Waiblingen Modedesignerin, Schneiderin, kleinwüchsig

Video: Nadine Feist von Wasni.

Waiblingen/Esslingen. „Oh, das freut mich, dass Sie mich für artikelreif befinden“, mailt Nadine Feist. Sie ist Modedesignerin und Schneiderin, geht täglich arbeiten, verkauft im Laden. Ganz normal. Warum kommt das in die Zeitung? Tja, weil bei Nadine Feist normal noch besonders ist. Die Waiblingerin ist kleiner als der „normale“ Erwachsene.

Die junge Frau reagiert nicht aufs Klopfen. Auch nicht aufs dritte. Und trotzdem ist sofort eins sicher: Unhöflich ist sie nicht. Denn hier arbeiten Menschen mit Behinderung: Der Laden heißt Wasni, ist in Esslingen mitten in der Fußgängerzone und so was wie der Winnender Nix-gut-Versand. Nur ohne Punk. Und damit ist ganz logisch – die Frau kann nicht hören. Und jetzt? Wie fragen? Gebärdensprache unbekannt. Doch die deutende Hand findet ganz automatisch den Weg so Richtung Knie.

Diskriminierung ist „ein großes Thema“, sagt Nadine Feist, 22-jährige Waiblingerin und die soeben Gesuchte. Au weia. War die spontane Geste diskriminierend? „Nein!“, sagt Nadine Feist. „Ich bin ja klein. Sie sagen ja nicht Zwerg oder so was.“ Nadine Feist ist Maßschneiderin und Modedesignerin, erste Angestellte von Wasni, fit, fröhlich, freundlich, kerngesund und 1,30 Meter groß. Ja. Nur: „Mein Kleinwuchs ist eine spontane Genmutation“, sagt sie. Wissenschaftlich-trockene Analyse eines Fakts, der dafür sorgt, dass der neugeborene Mensch immer viel, viel kleiner bleiben wird als alle anderen. Kurze Zusammenfassung für bittere Stunden in der Pubertät, in denen die Frage „Warum ich und nicht die anderen?“ ein Herz bluten ließ.

Rund 100 000 Kleinwüchsige in Deutschland

Tja, warum nicht die anderen? Gibt es denn keine anderen? Die gehörlose Kollegin, die übrigens auch aus dem Rems-Murr-Kreis, nämlich aus der Winnender Paulinenpflege kommt, ist bestimmt oft und zwar mit vielen in der Stadt zu sehen – ins bewegte Gespräch vertieft. Das ist in Winnenden ganz normal. Aber kleine Menschen wie Nadine Feist trifft man selten. „Es gibt rund 100 000 kleinwüchsige Menschen in Deutschland“, sagt Nadine Feist. Auch in Waiblingen lebt nicht nur sie. Und trotzdem war sie im Kindergarten, in der Grundschule, in der Realschule allein. Die Einzige mit Triptrap, wo die anderen sich schon kaum mehr in die Schulstühle falten konnten. Die meisten kleinwüchsigen Kinder landen in Förderschulen, sagt Nadine Feist. Dabei sind sie normal intelligent, haben keine körperlichen Einschränkungen, sind einfach nur kleiner als andere.

Na ja, Einschränkungen gibt’s daher schon. Aber nicht, weil Nadine Feist irgendwie gebrechlich wäre. Sondern weil nichts auf ihre Größe hin ausgerichtet ist. Wenn sie in Esslingen in die S-Bahn steigt, muss sie mit dem Knie zuerst in die Wagen rein. Sonst schafft sie den hohen Tritt nicht. Wenn sie einkaufen geht, ist sie so frei und bittet um Hilfe. Aber die verflixten Geldautomaten! Sie sieht einfach nicht auf den Bildschirm. „Und ich kann ja da nicht einfach irgendjemand fragen: Ach geben Sie mir doch mal die Geheimnummer ein . . .“

Den Traum Konditorin zu werden musste sie aufgeben

Die Welt ist auf Durchschnitt hin ausgerichtet. Nadine Feists Körper entspricht nicht dem Durchschnitt. Lässt sich eine alltagstaugliche Ausrichtung auf Mittelmaß so dehnen, dass sich alle Extreme wiederfinden? Oder findet sich dann am Ende gar nichts mehr? Und warum haben Menschen, die anders als andere sind, auch dann Probleme, wenn die Norm völlig irrelevant ist?

