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Waiblingen Mit Baby auf Kinderarzt-Suche

Trotz allem glückliche Eltern: Annika und Gustavo Albieri mit Baby Luisa. Foto: Alexandra Palmizi

Waiblingen. Vor einem Monat wurde die kleine Luisa Albieri geboren, ihre Eltern wohnen erst seit dem Frühjahr in Waiblingen. Einen Kinderarzt für ihr Baby fanden sie hier nicht – und auch keine Hebamme. Wie lebt es sich als junges Paar, das wertvolle Hilfe am Wohnort entbehren muss? „Wir haben Glück, dass Luisa es uns leicht macht.“

Kaum eine Kommune, die sich nicht – ähnlich wie Waiblingen – familienfreundlich nennt. Keine Partei, die nicht behauptet, besonders für Familien einzustehen. Doch der Mangel an Hebammen und Kinderärzten ist Fakt. Besonders betroffen: junge Paare, die erst vor kurzem zugezogen sind. Und davon gibt es etliche. Durch neue Baugebiete ist die Einwohnerzahl Waiblingens in den vergangenen Jahren gewachsen, gezielt hat sich die Stadt dabei um Familien bemüht. Mit Erfolg. Annika und Gustavo Albieri haben gute Jobs, eine schöne Wohnung auf der Korber Höhe II mit toller Aussicht – und seit dem 10. September Nachwuchs. Spät bemühten sie sich, teils aus Unkenntnis des Mangels, teils wegen des Wohnortwechsels, um Hebamme und Kinderarzt. Zu spät, wie sie jetzt wissen.

Drei Monate gewartet, schon war’s zu spät

Eine glückliche Schwangerschaft ist kein Selbstläufer, gerade in den Anfangsmonaten kann viel passieren. Deshalb gibt’s die alte Regel: „Man soll doch erst einmal drei Monate abwarten, bevor man sicher sein kann“, sagt Annika Albieri. So hielt es die 29-Jährige auch mit der Suche nach einer Hebamme. Aber nach zwölf Wochen war es schon zu spät. Sie besorgte sich eine Liste mit Nummern und telefonierte alle durch, doch alle waren schon ausgebucht. Im Katharinenhospital in Stuttgart bekam sie nach der Entbindung eine Anleitung in Babypflege – das war’s dann, ab nach Hause.

Plötzlich trugen die beiden Verantwortung für ein hilfloses, zerbrechliches Menschlein. Nach den Warnungen vor dem plötzlichen Kindstod, die sie in der Klinik hörten, hatten sie regelrecht Angst. Guter Rat war teuer. Atmete das Baby nicht schnell und unregelmäßig? Heute wissen sie: alles im Rahmen. Wie oft muss oder darf ein Baby trinken? Muss man es wecken, wenn es fünf Stunden schläft? Nimmt es überhaupt zu, wie es soll? Was, wenn es partout nicht in der Wiege, sondern nur im Elternbett schläft? Was, wenn es über Stunden schreit? Luisa scheint ein eher pflegeleichtes Exemplar zu sein, doch das unerfahrene Paar wüsste trotzdem nicht wohin mit all’ seinen Fragen zum Schlafen, zum Stillen und zur Versorgung des Nabels, wenn es nicht beim Familienzentrum Karo die offene Hebammensprechstunde von Birgit Bauder gäbe. Dort sind sie Stammgäste, durch sie kam etwas Ruhe in den neuen Alltag. Pro Familia hat für den Termin zur Hebammensuche eine klare Empfehlung: „Sobald der Schwangerschaftstest positiv ist.“

Der Kinderarzt ist 40 Minuten entfernt

Neugeborene werden beim Kinderarzt aufgenommen, heißt es. Doch der Gesetzgeber betrachtet es als angemessen, wenn sich der Arzt im Kreisgebiet befindet. Annika Albieri versuchte im ganzen Remstal ihr Glück. Mehrfach bekam sie zur Auskunft, es könnten nur noch Kinder aus dem eigenen Gebiet aufgenommen werden. Heißer Tipp der hoffnungslos überlasteten Kollegen angesichts langer Wartelisten: Ein Kinderarzt in Murrhardt, der eine lange Zeit ruhende Praxis übernahm, baut seinen Patientenstamm erst auf. Genau dort bekam Luisa noch einen Platz. Fahrtzeit bei geringem Verkehr: etwa 40 Minuten.

Annika und Gustavo Albieri konnten ihre Notlage auf ein erträgliches Maß abmildern. Sie gehören, anders als viele Mitbetroffene, zu den Gutausgebildeten, die sich zu helfen wissen. Und: Der Arzt ist nett, und in Murrhardt hat die Mutter, die sich nun freilich in Mutterschutz und Elternzeit befindet, ihren Arbeitsplatz als Umweltingenieurin. Ihre Eltern wohnen im nahen Fornsbach – zumindest emotional passt das besser, als eine Zeit lang befürchtet. Mit der Hebammen-Sprechstunde konnten sie eine Ersatzlösung finden.

Brasilianische Verhältnisse

Dieser Tage endet für den 27-jährigen Gustavo Albieri, der als studierter Elektrotechniker in Cannstatt arbeitet, die Elternzeit. Für drei Wochen kamen seine Eltern aus Brasilien nach Waiblingen und halfen beim Start. „Früher hat man beim Umgang mit Babys vieles anders gemacht als heute“, stellt er schmunzelnd fest. Vor Jahren war er als Austauschstudent erstmals nach Darmstadt gekommen. Mit der Zeit entdeckte er seine Liebe zu Deutschland – und besonders die zu Annika. Ihm erscheint die Situation nicht allzu ungewöhnlich. Denn Hebammen, die auf Hausbesuch kommen, sind in Sao Paolo nicht wirklich üblich. Und dass die Fahrtzeit zum nächsten Arzt 40 Minuten dauert, dafür sorgt zuverlässig der legendäre Verkehr in der Elf-Millionen-Metropole. So gesehen, herrschen ganz normale brasilianische Verhältnisse in der Region Stuttgart.

 

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