Waiblingen Rektor beklagt „unsinniges Schul-Hopping“

In der Klasse mit Lehrerin Sabrina Roth an der Staufer-Realschule: In den Stufen fünf und sechs wird ausschließlich auf Realschul-Niveau unterrichtet. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen.
Mit dem März kommt die Zeit der Schulanmeldungen – für die Schulen im Land sind es Tage und Wochen voller abstruser Rechenübungen, wie sie nur eine verquere Schulpolitik erzeugen kann. Die Lehrer leiden darunter, der Unterricht – aber ganz besonders die Schüler, die schon früh Frustration und Scheitern erleben müssen. Schulwechsel en masse sind die Folge.

Axel Rybak, Leiter der Waiblinger Staufer-Realschule, beklagt ein „unsinniges Schul-Hopping“, das sich an zwei Zahlen eindrucksvoll festmachen lässt: Seine Schule startet in der fünften Klasse mit zwei Klassen, aber bis zur neunten schwillt sie auf fünf Klassen an. Warum? Ein breiter Strom gescheiterter Gymnasiasten kommt von Schuljahr zu Schuljahr hinzu. Rechnerisch pro Jahr eine ganze Klasse. Der Grund dafür liegt für Axel Rybak und seine Kollegen aus dem Vorstand der AG der Realschulrektoren Baden-Württemberg auf der Hand.

Ein Fehler: Es gibt keine Haupt- oder Werkrealschulen mehr

Ursprung allen Übels ist aus ihrer Sicht die Unverbindlichkeit der Grundschul-Empfehlung. Das heißt, die Eltern bekommen in der vierten Klasse der Grundschule zwar eine Einschätzung, welche Schulart für das Kind geeignet wäre – aber die wird ignoriert. Seit zwei Jahren immerhin müssen Eltern die Grundschul-Empfehlung bei der Anmeldung für die weiterführende Schule wieder mitbringen.

Seitdem ist offensichtlich, was die Lehrer davor nur ahnen konnten: Fast die Hälfte der Anmeldungen für die Staufer-Realschule basiert auf Empfehlungen für die Gemeinschaftsschule beziehungsweise Werkrealschule. Bei abweichender Empfehlung versucht der Rektor die Familien zwar in Einzelgesprächen umzustimmen, aber nicht ein einziges dieser Gespräche zum Schuljahr 2019/2020 führte zum Erfolg.

Zur Begründung führten Eltern unter anderem an, ihr Kind möchte auf die gleiche Schule gehen wie seine Freunde. Das kann kein Grund sein, hält der Pädagoge dagegen: „Schon nach wenigen Tagen haben die Schüler neue Freunde.“

In ein und derselben Klasse unterschiedliche Klassenarbeiten ausgeteilt

Trotz der imposanten Zahlen leidet die Realschule nicht nur unter dem Zustrom der Gymnasiasten. Diese, so die Erfahrung von Axel Rybak, akklimatisieren sich schnell im neuen, leistungsmäßig passenden Umfeld und lernen dank neuer Erfolgserlebnisse wieder motivierter.

Anders die Schüler mit Empfehlungen für die Hauptschule und Werkrealschule. Viele davon quälen sich durch die fünfte und sechste Klasse. Von Klasse sieben an können Realschulen immerhin auf zwei unterschiedlichen Niveaus unterrichten: dem mittleren, der klassischen Realschule entsprechenden N-Niveau sowie dem grundlegenden, der Werkrealschule entsprechenden G-Niveau.

Viele Realschulen wie die Staufer-Realschulen führen von der Klasse sieben an sogar separate G-Klassen – quasi Hauptschulklassen in der Realschule. Andere Realschulen unterrichten G- und M-Schüler gemeinsam, was zur Folge hat, dass in ein und derselben Klasse unterschiedliche Klassenarbeiten ausgeteilt werden.

Die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschul-Empfehlung wäre wünschenswert

Nächster Haken: Nach aktuellem Stand darf in den Klassen fünf und sechs nur auf M-Niveau unterrichtet werden. Durch diese beiden harten Jahre, so glauben viele Eltern, müssen ihre Kinder es mit Anstrengung und Ach und Krach schaffen, um dann das rettende Ufer der G-Klasse zu erreichen.

Schon bei der Schulanmeldung lautet das Ziel nicht Mittlere Reife, sondern Hauptschulabschluss. Falsche Vorstellungen von der Gemeinschaftsschule mögen dabei eine Rolle spielen, Tatsache ist aber auch: Die Gemeinschaftsschule ist die einzige Schulart, die in Klasse fünf und sechs überhaupt das G-Niveau anbietet. Hauptschulen und Werkrealschulen gibt es im Raum Waiblingen nicht mehr. Axel Rybak: „Ein entscheidender Fehler der regionalen Schulentwicklung.“

Auf der anderen Seite kämpfen Gemeinschaftsschulen um Schüler mit Realschul- und Gymnasialempfehlung. Die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschul-Empfehlung hält Rybak für wünschenswert, jedoch politisch eher für unrealistisch. Organisatorisch hätten die Realschulen es aus seiner Sicht etwas leichter, wenn gesichert wäre, dass sie zuverlässig separate G-Klassen bilden dürfen. Eltern, die ihr Kind entgegen der Empfehlung aufs Gymnasium zwingen wollen, hält er entgegen, dass ein Realschulabschluss viele Möglichkeiten bietet - und mancher Handwerker besser verdient als Akademiker: „Weder Glück noch Geld sind ans Abitur gebunden.“ Und es gibt Umwege: Rybak selbst war Realschüler und wollte schon nach der neunten Klasse aufhören. Auf Rat eines Lehrers machte er weiter.

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