Direkt nach der Schule wollte Nadine Feist Konditorin werden. Diesen Traum musste sie aufgeben: Die Maschinen in der Backstube wären für sie viel zu groß gewesen. Und wäre die Teigrührmaschine auf sie hin umgebaut worden, hätten alle anderen nicht mehr arbeiten können. Gut. Abgehakt. Es ging einfach nicht. Und jetzt?

„Normal“ wird schnell zu einem schwer definierbaren Begriff

Wenn Kunden in den Esslinger Laden kommen, vor allem auch samstags, wenn Nadine Feist allein arbeitet, sagen diese ganz oft: „Ach, ich finde das so toll, dass Sie hier arbeiten!“ Ja warum denn nicht? Warum sollte Nadine Feist nicht im Laden stehen und verkaufen, am Jacken-Großauftrag mitnähen? Es ist ja nicht mal ein normaler Laden, in dem sie arbeitet. Normale Läden haben sie nicht eingestellt, als sie sich beworben hat.

Das Wort „normal“ wird im Gespräch mit Nadine Feist recht schnell zu einem schwer definierbaren Begriff. Ja, mit der Kollegin muss sie Gebärdensprache sprechen, aber letztlich müssen so oder so die wichtigen Infos fließen, damit der Laden läuft. Wie bei anderen halt auch. Ja, die Nähmaschinen im Laden sind höhenverstellbar. So kann sie problemlos arbeiten. Es profitiert allerdings jeder davon. Denn wer ist schon ganz genau so groß wie der andere? Nadine Feist sagt: „Im Laden arbeiten zwei Leute, die einen Schwerbehindertenausweis haben, eine hat Lernschwierigkeiten und zwei haben nichts.“ Daniel Kowalewski ist der Wasni-Chef. Er hat „nichts“. Er ist – na ja, der Volksmund sagt „normal“. Nadine Feist grinst. Sehr freudig. „Aber ich kenn’ Danis Schwächen.“

Jeder Kunde bekommt sein eigenes Modell

Schwächen können ausgeglichen werden. Entweder sind andere an genau dieser Stelle stark oder technische Hilfsmittel machen den Weg frei. Nadine Feists Selbstbewusstsein machte einen Satz nach oben, als sie 17 war. Sie bekam den Führerschein und ihr eigenes Auto. Ein speziell auf sie angepasstes. Sie konnte damit fahren und sonst niemand. Das war ganz andersrum als sonst. Sie war auf niemandes Hilfe mehr angewiesen. Aber andere konnten bei ihr mitfahren.

Bei Wasni entwirft Nadine Feist T-Shirts, Pullis, Jacken, die speziell auf jeden Kunden hingeschnitten werden. Ärmellänge, Rückenlänge, Umfang – jedes individuelle Maß, jede Vorliebe, jede Notwendigkeit wird berücksichtigt, jeder Kunde bekommt sein eigenes Modell. Die Kunden sind – auch – ganz „normale“ Leute. Und trotzdem ist kein Schnitt wie der andere. Nadine Feists Arbeit beweist: „Normal“ gibt’s gar nicht. „Normal“ ist immer was Besonderes. Könnt’ denn dann besonders auch irgendwann mal „normal“ werden?

Was ist Toleranz?

„Vor nicht allzu langer Zeit wärest Du vergast worden“ – das wurde Nadine Feist schon hinterher gerufen.

Ihr wurde auch im Restaurant schon die Kinderportion vorgesetzt, obwohl sie keine verlangt hatte.

Aber meistens, sagt sie, wird ihr freundlich geholfen und sie macht keine schlechten Erfahrungen.

Kinder, sagt sie, dürfen fragen und dürfen Antworten bekommen. Viel schlimmer als eine ehrliche Nachfrage sei das peinlich-berührte „Pst!“ der Eltern.

Nadine Feist ist auch nicht empört, wenn jemand guckt. Sie selbst gucke auch bei anderen. Aber: „Ich weiß, wie sich die Menschen fühlen, die angestarrt werden. Mir sind Menschen schon hinterher gelaufen, weil sie noch nicht genug geguckt haben.“ Da ist es dann mit ihrer Toleranz vorbei.

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