Waiblingen Plastikmüll: Hoffnung ist in Sicht

Symbolbild. Foto: Schneider/ZVW

Waiblingen. Plastikflaschen und Folien, Tüten, Tetrapacks und Tiegel: In den Geschäften, in unseren Kühlschränken und Badezimmern scheinen wir an Plastikverpackungen nur schwer vorbeizukommen. Doch es tut sich was: Immer mehr reagieren Politik, Wirtschaft und Handel auf das riesige Problem des Plastikmülls. Im siebten und letzten Teil dieser Serie geht es um Ausblicke und Ansätze, die Mut machen. Um die Firma Rosenrot zum Beispiel, die es beim Landespreis für junge Unternehmen jetzt in die Top Ten geschafft hat.

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Fotos von Müllhalden auf dem Meeresboden schockieren viele – Karin Ziesmer (54) haben sie im Jahr 2014 zum Tüfteln gebracht. Sie wollte Shampoos ohne lästige Plastikflaschen entwickeln. Nach etlichen Versuchen schaffte sie es, in ihrem neun Quadratmeter großen Keller sogenannte Shampoo-Bits herzustellen. Die kleinen handlichen Shampoo-Stücke ohne Konservierungsmittel, Parabene, Mineralöle und Silikone beruhen auf einem Tensid auf Kokosbasis, sind biologisch abbaubar und kommen ganz ohne Plastik aus.

Die Idee schlug ein. Heute produziert Karin Ziesmer mit 15 Mitarbeitern in ihrer inzwischen rund 700 Quadratmeter großen Manufaktur in Heilbronn täglich 3000 bis 5000 Shampoo-Bits. Da jedes der wohlriechenden Shampoostücke zwei bis drei Shampooflaschen ersetzt, werden damit jeden Tag bis zu 15 000 Plastikflaschen eingespart. Dabei weiß die Unternehmerin: Der Ökogedanke allein bringt noch keinen Erfolg: „Ich habe eine Marke etabliert und ein innovatives Produkt kreiert, das nicht nur Plastik spart und öko ist, sondern auch noch tolle Haare macht“, ist sie überzeugt.

Flüssiges Shampoo war gestern

Zu ihrem Verkaufsschlager kommen Pflegeprodukte wie festes Duschgel (sogenannte Showerbits), feste Conditioner, Körpercremes und Masken, die weitere Tausende von Plastikflaschen überflüssig machen, außerdem werden in der Rosenrot-Manufaktur feine Bio-Seifen produziert. Ihre Produkte haben mittlerweile nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Frankreich und der Schweiz einen festen Kundenstamm.

„Wir machen alles von Hand“, sagt Karin Ziesmer. Tatsächlich erinnern ihre Räume an eine Backstube, in der liebevoll kleine Kuchen gerührt, geformt und gebacken werden. Wobei Ziesmers Produkte nicht gebacken werden, manche werden aber warm verpackt und dürfen reifen. 450 verschiedene Rohstoffe werden verarbeitet, vor Ort 22 Pflanzenextrakte hergestellt. An sechs Tagen in der Woche arbeitet sie selbst begeistert mit, rührt Seifen an und tüftelt an neuen Produkten.

Ausgebildete Naturkosmetikerin und Seifensiederin

Dass sie gerade mit Naturkosmetik eines Tages so erfolgreich werden würde, hätte die 54-Jährige wohl selbst nicht gedacht. Nach Studienabschlüssen in Betriebswirtschaft und Sozialpädagogik arbeitete Ziesmer beim Jugendamt in der Familienhilfe, bis sie ein Burn-out zum Ausstieg zwang. „Die Arbeit hat mich aufgefressen“, sagt sie heute. Sie nahm sich eine Auszeit und entschied sich dann, ihr Interesse für Umwelt, Öko- und Gesundheitsthemen zum Beruf zu machen. „Ich wollte was machen, was Spaß macht“, sagt sie heute. Ziesmer, bekennendes Greenpeace-Mitglied und Vegetarierin, ließ sich zur Kosmetikerin, Naturkosmetikerin und Seifensiederin aus- und weiterbilden. „Ich mag vom Fach sein, und ich will wissen, was ich tue“, erklärt sie. Das tut sie dann aber auch mit Ehrgeiz und großer Leidenschaft. Klar, dass sie sich auch über den Landespreis gefreut hat, der sie in ihrer Arbeit bestätigt hat. Die andere Bestätigung sind volle Auftragsbücher: Was mit einem Verkauf auf Märkten begann, ist heute ein florierendes Unternehmen.

Kompostierbares Plastik aus Zucker

Dass die Verbraucher neue Produkte ohne Chichi und Verpackung wollen, ist wohl auch einem neuen, noch vagen Gefühl geschuldet, dass wir so nicht weitermachen können. Dies ist offenbar auch in der Industrie und in der Forschung angekommen. Ein Unternehmen in den Niederlanden hat kompostierbare Verpackungen aus Bioplastik entwickelt, die mittlerweile in vielen holländischen Supermärkten zu finden sind. Statt aus normalem Plastik sind die Verpackungen zu 100 Prozent aus Zucker und Milchsäure gemacht. Nach Gebrauch wandern sie in die Biotonne. In Deutschland sind diese Verpackungen noch verboten, weil die deutsche Verpackungsverordnung Bioplastik nicht in die Biotonne lässt. Das Kompostieren von Bioplastik dauert etwa zwölf Wochen und damit fast doppelt so lang wie bei anderem organischen Abfall. Dazu kommt: Die Verpackungen aus Zucker sind drei bis vier Cent teurer als normales Plastik. Eigentlich wenig, wenn man bedenkt, wie teuer uns der Plastikmüll in den Meeren kommt.

Biokunststoffe von der Uni Hohenheim

Einen anderen Ansatz verfolgt derzeit die Uni Hohenheim. Auf Plastik vom Acker setzt dort die Forscherin Professorin Andrea Kruse. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie auf der Versuchsstation „Unterer Lindenhof“ ein Bioraffinerie-Technikum errichtet, das erstmals in einem Prozess aus Chinaschilf ein Ausgangsprodukt für Biokunststoffe herstellt. Die Wissenschaftlerin arbeitet seit Jahren daran, aus Biomasse sogenannte Plattformchemikalien der Bioökonomie herzustellen. Aus einer dieser Chemikalien kann man Getränkeflaschen (PEF), Lebensmittelverpackungen, Fasern für Autositze, Nylon für Strümpfe, Sportbekleidung oder Autoteile herstellen. Kompostierbar ist PEF nicht, dennoch könne der recycelbare Stoff ein Beitrag zur Vermeidung von Plastikmüll sein, meint Kruses wissenschaftlicher Mitarbeiter Markus Götz: In einer normalen PET-Flasche entweiche mit der Zeit die Kohlensäure durch den Kunststoff. Weil eine PEF-Flasche andere Eigenschaften habe, bleibe das Wasser länger spritzig. „Dies können Sie nutzen, um bei gleichbleibender Dicke des Verpackungsmaterials bessere Barrieren für Lebensmittel zu erhalten oder um bei gleichbleibenden Eigenschaften Material einzusparen“, so Götz. So könnten zum Beispiel dünnere Verpackungsfolien verwendet werden. Derweil hat vor einigen Tagen ein anderes Forscherteam seine Arbeit aufgenommen: In der Bucht von San Francisco soll ein riesiger Müllfänger den Plastikmüll vom Meeresboden fischen.

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