Waiblingen Regionalzug evakuiert: Viele offene Fragen

Die Bundespolizei hat die Ermittlungen wegen des Verdachts der Gefährdung des Bahnverkehrs und fahrlässiger Körperverletzung aufgenommen. Foto: Benjamin Beytekin

Waiblingen.
Der Bahnhof Waiblingen war am frühen Donnerstagmorgen stundenlang komplett gesperrt. Es kam zu Verspätungen und Ausfällen auch bei den S-Bahn-Linien (S 2 und S 3). Sirenen von Krankenwagen und Feuerwehr heulten. Was war da los?

Fahrgäste des Regionalexpresses 90 von Stuttgart nach Nürnberg hatten gegen 5 Uhr an der Zugwand aufsteigenden Rauch entdeckt und einen Notruf abgesetzt. Der Lokführer stoppte im nächstliegenden Bahnhof: Das war Waiblingen. „Schließlich wurden uns auch Flammen gemeldet“, sagt Jürgen Aldinger. Der stellvertretende Kommandant der Feuerwehr Waiblingen eilte mit einem 26-köpfigen Löschzug zum Bahnhof.

Feuerwehr suchte den Zug mit einer Wärmebildkamera ab

Die rund 15 Fahrgäste räumten schnell den Zug. Für einen Rollstuhlfahrer wurde es brenzlig. Zwei auf dem Arbeitsweg befindliche Mitarbeiter der Deutschen Bahn halfen ihm, kamen dabei aber „in unmittelbaren Kontakt mit dem Rauch“ und mussten deshalb laut Bundespolizei medizinisch behandelt werden. Weitere Verletzte gab es zum Glück nicht.

„Als wir ankamen, war der Zug bereits geräumt, und offene Flammen waren nicht zu sehen“, sagt Jürgen Aldinger. Schnell wurde klar, dass Rauch und womöglich Funken im Bereich eines Bremsenstellwerks des RE 90 entstanden waren. „Wir suchten mit einer Wärmebildkamera den Bereich und den restlichen Zug ab, konnten aber keinen Brandherd, Glutnester oder Ähnliches entdecken. Vielleicht hatte sich Bremsstaub entzündet. Die betroffene Bremse hatte laut Wärmebildkamera noch eine Temperatur von rund 220 Grad.“ Nach derzeitigem Kenntnisstand saß die Bremse fest, wodurch Reibungskräfte gewirkt hatten und sich dadurch Rauch entwickelt hatte. Die Bundespolizei hat Ermittlungen aufgenommen. Es bestehe der Verdacht auf Gefährdung des Bahnverkehrs und eventuell auch der Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung.

Ermittlungen gegen wen? „Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagt Sebastian Maus, Pressesprecher der Bundespolizei-Inspektion Stuttgart. So stellt sich vor allem die Frage, warum die Bremse feststeckte, ob ein Material- oder Wartungsfehler ursächlich gewesen sein und wer dann dafür verantwortlich sein könnte.

Bahnsprecher: „Go-Ahead ist zuständig“

Beim betreffenden RE 90 ist ziemlich altes Zugmaterial im Einsatz: sogenannte n-Wagen, ehemals „Silberlinge“, heute rot lackiert. Zugverkehrsbetreiber ist Go-Ahead. Züge dieses Typus hat aber auch die Deutsche Bahn AG noch im Einsatz. Nach verschiedenen Schätzungen über 250. Der Stuttgarter DB-Sprecher Michael Greschniok winkt ab: „Wir haben mit diesem Vorfall gar nichts zu tun. Go-Ahead ist zuständig. Wir waren nur mit zwei Notfallmanagern vor Ort in Waiblingen, weil es unser Schienennetz ist und wir die Gefährdungslage abschätzen mussten.“ Die im Einsatz befindlichen n-Wagen der DB AG würden jedenfalls regelmäßig gewartet, so Greschniok.

