Waiblingen Plastikmüll als Horrortrip

Entsetzen bei Jutta Pöschko-Kopp in ihrem Urlaub: An der Küste Kretas häufen sich die Müllberge. Foto: Kopp

Waiblingen. Es war ein Traumurlaub mit blauem Meer und sonnenverwöhnten Stränden. Das Mittelmeer lag wie aus dem Bilderbuch vor uns, als wir an diesem Tag Ende Oktober an der Küste Kretas entlangfuhren. Und dann diese Bucht. Verschmutzt, vermüllt, versaut. Plastikflaschen, Folien und Fetzen, so weit das Auge reichte. Plötzlich bekam unser Selbstversuch der vergangenen Wochen eine ganz neue Bedeutung. Wie Plastikmüll zum Horrortrip werden kann.


Im Podcast "Die Woche" hat Jutta Pöschko-Kopp mit Liviana Jansen über ihren Selbstversuch gesprochen. Hören Sie die Folge jetzt auf iTunes, bei Spotify oder hier.


Seit gut zwei Monaten versuchen wir, unseren alltäglichen Verpackungsmüll zu reduzieren. Wir vermeiden Folienverpackungen, Plastiktüten, Tetrapacks und Einwegflaschen, Obst und Gemüse kaufen wir nur noch offen ein, tabu sind Plastikschalen aus dem Discounter und dem Supermarkt. Die Meersalzbutter im Plastikbecher wurde gestrichen. Milch und Sahne kaufen wir im Glas, das Duschgel ist einem Stück Seife gewichen. Und selbst das Shampoo kommt bei uns nicht mehr aus der Flasche, sondern wird am Stück gekauft. Den Inhalt unserer Gelben Tonne haben wir inzwischen halbiert.

Trotzdem haben wir immer gewusst: Mit unserem privaten Selbstversuch allein werden die Meere nicht zu retten sein. Auch wenn wir Plastiktüten verweigern und beim Einkaufen entschlossen unsere Tupperdose auf die Theke stellen, spült irgendwo anders das Meer Müllberge an einen Strand, verhungern Fische und Vögel mit Mägen voller Plastik. Wir wissen: Mikroplastik findet sich nicht nur in der Kosmetik, sondern auch im Kompost. Und mittlerweile auch im menschlichen Körper.

Der Müll von Flussmündungen wird ins Meer getrieben

Doch auf den Anblick der Müllberge in unserem Urlaubsparadies auf Kreta waren wir nicht gefasst. So viel Abfälle nicht irgendwo weit weg in einem Schwellenland, sondern direkt vor unserer Haustür. Das Plastikproblem ist bei uns angekommen – wo immer auch der Unrat in die See gekippt wird. Tatsächlich stammt der größte Teil des Plastikmülls in den Meeren nicht aus Europa, sondern aus Asien, sagt Professor Martin Kranert von der Uni Stuttgart, Lehrstuhlinhaber für Abfallwirtschaft und Abluft. Die Gründe dafür seien vielfältig: Plastikabfälle aus der Fischerei wie Fischkisten und Eimer gehen über Bord und landen größtenteils auf dem Meeresboden. Dazu kommen absichtlich entsorgte Abfälle aus den Schiffsbetrieben und Müll an Stränden und Flussmündungen, der ins Meer getrieben wird. Und mit dem Wind möglicherweise irgendwann in einer wunderschönen Bucht auf Kreta landet.

Littering nennt sich diese Art der illegalen Abfallbeseitigung, die es natürlich auch bei uns gibt. Für Martin Kranert ist dabei nicht so sehr der Kunststoff das Problem, der im Prinzip problemlos verbrannt werden könne. Das Problem sei vielmehr die illegale Entsorgung, über die der Plastikmüll in der Umwelt landet. „Aber auch in den Schwellenländern tut sich was“, versichert Kranert. In Kenia etwa seien Plastiktüten verboten worden. Und nicht zu vergessen sei, dass Deutschland auch in diesem Punkt ein Vorbild für diese Länder sei: „Auch da kann man das Umweltbewusstsein voranbringen. Wir können es aber nicht verordnen.“

