Waiblingen Seit Monaten Personalnot im Kinderhaus Finkenburg

Die Kinder des Kinderhauses Finkenburg erleben häufige Wechsel des Personals. Foto: privat

Waiblingen. Dass Kitas wegen Krankheit oder Personalnot den Betrieb einschränken und Eltern ihre Kinder zu Hause betreuen müssen, kommt immer wieder vor. In einem Waiblinger Kinderhaus des renommierten privaten Trägers Element-i haben sich Notgruppen jedoch zum Dauerzustand entwickelt. Die Eltern sind verzweifelt, die Stadt verärgert.

Für viele Familien, deren Kinder die Kita Finkenburg auf der Korber Höhe besuchen, ist der Notstand zur traurigen Gewohnheit geworden: An bis zu drei Tagen die Woche müssen die Kleinen wegen Erzieherinnen-Mangels zu Hause bleiben. Eine Mutter berichtet: „Innerhalb kurzer Zeit haben viele Erzieherinnen gekündigt, einige sind schwanger geworden und verlassen den Kindergarten sofort, hinzu kommen Krankmeldungen – und schon fehlen viele Kräfte auf einmal.“ In der Folge konnte der Betreuungsschlüssel nicht mehr gehalten werden. Seit September wurden Öffnungszeiten gekürzt.

17 Erzieherinnen kündigen innerhalb eines Jahres

In einer gemeinsamen Initiative haben sich die betroffenen Eltern nun an unsere Zeitung gewandt und wollen im Artikel keine Namen (der Redaktion sind mehrere Namen bekannt) erwähnt haben, sondern ausdrücklich als „gesamte Elternschaft“ auftreten. Sie berichten von einer dramatischen Personal-Fluktuation: „Innerhalb eines Jahres haben 17 Erzieher gekündigt.“ Der private Träger bemühe sich zwar um Ersatz, aber auch die neuen Kräfte verabschiedeten sich nach kurzer Eingewöhnungszeit wieder. Die längste Beschäftigungszeit lag laut Aussage der Eltern bei zweieinhalb Jahren, die kürzeste bei nur zwei Monaten. 2014 eröffnete auf der Korber Höhe die Finkenburg, die formal 40 Plätze für Kinder über drei Jahren und 25 für Kinder unter drei Jahren bietet.

Mutter verliert neuen Job wegen der Fehltage in der Kita

Für die Familien hat der Notstand erhebliche Konsequenzen. Kinder, die viele Wechsel erleben, könnten in der Kürze kaum Bezug zu neuen Erziehern aufbauen. „Manche Kinder fangen bei dem Wort Kindergarten an zu weinen“, schreiben die Eltern. Die Ersten, die ihren Nachwuchs zu Hause lassen, sind die Familien, bei denen ein Elternteil nicht arbeitet – betroffen sind aber auch die Berufstätigen. Eine alleinerziehende Mutter, so wird berichtet, musste ihr Kind mit in die Schule nehmen. Eine andere Mama habe einen neuen Job angetreten und sei wegen der Fehltage, die durch den Notstand in der Kita bedingt waren, wieder gekündigt worden. Des Weiteren engagiere eine Familie einen Babysitter für ihren Sohn – mit zusätzlichen Kosten.

Eltern übernehmen Spätbetreuung

Einige Eltern helfen bereits aus und übernehmen die Spätbetreuung selbst mit Unterstützung eines Vereins, der Kooperationen mit Kitas anbietet. „Dadurch sind die Eltern versichert und können ohne Erzieher die Räumlichkeiten der Kita nutzen, um eine kleine Anzahl an Kindern zu betreuen.“ In der Kernöffnungszeit sei Unterstützung durch Eltern jedoch nicht erlaubt.

Eltern von Kindern unter drei Jahren erhielten zwar eine Rückerstattung bis Oktober. Ansonsten gab es bis heute keinen Ausgleich für die nicht erbrachte Leistung. Dennoch bleiben die Eltern im Schreiben durchweg sachlich und bedanken sich sogar für die Arbeit des Kita-Teams. Die Finkenburg stehe symbolisch für viele Kitas mit ihrem Fachkräftemangel.

