Waiblingen „Naturschutz“ der Marke Jack Wolfskin

Frau Dragun aus Neustadt bestickt Jacken und Taschen mit Pfotenmotiven. Jack Wolfskin verbietet das wegen Gebrauchsmusterschutz. Foto: Bernhardt / ZVW

Waiblingen. Jetzt ist es schon wieder passiert – jüngstes Opfer: Die Neustädter Textil-Veredlerin Siv Loibl-Dragun. Seit vielen Jahren traktiert Outdoor-Ausrüster Jack Wolfskin Gewerbetreibende, die Pfoten- oder Tatzenabdrücke verwenden, mit Abmahnungen und rechtlichen Schritten.

Siv Loibl-Dragun ist eine pfiffige 33-Jährige mit sonnigem Gemüt, selbst wenn sie von ihrem Zorn erzählt, kann sie noch lachen. Als Existenzgründerin hat sie einen kleinen Betrieb aufgebaut, in dem „die Chefin noch selbst ans Telefon geht“: Sie verziert Shirts, Pullover, Taschen mit Stickereien und Aufdrucken, bringt die Logos von Gastronomiebetrieben oder Fitness-Centern auf Firmenkleidern an – die meiste Kundschaft aber hat sie in der „Hundebranche“. Sie beliefert einzelne Herrchen oder ganze Hundevereine, auch eine Polizeihundestaffel gehört zu den Abnehmern. Manche wollen einen Bernhardiner-Kopf auf der Jacke – und manche die Pfoten ihres besten Freundes über dem Herzen tragen.

„Nie“, sagt Siv Loibl-Dragun, „habe ich das Ziel verfolgt, irgendjemand nachzumachen“. Pfoten, das kann doch kein Problem sein, das ist doch „ein Zeichen aus der Natur“, und die Natur gehört ja wohl uns allen. Oder? Tja. Da hat Siv Loibl-Dragun nicht mit dem Naturschutz Marke Jack Wolfskin gerechnet.

Neulich schrieb ihr eine Hamburger Anwaltskanzlei: Da „das Tatzenlogo in Deutschland, Europa und vielen weiteren Ländern der Welt markenrechtlich geschützt“ ist, stünden Jack Wolfskin „Ansprüche auf Unterlassung, Auskunft, Schadenersatz, Vernichtung und Kostenerstattung zu (§§ 14 Abs. 2 Nr. 2, Nr. 3 MarkenG; Art. 9, 14 GMVO in Verbindung mit §§ 14 Abs. 5 und 6; 18 und 19 MarkenG; § 242 BGB).“ Siv Loibl-Dragun möge eine Unterlassungserklärung unterschreiben und 1379 Euro und 80 Cent Abmahngebühr zahlen – sonst „werden wir unserer Mandantin raten, ohne weitere Vorankündigung gerichtliche Schritte einzuleiten“.

„Unverständnis“, das war Siv Loibl-Draguns erste Reaktion. „So was haben doch schon die Urmenschen an die Felswand gemalt.“ Da könnte man sich ja gleich auch „einen Zahn“ schützen lassen oder „ein Blümchen“. Außerdem: Sie verwendete nicht nur den einen tierischen Abdruck, sondern zwei nebeneinander; gestaltete die Spuren naturalistischer als der Outdoor-Krösus, nicht ganz so stilisiert; setzte daneben einen Schriftzug, der keine Verwechslungen zuließ, „Gassigänger“ oder „Cocker Spaniel on Tour“, nie „John Dogfoot“ oder dergleichen. Abgesehen davon: Jack Wolfskin spricht von einem Tatzenlogo, und ein Hund hat immer noch Pfoten.

