">

Waiblingen Minderjährige Flüchtlinge werden registriert

Waiblingen. 103 bislang noch unregistrierte jugendliche Flüchtlinge aus dem Rems-Murr-Kreis werden diese Woche in einer landesweit vorbildlichen Aktion nach allen Regeln der erkennungsdienstlichen Kunst erfasst – und ganz nebenbei lernen die jungen Burschen, wie kompetent und freundlich die Polizei im Rechtsstaat arbeitet.

Manche Leute stellen sich das Paradies als einen Ort vor, wo Bratwürste an den Bäumen wachsen und das Wetter immer so wohltemperiert ist, dass man nackig rumlaufen kann, ohne zu frieren oder zu schwitzen. Peter Hönle braucht da etwas weniger: Ihm reicht eine schön komplizierte Planungsaufgabe, und sein Glück ist vollkommen. Der Schorndorfer, 57, Leiter des Führungs- und Einsatzstabes beim Polizeipräsidium Aalen, denkt vorab grundsätzlich auch an die abseitigsten Eventualitäten – würde der Mann sich auf eine Himalaya-Expedition vorbereiten, packte er garantiert nicht nur warme Kleider in den Rucksack, sondern auch eine Infrarotkamera, falls eines Nachts der Yeti am Biwak vorbeistapft. Herr Hönle, geben Sie’s zu: Tage wie dieser sind für Sie keine Arbeits-, das sind Festtage. „Natürlich!“

Viele Minderjährige sind noch nicht erfasst

Dies war ein großes Problem in der Hochzeit der Flüchtlingszuwanderung: Die Behörden kamen mit der Registrierung nicht mehr nach. Im Landkreis leben derzeit 287 sogenannte „UMAs“, unbegleitete minderjährige Ausländer – 103 von ihnen sind noch nicht erkennungsdienstlich erfasst. Das wird diese Woche zentral im Polizeigebäude Waiblingen an zwei Tagen nachgeholt: ein Befreiungsschlag. Der Rems-Murr-Kreis dient als Pilotregion für ganz Baden-Württemberg. Was hier durchgespielt wird, „ist die Blaupause, um das Verfahren landesweit auszurollen“, sagt Andreas Stenger, Leiter der Kriminaltechnik beim Landeskriminalamt.

Kritik der Piraten-Partei

Fingerabdrücke nehmen, Passbilder anfertigen, Dokumente prüfen: Das ist der erkennungsdienstliche Dreiklang. Eine wichtige Rolle bei alldem spielen das Kreisjugendamt, die Gastfamilien und die Heime, wo die UMAs wohnen: Betreuer und Betreuerinnen bringen ihre Schützlinge zur Polizei, begleiten sie durch den Tag. Im Vorfeld kritisierten die „Piraten“ das heftig: Hier würden Vertrauenspersonen als Erfüllungsgehilfen der Polizei missbraucht, das könne Traumatisierungen vertiefen. Selten hat sich eine Partei tragikomischer vergaloppiert; die Wahrheit ist: Das Zusammenspiel von Betreuern und Uniformierten ist segensreich, es wirkt beruhigend und zerstreut Ängste.

Gummibärchen für die Kinder

„Wir als Polizei“, sagt Hönle, „können nur erahnen, welche Erfahrungen“ manche dieser jungen Leute mit sich herumschleppen, „welche Erinnerungen in Zusammenhang mit einer Uniform wieder hochkommen“. Deshalb sei es wichtig, bei dieser Aktion auf die „weichen Faktoren“ zu achten: „Das Ganze sollte aufgefasst werden können wie ein Arztbesuch. Der ist notwendig. Aber nicht schlimm.“ Es beginnt bei den frei gehaltenen Parkplätzen im Hof der Polizei und einem ausgesprochen freundlichen Beamten, der Neuankömmlingen die Fragen von den Lippen abliest. Es geht weiter mit dem „Guten Tag“-Schild im Flur und den zehnsprachigen Wegweisern im Treppenhaus – „Registrierung“, steht da auf Deutsch, aber auch „Qeydkirin“ auf Kurdisch. Im Warteraum gibt es Getränk, „Haribo Phantasia“, WLAN und auf Großleinwand den Film „Wunder der Erde“. Und da sitzen sie nun, halbe Kinder zum Teil, mit großen Augen und schüchternem Lächeln. Taugt der Film? „Ja!“

Angst vor Polizisten

Drinnen an den Registrierungsstationen begrüßen die Polizisten ihre jugendliche Kundschaft nicht nur per Handschlag, sondern erheben sich dazu auch kurz vom Stuhl und finden Zeit für ein paar Brocken Smalltalk, mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Sie sei dankbar dafür, sagt eine Betreuerin vom SOS-Kinderdorf. Einem ihrer Schutzbefohlenen sei das Gesicht „ganz starr“ geworden, als er hörte, er solle zur Polizei. „Angstzustand.“ Polizisten: Das sind doch diese gottgleichen Willkürherrscher.

„Ich roll den Finger ab“

Und jetzt? Muhammad aus Afghanistan, 11 Jahre alt, sitzt bei der Fingerabdruckaufnahme und staunt: „Ich roll den Finger ab“, erklärt der Polizist, „wenn was unangenehm isch, sagsch mir Bescheid.“ Und vor dem Jungen auf dem Monitor bildet sich ein Kunstwerk aus Linien, Schleifen, Bögen, Schlingen, Rillen und Wirbeln.

Das neue Leben im Rechtsstaat

Peter Hönle steht derweil in einer Saal-Ecke und hat dieses Paradiesleuchten im Gesicht, als liege er nackt unter einem Bratwurstbaum: wieder mal was weggeplant! Die Polizei „schlägt, malträtiert, ist hochkorrupt“ – wohl viele kämen mit diesem Bild hierher, „die wissen ja nicht, dass es bei uns anders ist“. Aber das sind „junge Menschen“, sie haben „eine lange Zeit bei uns vor sich, und wir legen heute einen Grundstein“ für ein neues Verständnis: So also verhalten sich Uniformträger in einem Rechtsstaat, in Deutschland muss ich mich, wenn ich mich an die Gesetze halte, nicht fürchten. „Das ganz einfache Wertschätzen: Das ist ein Schlüssel zum Erfolg auch für die Zukunft.“ Dies ist mehr als eine Registrierungsaktion – eine Unterrichtseinheit in Staatsbürgerkunde.

Das mit den Gummibärchen war wohl nichts...

Nur die Gummibärchen im Warteraum, sagt die Kinderdorf-Betreuerin, seien nicht optimal: Sie enthalten Gelatine, hergestellt aus Schweineschwarte. Hönle stutzt. Sapperlot, er hat etwas nicht bedacht?

Aber gut, bei der nächsten Registrierungsaktion im Ostalbkreis „gibt es Salzstängel“.

Warum? Darum

Diese Registrierungsaktion sei doppelt wichtig, erklärt Landrat Richard Sigel. Zum einen: „Wir wollen wissen, wer bei uns ist.“ Zum anderen: „Wer dauerhaft hier bleiben will“, Fuß fassen, eine Ausbildung absolvieren, einen Beruf ergreifen, der „braucht eine geklärte Identität“.

  • Bewertung
    94
 

13 Kommentare

Kommentieren

  1. (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!