Waiblingen Mit eineinhalb Kilogramm Gras über die Grenze

Marihuana-Blüten, wie sie ein Franzose über die deutsche Grenze schmuggelte. Foto: Pixabay Creative Commons CC0

Waiblingen/Leutenbach. Ein Marihuana-Transport von Bordeaux nach Leutenbach, ein Drogenschmuggler, der selbst die Polizei ruft und schließlich Tränen im Gerichtssaal – diese Verhandlung am Amtsgericht Waiblingen war keine alltägliche. Am Ende verhängte Richter Michael Kirbach Freiheitsstrafen gegen einen Algerier und einen Franzosen – wobei nur dieser hinter Gittern bleibt.

Aufatmen beim algerischen Angeklagten, Freudentränen und laute Schluchzer bei seiner deutschen Freundin – so wurde das Urteil des Amtsgerichtdirektors Michael Kirbach von einem Leutenbacher Pärchen aufgenommen. Dabei hatte der Richter den 31-jährigen Vater eines Kleinkindes gerade zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten wegen Beihilfe zum Drogenschmuggel verurteilt – allerdings auf Bewährung und mit dem Beisatz, dass dessen Haftbefehl aufgehoben sei.

Will heißen: Nach einem halben Jahr in Untersuchungshaft verlässt der Verurteilte das Amtsgericht als freier Mann.

Drogenschmuggler ruft die Polizei

Für den Haupttäter hingegen, einen 28-jährigen Franzosen, ging es nach der Verhandlung zurück in seine Stammheimer Zelle. Weil er in seinem Auto fast eineinhalb Kilogramm Marihuana von Bordeaux nach Leutenbach geschmuggelt hat, verurteilte ihn Richter Kirbach zu zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis. Auch der Franzose sitzt seit Mitte Oktober in Untersuchungshaft. Die Geschichte seiner Verhaftung in Winnenden entbehrt nicht einer gewissen Komik: Er hatte die Polizei selbst gerufen.

Zweifelsfrei lässt sich nicht klären, wie der deutsch-französische Drogendeal vonstattenging. Die Polizei fahndet noch immer nach einem dritten Beteiligten, dessen Identität festzustehen scheint, der sich allerdings im Herbst 2017 ins Ausland abgesetzt haben soll. Erwiesen ist, dass der 28-jährige Franzose die Mariuhana-Blüten am 15. Oktober 2017 in seinem Renault über die Grenze schmuggelte.

Und auch, dass er in einer Winnender Dönerbude mit dem Algerier verabredet war. Bei diesem sollte die Ware zwischengelagert werden und später – so behauptet es der 31-Jährige – nach Düsseldorf gebracht und dort verkauft werden. Für die Zwischenlagerung sollen dem Leutenbacher angeblich 1850 Euro versprochen worden sein.

Die beiden Männer hatten sich wohl über das Internet kennengelernt. Zum Treffen kam es nicht: Ob der Leutenbacher den Schmuggler versetzte oder dieser in der falschen Bude saß, ist offen. Fakt ist: Während der Schmuggler vergeblich auf seinen Kontaktmann wartete, schlug ein Dritter – der Mann, nach dem die Polizei noch fahndet – die Scheibe des französischen Kleinwagens ein und stahl die Drogen.

Fluchtversuch durchs Küchenfenster

Der Autoknacker steckte mit dem 31-Jährigen unter einer Decke. Dieser hatte ihm von den Drogen berichtet. Den Diebstahl will er aber nicht unterstützt haben. Wie glaubhaft seine Angaben sind, er habe das Gras zwar in seiner Wohnung zwischengelagert, es aber an den Franzosen zurückgeben wollen, spielt in der Verhandlung nur eine untergeordnete Rolle. Der Leutenbacher wurde am Tag darauf bei einer Wohnungsdurchsuchung verhaftet. Laut Polizei wollte er mit den Drogen durch das Küchenfenster fliehen, doch die Beamten hatten das Haus umstellt.

Da saß der Franzose, der ihn bei der Polizei angeschwärzt hatte, bereits in einer Zelle. Er hatte den Diebstahl aus seinem Auto auf dem Revier in Winnenden angezeigt. Freilich gab er nicht die eineinhalb Kilo Gras, sondern 20 000 Euro Bargeld als Verlust an.

Seine Lügengeschichte: Er habe den 31-Jährigen zu einer Probefahrt in einem Audi RS6 getroffen. In der Zwischenzeit sei das Geld, mit dem er den Wagen hatte bezahlen wollen, aus seinem Renault gestohlen worden. Schnell fanden die skeptischen Polizisten heraus: Den Wagen gab es überhaupt nicht und im Renault waren offensichtlich Drogen transportiert worden. Sie setzten den Fremden fest, der ihnen auch den Namen des Algeriers lieferte.

100 Sozialstunden als Auflage

Dass dessen Partnerin am Ende Freudentränen vergoss, liegt daran, dass dem Mann eine direkte Beteiligung an der Einfuhr der Drogen ebensowenig nachgewiesen werden konnte wie ein Plan, Handel damit zu treiben. Für seine Beihilfe zum Verbrechen muss er allerdings als Bewährungsauflage 100 Sozialstunden ableisten. Außerdem hoffen Gericht und Staatsanwaltschaft, dass ihm das halbe Jahr ohne Frau und Kind in der JVA als Warnung gedient hat. Positiv wirkten sich sein Geständnis und seine Hilfe bei der Suche nach dem flüchtigen Dritten aus, von dem Spuren im Renault gesichert worden waren.

Der Franzose hatte vor Gericht die Kooperation verweigert, obwohl ihm sein Verteidiger offen zu einem Geständnis riet. Die Quittung: Gefängnis.

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