Waiblingen Parkplätze für Fahrräder statt für Autos

In Belgien, Dänemark und den Niederlanden gibt die Fahrradgaragen an Stelle von Pkw-Stellplätze schon. Das Bild stammt aus dem belgischen Gent. Foto: Smartcar / Creative Commons Lizenz CC BY 3.0 Unported

Waiblingen.
Wenn es so kommt, wäre das für Waiblingen ein Novum – und für viele wohl ein bedeutender Schritt hin zu einer fahrradfreundlicheren Stadt: Die Verwaltung prüft derzeit, ob zum ersten Mal öffentliche Autoparkplätze umgewandelt werden in Stellflächen für Räder. Für Autos würde dadurch der Parkraum knapper, Radler hingegen könnten profitieren.

Konkret geht es um die Bahnhofstraße: Vor dem Kino sehe man den Bedarf an mehr Radparkplätzen, sagt Waiblingens Baubürgermeister Dieter Schienmann auf Anfrage unserer Redaktion. Auf ein bis zwei Stellplätze auf öffentlichem Straßengrund, die heute noch für Autos reserviert sind, könnten künftig einmal Fahrräder abgestellt werden – wenn denn die Prüfung durch die Verwaltung zum entsprechenden Ergebnis kommt.

Schienmann schätzt, dass pro Pkw-Stellplatz drei Bügel installiert werden könnten, an denen jeweils zwei Radler einen Platz zum Abstellen und Anketten ihrer Zweiräder fänden. Es entstünde also Parkraum für sechs bis zwölf Fahrräder (je nach dem, ob nur einer oder beide Autoplätze umgenutzt werden).

Die tägliche Nutzung muss attraktiver werden, sagen Rad-Fans

So eine Umwandlung von öffentlichen Parkplätzen habe es in Waiblingen bislang nicht gegeben, sagt der Baubürgermeister. Und auch wenn es erst einmal nur um ein bis zwei Pkw-Plätze geht: Manch einem wäre das sicherlich zu viel – und ein Warnsignal dafür, dass das Auto nun wirklich nicht mehr das Maß aller Dinge ist, wenn über die Mobilität in der Stadt diskutiert wird.

Anderen hingegen wird das bei weitem nicht ausreichen. Zu ihnen gehört Claudia Schöggl. Sie glaubt: In Waiblingen, im ganzen Land fehle der politische Wille, mehr Menschen zum Radeln zu bewegen – und sich dafür mit wütenden Autofahrern anzulegen. Man müsse die Voraussetzungen dafür schaffen, dass es ganz normal und komfortabel ist, das Rad für die täglichen Wege in der Stadt zu nutzen, meint die 56-Jährige. Und dazu gehöre, überall sichere Abstellmöglichkeiten vorzufinden.

Nicht etwa nur die Standard-Bügel, sondern auch Abstell-Boxen, kleine Garagen, die man abschließen kann – und in denen auch hochwertige E-Bikes Platz finden und große Lastenfahrräder, in die so viel hineinpasst wie in einen Kofferraum. Gerade für Mieter in der Kernstadt, die keine eigene Garage haben, wäre das wichtig, sagt Schöggl, die selbst ein Rad mit Elektroantrieb hat. Mit 25 Kilo sei es zu schwer, um es immer erst aus dem Keller hochwuchten zu müssen.

Mit selbstgemachten Topflappen Fahrradgaragen finanzieren

Claudia Schöggl, die nach eigenen Angaben viele Jahre lang im öffentlichen Dienst bei der Stadt Stuttgart gearbeitet hat, will jedenfalls nicht warten, bis Behörden und Ämter dem Fahrrad den Platz geben, der ihm ihrer Meinung nach gebührt. Sie will selbst aktiv werden, vor Ort, in Waiblingen. Eine Idee hat sie schon: Sie häkelt gerne – und möchte die selbst gemachten Topflappen verkaufen, um mit den Einnahmen Fahrradgaragen zu finanzieren und sie in der Stadt aufzustellen.

Sie hat recherchiert: Auf Ebay gibt es einfache Boxen für vier Räder, sie kosten 480 Euro. Geliefert werden sie gratis. Natürlich, so fügt Schöggl hinzu, entstünden zusätzliche Kosten für das Verankern der Box im Boden. Trotzdem müsste das doch mit etwas handarbeitlichem Elan zu schaffen sein, findet sie.

Claudia Schöggls Problem: Sie wohnt erst seit vergangenem Sommer in Waiblingen und kennt nur wenige Leute. Deshalb sucht sie nun Mitstreiter zum Häkeln, Stricken, Basteln – alles fürs Fahrrad, und für den Klimaschutz, der Schöggl sehr wichtig ist. „Wir haben keine Zeit mehr“, sagt sie. Man brauche Maßnahmen. Jetzt.

Auch Verleihstationen brauchen vielleicht mal mehr Platz

Wer sie unterstützen möchte, kann sich per E-Mail an ihre eigens eingerichtete Adresse haekeln-fuers-klima@gmx.de bei Claudia Schöggl melden. Allerdings: Selbst wenn die handgemachten Topflappen aus Waiblingen genügend Geld einbringen, um eine oder mehrere Fahrradgaragen zu kaufen – sie könnten wohl nur auf privaten Grundstücken stehen.

Das Anliegen von Anwohnern, solche Boxen auf öffentlichem Straßenland in der Nähe ihrer Wohnungen zu haben, „würde uns vor Probleme stellen“, sagt Baubürgermeister Schienmann. Denn weil die Garagen zum Schutz von E-Bike und Co. abschließbar sind und damit nicht frei von allen genutzt werden könnten, würde öffentliche Fläche für privates Parken genutzt. Rechtlich sei das äußerst schwierig, erklärt Schienmann.

Anders wäre es im Fall der Stellplätze vor dem Kino, die ja weiterhin öffentlich für alle zur Verfügung stehen würden – aber eben nicht für Autos. Und auch für das Verleihsystem „RegioRad“ könnten in der Zukunft eventuelle Pkw-Plätze wegfallen, wenn der Bedarf wächst, sagt Schienmann.

Wie sieht es mit Lastenrädern aus?

Derzeit gibt es eine Verleihstation für E-Bikes am Bahnhof, dieses Jahr sollen drei weitere eingerichtet werden, in der Kernstadt, auf der Korber Höhe und in Waiblingen-Süd. „Momentan kommen wir ohne Umwidmung von Pkw-Stellplätzen aus, aber wenn das Thema Fahrt aufnimmt, ist das durchaus denkbar“, so der Baubürgermeister.

Theoretisch möglich ist laut Schienmann auch, bei neuen Baugebieten Parkflächen für die gemeinschaftliche Nutzung auszuweisen – und dort dann etwa Fahrradgaragen zu installieren. Vorgekommen sei das in Waiblingen aber noch nie.

Und was ist mit den sperrigen, aber für den Transport von Getränkekisten oder mehreren Kindern so praktischen Lastenrädern, die nicht an jeden Abstellbügel für normale Zweiräder passen? „Das wurde noch nicht an uns herangetragen, aber wenn wir da ein Problem lösen müssen, machen wir uns gerne Gedanken“, verspricht der Baubürgermeister. Lastenrad-Fahrer könnten sich also bei ihm melden – die Stadt werde sich dann „ernsthaft mit der Situation auseinandersetzen“.

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