Waiblingen Schummeleien an der Waage

Gewöhnliche Haushaltswaagen sind zwar nicht geeicht. Zu einem spontanen Wiegetest taugen sie dennoch. Unser Blitztest führte zu keinen Beanstandungen – ganz im Gegensatz zu Kontrollen des Regierungspräsidiums Tübingen im Rems-Murr-Kreis. Foto: Schneider/ZVW

Waiblingen. Falsch gewogen, Kunde betrogen: Ganz schön oft schmuggeln Verkäufer an Fleisch-, Wurst- und Käsetheken Verpackungsmaterial mit auf die Waage oder schummeln sonst wie. Rems-Murr-Betriebe benehmen sich kein bisschen besser als andere im Land – im Gegenteil.

Bußgeld und Beschwerden

In schwereren Fällen verhängt das Mess- und Eichwesen Baden-Württemberg ein Bußgeld. Strafanzeige wegen Betrugs kommt ebenfalls infrage.

2010 hat der „Eichvollzug“ in Baden-Württemberg 645 Bußgeldbescheide ausgestellt und 589 gebührenpflichtige Verwarnungen ausgesprochen.

Von bisher 80 Kontrollen dieses Jahr im Rems-Murr-Kreis beanstandeten die Prüfer 22. Während einer Schwerpunktkontrolle im Juni flogen im Rems-Murr-Kreis vier von zehn kontrollierten Betrieben als Schummler auf.

„Sensibilisiert durch die Medien, nehmen die Verbraucherbeschwerden zu“, informiert das RP Tübingen, bei dem das Mess- und Eichwesen angesiedelt ist.

Vier von zehn Kontrollen, also 40 Prozent (!), endeten jüngst mit einer Beanstandung. Damit schnitt der Rems-Murr-Kreis sehr viel schlechter ab als das Land: Im Zuge einer zweiwöchigen Kontrolle erwischte das Mess- und Eichwesen des Regierungspräsidiums (RP) Tübingen gut ein Drittel der kontrollierten Betriebe in Baden-Württemberg beim Schummeln. Pikant: Die Kontrollen waren öffentlich angekündigt.

Offenbar liest nicht jeder Metzger Zeitung. Beliebtester Beschiss an der Waage: Verpackungsmaterial wird mitgewogen, und das geht gar nicht. Der Kunde muss nur die Wurst bezahlen, nicht das Papier drum herum. Dass die Fleischereifachverkäuferinnen den Aufschnitt nicht nackt auf die Waage werfen können, gilt nicht als Entschuldigung. Jede Waage verfügt über eine Tara-Taste. Papier drauflegen, Waage auf null stellen, die Wurst wiegen und nichts als die Wurst berechnen – so wär’s korrekt.

So ein bisschen Verpackungskruscht wiegt nicht viel. Trotzdem: Selbst einer kleinen Metzgerei bringt der Verkauf von Papier einen illegalen Hinzuverdienst von mehreren Hundert Euro im Jahr ein, moniert das Regierungspräsidium. Während der Schwerpunktkontrollen im Juni waren in Baden-Württemberg „kleinere handwerkliche Unternehmen wie Metzgereien oder Feinkostläden besonders häufig zu beanstanden“.

Ach du Schreck: Zu viele Erdbeeren im Schälchen!


Unser – selbstverständlich nicht repräsentativer – Schnelltest ergab – zum Glück – ein anderes Bild: Keinen einzigen Verstoß deckte unsere Redaktionskontrolle auf. 108 Gramm Lyoner bezahlt, 108 Gramm Lyoner bekommen. Im Plastikschalen abgewogener Karotten-Sellerie-Salat mit cremig-frischer Joghurtsauce: 104 Gramm Nettogewicht, genau, wie’s auf dem Preisschild steht. Und – jetzt kommt’s: In einem Fall hat sich der Händler gar zugunsten des Kunden geirrt: Im 500-Gramm-Erdbeer-Schälchen befanden sich netto 550 (!) Gramm Erdbeeren. Keine einzige faule dabei. Das Redaktionsteam erwog, die überschüssigen 50 Gramm beschämt zurückzubringen. Doch ist bis heute die Frage nicht geklärt, ob das grüne Gestrüpp an jeder Erdbeere, da nicht essbar, vielleicht abzuziehen war?

Spaß beiseite. Sehr viele Kunden ärgern sich – zu Recht – über Gewichtsverlust. „Verbraucher wiegen ganz häufig nach“, berichtet Christiane Manthey, und bei der Verbraucherzentrale gehen jede Menge Beschwerden ein. Die Abteilungsleiterin im Fachbereich Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale rät Kunden, schon beim Wiegen im Laden aufzupassen wie ein Luchs: Benutzt die Verkäuferin die Tara-Taste – oder nicht? Im Zweifel: nachfragen. Und noch ein Tipp: Die Selbstbedienungswaagen in Supermärkten verfügen auch über solch eine Taste, oder das Gewicht der Tüte müsste schon als Minusposten voreingestellt sein. Einfach mal ausprobieren.

Schwierig wird’s, sofern der Kunde erst zu Hause auf seiner Haushaltswaage nachwiegt. Ihr fehlt’s am amtlichen Geeicht-Stempel. Wer fertig verpackte Lebensmittel nachwiegt, muss ohnehin Toleranz walten lassen: Das Gewicht muss zum Zeitpunkt des Abfüllens haargenau stimmen, erklärt Christiane Manthey. Manche Lebensmittel trocknen aber und verlieren dadurch an Gewicht: Solche Verluste muss der Kunde hinnehmen.

Schummeleien hinnehmen muss er nicht. Die Eichämter im Land – eines sitzt in Fellbach – kümmern sich drum, verspricht Dr. Markus Breymaier, Pressesprecher am RP Tübingen. Sie checken regelmäßig Waagen in Betrieben, und sie kümmern sich um Beschwerden von Privatpersonen.

Verkäufer können Vorwürfe vermeiden – indem sie ehrlich wiegen. Fürs zweite Halbjahr 2012 kündigt das RP weitere Überwachungen an.

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