Waiblingen Notfallseelsorger: Wenn alles in Trümmern liegt, hilft Matthias Wagner

Seit 20 Jahren Notfallseelsorger: Der evangelische Pfarrer Matthias Wagner. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen.
Die Familie, deren Welt an einem Sonntag zerbrach, wird er nie vergessen. Mit Polizisten und einem Mitarbeiter des Kriseninterventionsdienstes des Roten Kreuzes hatte sich Pfarrer Matthias Wagner nach seinem Sonntagsgottesdienst vor dem Haus der Familie verabredet. Wenige Augenblicke später teilten sie Eltern und Bruder mit, dass ihre Tochter und Schwester in der Nacht zuvor ermordet worden war.

Was sich niemand vorstellen kann und will – über diese Menschen war es hereingebrochen. Die Mutter weinte, der Vater irrte in seinem Schmerz laut schreiend durch das Haus. Was sagt man Menschen in einer solchen Situation? Wie kann man helfen, wenn buchstäblich alles in Trümmern liegt? „Gar nicht“, sagt Matthias Wagner. „Man kann es nur zusammen aushalten.“

Nach dem Zugunglück in Eschede entstanden

Seit 1999 ist der Waiblinger Pfarrer Notfallseelsorger und war damit einer der Ersten, der dafür eine spezielle Ausbildung absolvierte. In Eschede hatte sich das furchtbare Zugunglück ereignet, bei dem mehr als 100 Menschen starben und viele verletzt wurden. Daraufhin wurde der Kriseninterventionsdienst organisiert, erinnert sich Wagner, damals Pfarrer in Stuttgart. Die Notfallseelsorge entstand.

Davor seien in Krisen die örtlichen Pfarrer eingesetzt worden, was nicht immer gut funktioniert habe. „Ich habe gespürt, Menschen in Krisen brauchen Unterstützung.“ Als Erste Hilfe für die Seele versteht sich die Notfallseelsorge, die überkonfessionell ist und in enger Zusammenarbeit mit dem Kriseninterventionsdienst des Roten Kreuzes arbeitet.

Im Rems-Murr-Kreis gibt es 30 Pfarrer und Ehrenamtliche, die in schlimmen Notfällen wie bei Unfällen oder dem Tod eines nahen Angehörigen den Betroffenen beistehen. Eine riesige Herausforderung.

Manche Menschen wollten reden - andere nur schweigen

„Man lernt, in Ruhe zu erzählen. In der aufgewühlten Situation ein Fels in der Brandung sein“, sagt Matthias Wagner. Behutsam geht er dabei voran. Versucht zu spüren, was die Menschen brauchen. Wenn die Polizei ermittelt hat, Sanitäter und der Notarzt weggefahren sind, dann steht der Notfallseelsorger den Betroffenen noch zur Seite.

Manche Menschen sind dankbar für ein Gebet, eine Umarmung, andere können genau das überhaupt nicht aushalten. Noch gut erinnert sich Matthis Wagner an die jungen Eltern, deren Baby in der ersten Woche am plötzlichen Kindstod gestorben war. Als er in die Wohnung kam, hätten überall die neuen Babysachen rumgelegen. Mittendrin traf er auf die verzweifelten Eltern. Irgendwann habe er ihnen angeboten zu beten – was sie im Gegensatz zur Großmutter, die den Raum verließ, dankbar angenommen hätten.

Aushalten, dableiben, mitfühlen. Das ist manchmal das Einzige, was der Seelsorger anbieten kann. Manche Menschen wollten reden über ihren Verlust und über ihre Gefühle. Andere nur schweigen. „Man muss auch die Sprachlosigkeit aushalten“, sagt Pfarrer Wagner. In drei, vier Stunden passt viel Schweigen, viel Aushalten, passen viele Gesten.

„Durch die Präsenz schafft man Ordnung und Sicherheit“

Viermal im Jahr hat der 62-jährige Vater dreier erwachsener Kinder eine Bereitschaftswoche, in der er sich von allen Terminen freischaufelt. Abends trinkt er keinen Wein, um immer einsatzfähig zu sein, und er sorgt dafür, dass ein Auto zur Verfügung steht.

Zu den Einsatzwochen kommen Großeinsätze wie der Amoklauf in Winnenden, bei dem eine Vielzahl von Notfallhelfern im Einsatz war. Wagner betreute eine Schulklasse, die in den Schelmenholz evakuiert worden war. Während die Sechstklässler still und ruhig in der Turnhalle ausharrten, kreisten Hubschrauber, die Bundespolizei war im Einsatz. Von 11 bis 14 Uhr warteten die Kinder, bis sie von ihren Eltern abgeholt werden konnten.

„Ich finde es gut, dass wir da waren“, sagt Wagner: „Durch die Präsenz schafft man Ordnung und Sicherheit.“ Auch von den Rettungskräften werden die Notfallseelsorger geschätzt. „Wir werden als diejenigen wahrgenommen, die Menschlichkeit mitbringen und eine gewisse Unerschrockenheit“, weiß der Pfarrer. Auch junge Polizisten reagierten nicht immer stabil in den furchtbaren Situationen. „Wenn ich das merke, spreche ich mit ihnen.“ Er selbst bleibt sehr ruhig. Viel geweint werde aber bei den jährlich stattfindenden Blaulichtgottesdiensten für Seelsorger, Polizei, Feuerwehr und Rotes Kreuz: „Das berührt mich sehr.“

„Ohne Hoffnung wäre ich fehl am Platz“

Dass er sich berühren lässt, das Leben liebt und „viele wunderschöne Momente“ erlebt, ist für ihn die Voraussetzung, dass er die dunklen Stunden mit anderen aushalten kann. „Ich denke, das Leben ist ungeheuer weit, und alles kann passieren“, sagt Wagner. Niemand habe einen Anspruch darauf, das Ende und die Vergänglichkeit festzulegen. Er habe aber den Glauben, dass die Menschen bei Gott letzten Endes geborgen sind.

Selbst wenn sich das Leben mit einem Schlag komplett verändert: „Im Meer des Schreckens gibt es Inseln, auf denen man aufatmen kann“, ist er überzeugt. Die gelte es anzusteuern, bis das Festland kommt, sagt der Pfarrer. Und: „Wenn ich keine Hoffnung hätte, wäre ich falsch am Platz.“

  • Bewertung
    8
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!