Erik Bethkenhagen, Pressesprecher von Go-Ahead, erläutert: „Es handelte sich um eine feste Bremse am Steuerwagen des Zuges, die zu starker Rauchentwicklung führte.“ Bethkenhagen widerspricht Aussagen, es habe gebrannt. Auf der Strecke Stuttgart–Nürnberg habe Go-Ahead rund 20 Wagen der Baujahre 1975 bis 1995 in Betrieb. Das seien „normale Nahverkehrswagen“.

„Volle Bremsprüfung vor Abfahrt ohne Beanstandung ausgeführt“

Vor der Abfahrt des betroffenen Zuges am frühen Donnerstagmorgen sei im Stuttgarter Hauptbahnhof „die vorgeschriebene volle Bremsprüfung ausgeführt“ worden. Bei der Prüfung habe es keine Beanstandungen gegeben, sagt Bethkenhagen. „Ansonsten werden die Bremsen turnusgemäß untersucht. Die geschieht in verschiedenen zugelassenen Werkstätten. Bremsstörungen kommen bei der Bahn sehr selten vor.“

Der betroffene Wagen sei ausgetauscht worden und werde nun in einer Werkstatt „genauestens untersucht“. – „Diese weiteren Untersuchungen müssen abgewartet werden“, bevor weitergehende Auskünfte erteilt werden könnten, so Bethkenhagen

Immer wieder Brände wegen festsitzender Zugbremsen

Festsitzende Zugbremsen und dadurch entstehendes Ungemach sind jedoch gar nicht selten:

  • Im September 2016 Feuerwehr-Großeinsatz im Bahnhof Mellrichstadt in der Rhön „wegen eines Brandes“ am Regionalexpress Erfurt–Würzburg. „Eine festsitzende Bremse im zweiten Drehgestell des ersten Wagens stellte sich als Ursache des Qualms heraus“, berichtete die Main-Post. Dieser Regionalexpress wurde und wird von der DB AG betrieben und fuhr damals sehr wahrscheinlich mit Dieseltriebwagen der Baureihe 612 und ... „verkehrsrotem n-Wagen-Material“ – das ist retrospektiv nicht mehr hundertprozentig sicher zu rekonstruieren.
  • Im Januar 2015 blieb eine Regionalbahn, ein sogenannter Heidesprinter der Firma Erixx GmbH, auf dem Weg von Buchholz nach Hannover zwischen den Bahnhöfen Langenhagen-Mitte und Vinnhorst liegen. „Eine festsitzende Bremse war nach Auskunft der Feuerwehr der Grund dafür“, so die Hannoversche Allgemeine.
  • Im Juni 2011 Qualm-Entwicklung wegen einer festsitzenden Bremse eines Regionalexpresses von Hamburg nach Rostock mit Dosto07-Wagenmaterial des Herstellers Bombardier. „Die Deutsche Bahn räumte den Zug am Sonntagabend im Bahnhof Schwarzenbek“, so die Hessische Niedersächsische Allgemeine (HNA).

Ansonsten lösen vor allem festsitzende Güterzug-Bremsen immer wieder Böschungsbrände aus. Bekannt gewordene Fälle 2019:

  • Am 16. April brannte deshalb ein Bahndamm auf der Strecke zwischen Schwallungen und Meiningen in Thüringen.
  • Am 22. April gerieten vier Kilometer Böschung bei Leverkusen in Brand.
  • Am 2. Juni Böschungsbrände an der Bahnstrecke zwischen Falkenberg (Elbe-Elster) und Annaburg in Sachsen-Anhalt.
  • Am 26. Juni Böschungsbrände im Kreis Schwäbisch Hall. Zwischen Gaildorf und Fichtenberg brannte es an drei Stellen auf einer Fläche von insgesamt 400 Quadratmetern.
  • Im September 2019 musste ein Abschnitt der ICE-Strecke Erfurt–Nürnberg zwischen Hirschaid und Forchheim stundenlang gesperrt werden. Und auch hier: „Wegen einer heißgelaufenen oder festsitzenden Bremse“ eines Güterzuges „flogen Funken und setzten trockenes Gras“ an Böschungen in Brand, so der MDR.
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