Dabei wissen noch nicht einmal wir, was wir mit unserem Lebensstil auslösen. Jüngst hat die EU ein Verbot von Einwegartikeln aus Plastik beschlossen, das ab 2021 gelten soll. Gleichzeitig stehen in den Drogerieregalen aber Peelings und Zahnpasta, die extra mit – nicht abbaubarem – Mikroplastik angereichert sind: Kunststoffpartikel, von denen dem Professor zufolge noch niemand weiß, was sie anrichten. Sicher ist für Kranert allerdings, dass sie unsinnig und gut verzichtbar sind: „Ich gehe davon aus, dass sie in wenigen Jahren nicht mehr erlaubt sind.“

Sekundäres Mikroplastik zu vermeiden ist schwer

Weit schwieriger wird es werden, das sogenannte sekundäre Mikroplastik zu vermeiden. Der weitaus größte Teil davon geht derzeit auf Reifenabriebe zurück und wird jeden Tag über die ganze Welt verteilt. Einer Untersuchung der Fraunhofer-Gesellschaft zufolge führen aber selbst Schuhsohlen- und Fahrradreifenabrieb zu Mikroplastik in der Umwelt. Dazu kommt Mikroplastik aus falsch entsorgten Plastikteilen in der Biotonne, die im Kompost landen. 90 bis 99 Prozent davon werden laut Kranert bei der Kompostherstellung rausgefiltert – der Rest bliebt drin und wird auf unseren Feldern und Gärten verteilt. Noch gebe es auch hier keine belastbaren Aussagen, wie gefährlich sie sind. So lange will Martin Kranert nicht warten, das Thema Plastikmüll dürfe nicht auf die Frage seiner Gefährlichkeit reduziert werden: „Muss alles gefährlich oder gar tödlich sein, um es zu vermeiden?“, fragt er. Reiche es nicht, dass etwas unsinnig oder unschön ist, um es zu vermeiden? „Wir müssen prüfen, was an Verpackungen tatsächlich gebraucht wird“, fordert er. Plastiktüten seien unnötig, ebenso Folien für Bananen, Äpfel und Gurken. Für viele Kunststoffe gebe es bessere Alternativen.

Die Lösungsansätze

Damit die tatsächlich notwendigen Verpackungen wie Kanister und Flaschen nicht in der Umwelt landen, fordert der Wissenschaftler Pfandsysteme - überzeugt davon, dass dann keine achtlos weggeworfenen Behälter mehr im Meer zu finden sein werden: Die meisten Konsumenten würden sie nicht mehr wegwerfen – und wenn doch, gäbe es andere, die sie einsammeln und abgeben würden. Darüber hinaus fordert Kranert Kunststoff-Material, das gespült, mehrfach benutzt und am Ende recycelt werden kann. Der Restmüll solle verbrannt und damit energetisch genutzt werden.

Klar ist aber auch: Plastik, das gar nicht erst produziert wird, muss auch nicht entsorgt werden. Womit wir wieder bei unserem Selbstversuch wären. Verpackungsmüll zu vermeiden und Plastik zu sparen, ist für uns noch immer der richtige Weg. Obwohl oder gerade weil wir an einem Strand in Kreta im Müll fast untergegangen wären.


400 Euro für eine Zigarettenkippe

Auch im Urlaub auf Kreta haben wir unseren Selbstversuch fortgesetzt. Auf einem Spaziergang in der Nähe unseres Hotels haben wir Plastikflaschen und Folien gesammelt, wobei an dieser Stelle ausdrücklich gesagt sei, dass es sich nicht um die Bucht auf dem Foto handelte.

Ohnehin waren die Strände direkt bei den großen Hotels sehr sauber. Dafür sorgen nach Angaben von Hotelmanager George Baxevanis die Hoteldirektionen, die sich den Kampf gegen den Plastikmüll in den vergangenen Jahren auf die Fahnen geschrieben hätten. In den Hotels und am Strand werde der Müll getrennt, die Becher und Strohhalme für die Getränke am Pool seien nicht aus Plastik, sondern aus Pappe und abbaubar. Jeden Morgen um 7 Uhr sei ein Mitarbeiter damit beschäftigt, Abfälle und Zigarettenkippen am Strand einzusammeln.

„Wir sind ein Touristikland“, sagt der Hotelmanager. Aus diesem Grund würden auch die Hauptstraßen gereinigt. Personen, die von der Polizei dabei erwischt werden, dass sie Müll oder Kippen durchs Autofenster werfen, würden mit einer Geldstrafe von 400 Euro bestraft.

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