahnstatus“, geduckte Posen, scheue Blicke. Wilke ertappte sich dabei, wie er Sympathien verteilte. Gute Flüchtlinge, schlechte Flüchtlinge?

Er hat diese Erfahrung seither durch- und durchgearbeitet und ist zu einem Ergebnis gekommen: „Menschenrechte sind Grundrechte“, und Grundrechte sind „nicht verwirkbar“. Das Grundrecht auf Rettung aus hoher See, international festgeschrieben, gilt nicht nur, wenn jemand unverschuldet in Not geraten ist; es gilt auch, wenn jemand das Wetter falsch eingeschätzt hat; gilt auch, wenn jemandem ein Navigationsfehler unterlaufen ist; gilt auch, wenn jemand, tollkühn vor Sehnsucht nach einem besseren Leben, in eine überladene Holzkiste gestiegen ist.

„Der ist ja selber schuld? Der hat auf unserem Arbeitsmarkt ohnehin keine Chance“? Grundrechte sind Grundrechte sind Grundrechte. Und wenn es sie gibt, dann muss es „auch Leute geben, die zu ihrer Verwirklichung beitragen“, sonst ist alles tönende Gerede um die unantastbare Menschenwürde nichts als Wortblase, Sonntagsgeschwätz, „frommer Wunsch“.

Tod durch Ertrinken: Alltag im Mittelmeer

Das Recht auf Rettung: Im Mittelmeer zerbröselt es. Die südlichen Anrainerstaaten verabschieden sich still aus der Aufgabe. Die in großer Zahl dort draußen navigierenden Marineschiffe „halten sich schön bedeckt“, wenn ein Notruf eingeht. Allein zwischen Januar und Mai 2017 sind im Mittelmeer 1300 Flüchtlinge ertrunken; im Schnitt acht oder neun jeden Tag.

„Eigentlich ist es ein Skandal“, findet Wilke, dass „ein paar Deppen, ein paar Bekloppte“, Leute wie er, die einen Segelschein haben und etwas Hochsee-Erfahrung, ein Suchtberater aus Waiblingen, ein Finanzberater aus Hamburg, sich darum kümmern müssen; und ihr Flaggschiff, die Sea-Eye: ein rostiger Kutter, mit 12 bis 13 km/h dahinzuckelnd dank eines Sechs-Zylinder-Dieselmotors mit offenen Ventilen, die man „alle zwei Stunden schmieren“ muss. Gäbe es Initiativen wie diese nicht, „würde überhaupt niemand mehr mitkriegen, was sich dort abspielt“.

Bevor Matthias Wilke zu seiner dreiwöchigen Mission aufbrach, hat er unserer Zeitung ein erstes Interview gegeben. Das Kommentarspalten-Echo auf den Bericht klang ruppig. Er wolle wohl als „Existenzgründer“ seinen „Unterhalt verdienen“ mit „abgefischten Leichen“, schrieb jemand, „dümmer und pietätloser“ gehe es ja wohl nicht. Nun gut, darauf lässt sich leicht antworten: Wilke hat keinen Cent verdient, hat seinen Jahresurlaub drangegeben und selbst die Tabletten gegen den Brechreiz bei Wellengang aus eigener Tasche bezahlt.

Aber auch das musste er lesen: Er schade, indem er Flüchtlinge rette, dem „Steuerzahler und Rentenempfänger, die mehr als zumutbar darunter leiden müssen“. Leute, die sich, um illegal einzuwandern, in Gefahr begeben, hätten das Recht auf Rettung „verwirkt“.

Es geht im Mittelmeer um ein „Wertesystem, von dem ich dachte, das teilen wir miteinander“. Aber womöglich hat er sich da geirrt. Sitzt ein Kätzchen im Baum, kommt die Feuerwehr; für die Sicherheit bei einem einzigen Fußballspiel bringt die Polizei 5000, 6000 Einsatzstunden auf; wenn in der Ostsee einer ins Wasser fällt „im Suff beim Pinkeln“, rückt der Hubschrauber aus, das „funktioniert perfekt“. Richtig, findet Wilke. Aber „afrikanische Menschen, die können mal gerne ein bisschen absaufen“? Dass das nicht hinnehmbar ist, „darüber müsste man sich doch verständigen können“.


Sea-Eye

Das Projekt „Sea-Eye“, dem sich im Oktober auch der Waiblinger Matthias Wilke als Freiwilliger für drei Wochen angeschlossen hat, wurde im Herbst 2015 gegründet: Eine kleine Gruppe um den Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer beschloss, dem Sterben Flüchtender im Mittelmeer nicht länger tatenlos zuzusehen, erwarb einen alten Fischkutter namens „Sea-Eye“ und kaufte später noch ein zweites Schiff, den „Seefuchs“. Teams in wechselnder Besetzung – alle Helfer arbeiten kostenlos – halten vor der libyschen Küste Ausschau nach überfüllten Flüchtlingsbooten. Stand heute haben Sea-Eye und Seefuchs mehr als 13 000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Weitere Informationen: www.sea-eye.org.

 

  • Bewertung
    45
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!