Bürgermeisterin Dürr: „Geduldskonto aufgebraucht“

Weniger Nachsicht zeigt die Stadt: In keiner anderen der fast 40 Einrichtungen in Waiblingen gebe es Probleme vergleichbaren Ausmaßes, sagt – „sehr betroffen, fast entsetzt“ – Erste Bürgermeisterin Christiane Dürr. Seit Sommer befinde man sich in Gesprächen mit der Leitung und der Geschäftsführung des Trägers, die Verbesserungen versprächen, aber die Lage spitze sich weiter zu. „Unser Geduldskonto ist aufgebraucht.“ Wie üblich hat die Stadt den Bau des Kinderhauses erheblich subventioniert und zahlt ebenso für den laufenden Betrieb mit. Die 65 Plätze sind Teil der städtischen Bedarfsplanung für Kindertagesstätten. Nur in Einzelfällen könne die Stadt versuchen, den Familien die Hilfe des Tageselternvereins zu vermitteln.

Notgruppen-Planung nicht verlässlich

Enttäuscht ist die Stadt nicht zuletzt vom „nicht professionellen“ Krisenmanagement des Trägers. Nicht einmal die Notgruppen-Planung sei für die Eltern verlässlich. Reiner Zufall sei der Personalmangel in der Finkenburg eher nicht, einiges spricht laut Christiane Dürr für strukturelle Probleme beim Träger, etwa intransparente Führungsstrukturen. Sorge macht der Stadtverwaltung vor diesem Hintergrund auch, dass die Besitzerin der Waldmühle in Waiblingen die dort geplante Kita ebenfalls durch Element-i betreiben lassen will.


Mangel ist ein „Versäumnis der Politik“

Der private Träger Element-i beteuert ganz wie die Stadt, in keinem weiteren seiner rund 40 Kinderhäuser vergleichbare Personalprobleme zu haben. Um die geplanten Öffnungszeiten einhalten zu können, würden derzeit weitere fünf Erzieherinnen oder Erzieher in Vollzeit benötigt, wobei zwei Fachkräfte bereits unterschrieben hätten. Durch Zusammenarbeit mit anderen Häusern des Trägers werde versucht, die Öffnungszeiten soweit möglich aufrechtzuerhalten.

Die aktuelIe Lage ist nach Darstellung des Trägers dadurch entstanden, dass im Kinderhaus Finkenburg in den vergangenen Monaten gleich drei Kolleginnen in den Mutterschutz gegangen seien, was insgesamt die Teamsituation belastet habe. Daraus entwickelte sich offenbar ein negativer Kreislauf: Denn da das Kinderhaus auf einen äußerst hart umkämpften Personalmarkt treffe, gelinge es nicht immer, die besten Fachkräfte zu gewinnen. Dies führe bei den verbleibenden Teammitgliedern teilweise zu Unsicherheit und Überforderung, mit der möglichen Konsequenz weiterer Fluktuationen.

In erster Linie sei der Fachkräftemangel ein Versäumnis der Politik. Der Träger habe vor fast zehn Jahren aus diesem Grund die praxisintegrierte Ausbildung für Erzieherinnen initiiert und eigene Fachschulen gegründet, um den Personalbedarf zumindest teilweise abdecken zu können. Das Netzwerk gehöre auch zu den „Erfindern“ des Quereinstiegs. „Dazu rekrutieren wir Mitarbeiter anderer Professionen und qualifizieren sie für die pädagogische Arbeit.“

Der Notfallplan sei klar definiert und allen Kolleginnen zugänglich. Die Geschäftsführung versichert: „Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung. Sobald genügend Fachkräfte für die langen Öffnungszeiten eingestellt sind, werden diese wieder angeboten.“ Rückerstattungen würden zwischen Eltern, Stadt und Träger geregelt. Bezüglich der Waldmühle verweist der Träger darauf, dass das Kinderhaus „erst für März 2020“ geplant sei.

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