Waiblingen Schlechte Luft auch in Waiblingen

Waiblingen. Die dicke Luft im Stuttgarter Kessel hat bundesweit Berühmtheit. Wenig bekannt sind Feinstaub- und Stickoxid-Werte in Waiblingen. Einige inoffizielle Messungen legen erwartungsgemäß nahe, dass es sich um alles andere als einen Luftkurort handelt. Die verkehrsbedingte Belastung mit Stickoxid scheint ein Problem zu sein.

Von Dienstag bis Donnerstag dieser Woche wurde an einer Messstation in Waiblingen der zulässige Grenzwert für Feinstaub fast dauerhaft überschritten. Je nach Zeitpunkt wurden sogar Werte von mehr als 90 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft registriert. Erlaubt sind laut EU-Richtlinie jährlich 35 Tage mit Mittelwerten über 50 Mikrogramm. Sofort Feinstaub-Alarm auszulösen, wäre verfrüht, denn richtig verlässlich, geschweige denn gerichtsfest, sind diese Daten, noch gibt es eine Aussage über die Zahl der Überschreitungstage. Aber: Die Messungen können ein Fingerzeig sein – zumal seit Jahren praktisch keine Zahlen über die Luftqualität in Waiblingen erhoben wurden.

Im Frühjahr hatte ein Dutzend Bürger bei einem Workshop des Grünen-Ortsverbandes unter Anleitung von einem Mitarbeiter des Stuttgarter OK-Labs Feinstaub-Sensoren gebastelt. Mit dabei ALi-Stadträtin Iris Förster, von deren Station unweit von Friedhof und Alter Bundesstraße die obigen Werte stammen. Das OK-Lab erhebt in einem offenen Projekt europaweit Daten zur Luftqualität, die jeder im Internet nachvollziehen kann. OK steht dabei für „open knowledge“ – also offenes beziehungsweise allen zugängliches Wissen.

Fast ein Jahr dauert das Warten auf die offiziellen Messwerte schon

„Wir wollen damit keine Konkurrenz zu offiziellen, behördlichen Messungen machen“, erläutert Jan Lutz, Leiter des Stuttgarter OK-Lab-Ablegers, die Hintergründe, „uns geht es um die Echtzeit-Daten.“ Die könnten für Menschen eine Entscheidungshilfe für den Tag geben – etwa joggen zu gehen oder lieber nicht. Gerichtsfest seien die Daten schon deshalb nicht, weil das verwendete optische Verfahren, wobei ein Laser die Luft nach Staubpartikeln abtastet, weniger exakt ist. Offizielle Messungen, aufgrund derer Behörden etwa den Verkehr einschränkende Maßnahmen ergreifen, müssen gravimetrisch erfolgen – der Feinstaub wird gewogen. Ausgegeben werden dann keine Momentaufnahmen, sondern Mittelwerte. In Braunkohle-Gebieten hätten Bürger die Daten jedoch auch schon verwendet, um ihre Argumente gegen den klimaschädigenden und luftverpestenden Abbau zu untermauern.

Über dem Grenzwert

Im Herbst beteiligte sich die ALi-Fraktion im Waiblinger Gemeinderat an einer Stickstoffdioxid-Messaktion des Südwestrundfunks. Ein Messröhrchen war 14 Tage lang an einem Straßenschild auf einer Verkehrsinsel am Alten Postplatz befestigt. Das Ergebnis: Der EU-Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Waiblingen wurden 54,9 Mikrogramm gemessen. Kein Einzelfall, denn an mehr als 21 von 200 Messpunkten im Südwesten lagen die Messwerte über dem Grenzwert. Für Iris Förster ist damit klar: „Das Thema Luftverschmutzung kann jetzt nicht mehr ignoriert werden. Hauptverursacher erhöhter Stickstoffdioxidkonzentrationen sind Verkehr und Stromversorger, die fossile Brennstoffe nutzen. In Waiblingen muss dringend etwas unternommen werden. Wir setzen uns nachdrücklich für eine Verbesserung des ÖPNV und für den Ausbau regenerativer Energien ein.“

Auswertung lässt auf sich warten

Belastbare Werte sollen endlich im Januar vorliegen und im Ratsausschuss vorgestellt werden. Vor einem Jahr hatte die Stadt durch ein Fachbüro an zwei Standorten in Neustadt und Hohenacker messen lassen. Das Warten auf die Auswertung zog sich in die Länge, denn offenbar können sich die wenigen qualifizierten Büros vor Aufträgen kaum retten. Unter Einbeziehung von Topografie, Bebauungsdichte, Verkehrsaufkommen und Windrichtungen werden aus den stationären Messwerten ganze Luftqualitäts-Karten errechnet.

Der Feinstaub dürfte nicht das Problem sein, sondern das Stickstoffdioxid. Im nahen Remseck plante das Regierungspräsidium schon einmal Lkw-Verbote. Ein ähnliches Szenario könnte auf Waiblingen zurollen. Das Regierungspräsidium müsste Maßnahmen zur Verbesserung der Luft verhängen und würde wohl zuvor selbst noch einmal messen. Bis sich etwas ändert, wird es also noch dauern.

Stickstoffdioxid

In der öffentlichen Debatte dominiert zwar das Thema Feinstaub, laut Experten bereitet Stickstoffdioxid jedoch größere Probleme. Gegenüber den 1990er Jahren konnte die Feinstaubbelastung in der Fläche nämlich erheblich reduziert werden. Überschreitungen des Tageswertes von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter werden vor allem in Ballungsräumen an verkehrsnahen Stationen festgestellt, siehe Stuttgart Neckarstraße.

Anders sieht’s beim Stickstoffdioxid aus: Die Jahresmittelwerte zeigen seit 1995 nur eine leichte Abnahme. An mehr als der Hälfte der verkehrsnahen Stationen überschreiten die gemessenen Stickstoffdioxid-Konzentrationen den seit 2010 einzuhaltenden Grenzwert. Mit zunehmender Entfernung zu verkehrsreichen Straßen verringert sich die Konzentration in der Luft. Eine Grundbelastung besteht aber auch in Wohngebieten.

Die Hauptquellen von Stickstoffoxiden sind Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle.

Stickstoffdioxid ist ein ätzendes Reizgas, es schädigt das Schleimhautgewebe im Atemtrakt und reizt die Augen. In der Folge können Atemnot, Husten, Bronchitis, Lungenödem, steigende Anfälligkeit für Atemwegsinfekte sowie Lungenfunktionsminderung auftreten. Quelle: Umweltbundesamt

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