Waiblingen Messerschmied Eisele: Ende einer Ära

Christine (69) und Hartmann Eisele (71) gehen in den Ruhestand. Foto: Palmizi/ZVW

Waiblingen. Scharfe, auf Wunsch sogar handgefertigte Messer, Scheren aller Art, wertvolle Bestecke und pfiffige Haushaltswaren: 34 Jahre haben Christine und Hartmann Eisele ihr Geschäft in der Langen Straße geführt. Ihre Kunden schätzten das spezielle Angebot ebenso wie die profunde Beratung. Nun ist Schluss: Ende September schließt der Messerschmied. Christine und Hartmann Eisele gehen in den Ruhestand.

Wie soll es ohne das kleine, aber feine Geschäft in der Langen Straße weitergehen? Das fragen sich derzeit viele Stammkunden. „Ich bin überwältigt von dem wahnsinnigen Zuspruch unserer Kunden“, sagt Christine Eisele. Ein Mann sei schon achtmal da gewesen, um seinen Haushalt schnell noch komplett zu machen. Denn die Zeit drängt: Am Montag beginnt der Räumungsverkauf. Ende September ist Schluss.

34 Jahre ist es her, dass Christine und Hartmann Eisele das Geschäft übernommen haben. Nach einer Lehre im elterlichen Betrieb und seiner Bundeswehrzeit reiste Hartmann Eisele drei Jahre um die Welt, arbeitete in Australien und Südamerika als Werkzeugmacher. Als er wieder im Land war, ging er auf die Maschinenbau-Technikerschule und danach zu AEG nach Winnenden. Irgendwann stellte sich die Frage, ob er zusammen mit seiner Frau das Familiengeschäft in der vierten Generation übernehmen sollte. 1984 wurde das Geschäft aufwendig umgebaut und renoviert – das Haus erstrahlte im alten Glanz mit seinem Fachwerk. Christine und Hartmann Eisele übernahmen das Ruder.

Die Kunden schätzen die Beratung

„Es war eine gute Entscheidung“, sagen sie heute. Er übernahm die Werkstatt, in denen er Klingen und Scheren schärfte und auch wertvolle Messer herstellte. Sie wurde Chefin im Laden und Ansprechpartnerin für die Kunden. „Wir hatten viele Stammkunden“, erzählt die 69-Jährige. Neukunden seien aufgrund der guten Beratung gern wiedergekommen und zu Stammkunden geworden. Mit der Zeit kamen aber auch immer mehr Internet-Käufer in den Laden: Leute, die sich bei ihnen beraten ließen und dann im Internet kauften, aber auch Leute, die im Netz billig eingekauft hatten und ihre kaputten Sachen bei Eisele reparieren lassen wollten.

Trotzdem sei der Umgang mit den Kunden das Tollste an ihrem Beruf gewesen, sagt Christine Eisele. „Wir haben auch wahnsinnig viel gekocht“, erinnert sie sich. Sie organisierten aufwendige Kochkurse bei ausgewählten Köchen wie Andreas Müller im Stuttgarter Zauberlehrling, Alexander Munz in Auenwald und Bernd Bachofer. Lernten viele Leute kennen und natürlich auch, erlesen zu kochen. Köchin wurde dann übrigens auch ihre Tochter, die mit ihrer Familie heute auf Föhr lebt.

Zwischen Föhr und dem Bodensee

Die Insel ist denn auch einer der Wohnorte, die sie sich für ihre Zukunft vorstellen können. Das Haus an der Langen Straße haben sie an eine Stuttgarter Investorengruppe verkauft, die es umbauen wird und für den Laden bereits einen Nachmieter sucht. Dass sie umziehen werden, steht also fest, wo sie sich niederlassen, weniger. „Mich würde es eher an den Bodensee ziehen“, bekennt Hartmann Eisele. Pläne und Träume haben die beiden noch viele: Er möchte mit dem Motorrad über die Alpen nach Südfrankreich fahren, sie endlich mal die Zugspitze erleben und nicht nur zehn Tage, sondern ganze vier Wochen Ferien in Schottland machen. „Endlich mal Urlaub machen, Zeit haben, stelle ich mir umwerfend vor“, sagt sie und lacht. Auch ihre Brüder im fernen Alaska und in Michigan warten auf einen Besuch.

„Ich fühle mich befreit“

All das war in den vergangenen Jahren undenkbar. Morgens früh um sieben begann der lange Tag im Büro, abends standen noch Abrechnungen und Bestellungen auf der To-do-Liste der Eiseles. Nicht selten habe sie den Abend mit einem Brot in der Hand und einem Gläschen Wein am Schreibtisch verbracht, erzählt Christine Eisele. Irgendwann haben sie sich gesagt, dass es das doch wohl nicht sein könne. Selbstbestimmen wollten sie, wann Schluss ist im Laden, nicht warten, bis einer von ihnen krank werden würde. „Wir haben uns wahnsinnige Gedanken gemacht, immerhin war es eine Lebensentscheidung.“ Seit die Entscheidung gefallen ist, sei die Erleichterung enorm. „Ich fühle mich befreit“, sagt auch ihr Mann Hartmann und lächelt.

Jetzt kommt erst mal der Räumungsverkauf, bis Ende September soll der Laden geräumt sein. Dann kommt die neue Freiheit, irgendwo zwischen dem Bodensee und der Insel Föhr. „Ich bin guten Mutes“, sagt Christine Eisele: „Mit Humor und Gottvertrauen haben sich bei uns viele Dinge am Ende als gut herausgestellt.“

Der Betrieb

1984 übernahmen Hartmann und seine Frau Christine Eisele in vierter Generation das Geschäft in der Langen Straße. Gegründet wurde es von Gottlob Heinrich Eisele im Jahr 1869, der sich eine Werkstatt eingerichtet hatte, nachdem er einige Zeit auf Wanderschaft gewesen war.

Von Anfang an gab es ein Ladengeschäft, in welchem feine Solinger Stahlwaren verkauft werden. Vor dem Ersten Weltkrieg übernahm sein Sohn Friedrich das Geschäft. Er kaufte das Nebengebäude und vergrößerte den Laden. Friedrich Eisele hatte zwei Söhne, die beide das Handwerk des Messerschmieds erlernten. Eigentlich sollte der ältere Sohn Siegfried in die Fußstapfen des Vaters treten, doch er fiel im Zweiten Weltkrieg. Friedrich Eisele senior übergab das Geschäft im Alter von 74 Jahren deshalb an seinen Sohn Friedrich, behielt aber als Chef weiterhin die Oberhand. Bis zu seinem Tod im Jahr 1965 arbeitete er mit.

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