Hübsch argumentiert. Nur, leider: Ihr Anwalt sagte, er könne ihr wenig Hoffnungen machen. Ihr dämmerte: „Die Mittel haben wir einfach nicht, um gegen Jack Wolfskin zu kämpfen.“ Zähneknirschend zahlte sie, nahm die Produkte aus dem Internet-Programm – und protestierte auf die anarchische Tour: Bei Facebook stellte sie ein Pfotenlogo mit verlängertem Mittelzeh ein, quasi einem tierischen Stinkefinger. Text: „Firma X mit der Pfote ist einer dieser Kack-Abmahner.“ Worauf ein Anwalt anrief, „wir sollen das doch bitte rausnehmen“. Big Prankenbrother is watching you, auch im sozialen Netzwerk. Siv Loibl-Dragun blieb nichts übrig, als eine Info an die treuen Kunden zu schicken: „R.I.P. Pfötchen“. Rest In Peace, ruhe in Frieden.

Solidaritätsadressen aus der Kundschaft

Viele antworteten. Ein Hundefreund gewann der Sache was Gutes ab – wenigstens wisse er jetzt, „welche Klamotten wir nicht (mehr) kaufen“. Ein anderer sorgte sich: Angenommen, Wuffi rennt durch den Schlamm und springt an mir hoch – ist meine Jacke danach abmahnfähig? Ein Kollege, der auch mit der Nadel in der Oberflächenveredelungsbranche arbeitet, fragte: Ich habe schon Kunden Pfoten auf die Haut tätowiert – darf ich das? Alle waren sich einig: Selbst wenn das, was Jack Wolfskin macht, formaljuristisch so wasserdicht sein mag wie Survival-Klamotten – das Gerechtigkeitsempfinden trete die Firma mit Tatzen.

Als Siv Loibl-Dragun via Internet mal ein T-Shirt mit dem Aufschrieb „Germany’s next Top-Moppel“ anbot, für Schönheiten jenseits der Kleidergröße 36, rief einer von Pro7 in Neustadt an – „nehmt das doch bitte raus.“ Na gut, dann „macht man das halt“. Aber gleich mit dem Anwalt kommen wie Jack Wolfskin, die Abmahnkeule schwingen, mit einer Klage „ohne weitere Vorankündigung“ drohen? Eine doch etwas „bösartige Firmenpolitik“.

Die allerdings Tradition hat. Zu den Opfern gehörten schon: Heimwerker, Hobbyisten und Kleinstunternehmer, die über ein Online-Portal selbstgenähte Kirschkernkissen oder Filzbeutel mit Pfötchen verkauften; die Bear Community – so nennt sich eine internationale Gemeinschaft schwuler Männer, die zu ihrem bärigen Körperpelz stehen (dabei hatte deren Emblem doch zoologisch korrekt fünf Bären-Zehen statt der wölfischen vier); und derzeit schleudert die Firma ihr „Pfoten weg!“ den Produzenten des Kinofilms „Fünf Freunde“ entgegen. Er handelt von vier Kindern und ihrem Hund. Logo: ein tierischer Fußballen mit vier menschlichen Fingerabdrücken. Der Rechtsstreit läuft noch.

Am irrsten aber ist der Fall „taz“: Als die Tageszeitung Werbe-Badetücher mit „Tazze“, dem berühmten Logo des Blattes, in Umlauf brachte, biss der Wolf juristisch zu. Dabei hatte die taz ihre Tazze bereits 1979 eingeführt – zwei Jahre, bevor Jack Wolfskin gegründet wurde. Die linke Schreibstube aber, kapitalistischer Naturaneignungstricks offenbar sympathisch unkundig, hatte sich die tierische Fußspur nicht markenrechtlich schützen lassen.

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Wer mehr wissen will über das, was Siv Loibl-Dragun so im Angebot hat, surfe nach www.siviwonder.de. Homepage-Zitat: „Siviwonder ist ein junges, dynamisches und kleines Unternehmen aus Waiblingen-Newtown! Wenn Sie bei uns ein Callcenter erwarten, müssen wir Sie leider enttäuschen ... bei uns geht die Chefin noch selber ans Telefon und beantwortet Ihre Fragen.“ Aber Achtung: Die Internetseite ist pfotenfreie Zone.
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