Waiblingen Remshexen aus dem Wasser

Waiblingen. Bahn frei für die Remshexen: Bis zum Aschermittwoch sind sie wieder zurück auf der Fasnetsbühne. Am Dreikönigstag haben sie ihr Comeback in Waiblingen groß gefeiert.

Wo bleiben sie denn? Es wird ihnen doch nichts zugestoßen sein?, so fragt sich mancher in der Menge, die sich an der Brücke beim Bürgerzentrum versammelt hat. Doch nach wenigen Minuten hat das bange Warten an der Rems ein Ende. Zwei Gestalten sind in der Flussmitte zu erkennen, Beifall brandet auf. Er gilt den sehnlichst erwarteten Hexen, die sich am Dreikönigstag um kurz nach 18.30 Uhr durch den Schlamm kämpfen.

Das Hexenauftauchen ist ein großer Moment im Waiblinger Faschingskalender, und gut 200 Menschen sind dabei. Die malerische Kulisse – hell strahlt der Beinsteiner Turm im Hintergrund – trägt zur guten Stimmung der Hexen und ihrer Fans bei. „Wir freuen uns riesig auf unser Auftauchen aus der Rems und auf eine kurze, aber knackige Kampagne“, so hatten die grün, gelb und schwarz gekleideten Remshexen zuvor schon auf Facebook gepostet.

„Wir schlafen tags und toben nachts“

Mehr als zehn Monate waren die Hexen verbannt, hatten sich nach dem Abtauchen am Aschermittwoch unter den Kieseln der Rems versteckt, sich von Plankton und Fischen ernährt. Manche sind noch schlaftrunken – sie werden von den Kindern aus ihren Verstecken in den umliegenden Gebüschen geholt und dann über die Brücke geleitet. „D’Remshäxa send haußa“, heißt es im Jubel. Und damit beginnt wieder die fünfte Jahreszeit. „Mir schlofat tags ond tobat nachts“, lautet der Schlachtruf. Mit lautstarker Musik zieht der große Zug der 1. Waiblinger Faschingsgesellschaft auf. Deren Präsident Dieter Streitenberger, ein gebürtiger Franke, ist sichtlich stolz auf seine Leute, die das Brauchtum so engagiert pflegen. Jedes Jahr werden es mehr, sagt er.

Auch viele Passanten schauen neugierig zu. Ein bisschen ängstlich blickt die vierjährige Milly auf das Treiben, aber ihren jungen Eltern gefällt’s. Auch der „Neidkopf“, die liebevoll gestaltete Symbolfigur der Remshexen, wird allseits bestaunt. Zunftmeister Benjamin Stein ist gut gelaunt: „Ich freue mich, dass es wieder losgeht. Ich hab zwar mit den Umzügen viel G’schäft, aber mach’ es gern.“ Und wie steht der Waiblinger zum Fasching? „Ich bin kein Waiblinger“, entgegnet der 35-Jährige mit einem Lachen. Freimütig bekennt er: „Wir sind in einem schweren Gebiet. Es kann hier nicht jeder was mit der Fasnet anfangen. Aber diejenigen, die Spaß haben, haben richtig Spaß.“ Und so hegt er die Hoffnung, dass es mit der Fasnet hier „noch besser“ wird.

Hexentaufe sorgt für Heiterkeit

Die Feier wird dann in den Schlosskeller am Marktplatz verlegt, wo die „Woiblenger Ohrawusler“ den Faschingsfreunden mit ihrer Guggamusik einheizen. So kräftig blasen sie in ihre Trompeten, dass ein fürsorglicher Vater seinem kleinen Sohn Ohrenschützer verpasst. Bei Schnitzelwecken, Glühwein und Weizenbier wird die Sause fortgesetzt: Neue Hexen grüßen von der Bühne, Vertreter des Patenvereins aus Hohenacker werden vorgestellt, Hexenbesen erhalten mit priesterlichem Segen ihre Taufe – Glitziglitz, Lieselotte, Bagna-Ragna, Paules Copilot oder Space Hopper heißen sie. Als die Hexendarsteller Gary und Martin mit Hüpfballons die Bühne stürmen, johlt es im Gewölbe. Für Heiterkeit sorgt auch die „Hexataufe“, bei der in vollem Häs mit dicken Handschuhen Schuhbändel entfernt werden müssen.

Die Rems-Hexen traten 1984 erstmals in der Öffentlichkeit auf. Heute sind die Remshexen eine gemischte Gruppe von derzeit 90 Aktiven. Am Aschermittwoch wird das Häs wieder eingemottet, aber man bleibt trotzdem zusammen - die Walpurgisnacht bietet eine neue Bühne. Für Hexen gibt es eben immer was zu tun.


Hexengeschichte

Vorläufer der heutigen Hexenfiguren sind schon aus dem Mittelalter überliefert: Männer in Frauenkleidern, gewissermaßen Symbole für eine verkehrte Welt. Die älteste erhaltene Maske einer Hexenfigur stammt aus Tirol, vermutlich aus dem 18. Jahrhundert.

Als älteste Fastnachtshexen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht mit den heute üblichen Masken gelten Figuren aus der Ortenau sowie aus dem Hochschwarzwald, die dort Mitte der 1930er Jahre eingeführt wurden.

Hexenfiguren sind, wohl aufgrund ihres wenig reglementiert erscheinenden, wilden Verhaltens bei Narrensprüngen bei den Narren und beim Publikum gleichermaßen beliebt. Die Fastnachtshexenfiguren heutiger Prägung gehen wohl auf die aus Märchen bekannten Hexen zurück.

Der „Neidkopf“, Symbol der Waiblinger Remshexen, ist eine Fratze, die an Mauern, Türen oder Giebeln von Gebäuden angebracht ist. Der Begriff stammt vom althochdeutschen Wort „Nid“ ab: Hass, Zorn oder Neid.

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